Das Hermann-Hesse Projekt
HHP
Heft 9
13. Mai 2012
![[Foto: Hesse stehend in der Bibliothek, © H.Hesse Editionsarchiv, Volker Michels, Offenbach a.M.]](images/hesse-stehend.bibliothek-klein.jpg)
Foto: Editionsarchiv
Ist das Zen oder Zauberei?
Die erste Lektüre Hermann Hesses ist wie der Sprung auf ein ablegendes Schiff, das nie in den Heimathafen zurückkehren wird, und das heißt "Eigenes Leben". Von Michael Kleeberg
Und diese Ansichten über Hesse stammen seit Jahrzehnten bevorzugt von Zwergen, die gar nicht bemerken, welch komischer Anblick es ist, wenn sie weit ausholend dem Jahrhundertschriftsteller Dreck gegen die Hosenaufschläge werfen mit ihren Schäufelchen, auf denen solche Eti-ketten kleben wie „Kitsch", „Esoterik", „Epigonentum" oder „Weltflucht". Stellvertretend für all die Akrobaten der Häme, die einen Künstler von oben herab anspucken wollen, dem sie nicht mal bis zum Knie reichen, sei der fatale „Spiegel"-Artikel von 1957 erwähnt, betitelt „Im Genüse-garten", ein Schulbeispiel verlogenen Denunziationsjoumalismus, der aber vielen sich als Intellektuelle Verstehenden lange Zeit das (feuch-te) Pulver für ihre Hesse-Verachtung geliefert hat. Doch auch geistig normal- oder sogar hochgewachsene Menschen schätzen Hesse oft gering, auch wenn sie auf Nachfrage zugeben müssen, vieles von ihm gar nicht und anderes seit ihrer Jugend nicht mehr gelesen zu haben. Aber, sagen sie dann, wurde er nicht der „Autor des individuellen Katzenjammers" genannt, sah Benn nicht einen „durchschnittlichen Ehe und Innenlichkeitsromacier" in ihm, oder be-merkte Musil nicht, perfide und neidisch wie immer, wenn ein Kollege beim Leser die Lektürehingabe entfachte, die er selbst noch mit seinen klügsten Sätzen nie zu erwecken vermochte, er habe die Schwächen eines größeren Mannes, als ihm zukomme? Immer einmal wieder wacht ein Kritiker auf und stellt erstaunt fest, dass Hesse ja ebenso gut schreibt wie Musil (nach der Veröffentlichung des "Vierten Lebenslaufs Josef Knechts"); dass er ja politisch hellsich-tiger war als Thomas Mann (nach der Veröffentlichung ihres Briefwech-sels); oder dass er wie kein zweiter Deutscher die klassische chinesi-sche Philosophie durchdrungen hat und nicht nur dekorative „Chinoi-serien" hinstellte (nach der Veröffentlichung von Adrian Hsias Studie „Hesse und China"); ebenso, dass er zeitlebens ein unfehlbares Näs-chen für große Literatur besaß (der Vierzigjährige entdeckte als einer der ersten Deutschen die Größe von Kafka und Proust, der Achtzig-jährige die von Frisch, Arno Schmidt und Peter Weiss). Aber ein paar Monate später ist das alles vergessen, und das alte Klischee vom Autor für Jugendliche kriecht wieder hervor. Ein Lackmustest Und wann wäre ein passenderer Moment dazu als jetzt, wo anlässlich seines 50. Todestags gleich zwei neue Biographien sich zu dem statt-lichen Konvolut bereits vorhandener Lebenszeugnisse gesellen? Will man beschreiben, worin genau Hesses oft übersehene Sprachkunst liegt, so beginnt man am besten mit dem Brief einer jungen schwäbi-schen Leserin, der ihm, glaube ich, in den fünfziger Jahren zuging und in dem es in etwa hieß: „Was so schön isch, des isch, daß bei Ihne immer g'nau da, wo ma schnaufa muß, a Punkt oder a Komma steht." Die Simplizität seiner Sprache sollte also nicht darüber hinwegtäu-schen, dass das kein Zufall war, dass Hesse seine Leser nicht mit ostentativer Virtuosität zu beeindrucken suchte, um damit viele auszu-grenzen und wenige sich besonders klug fühlen zu lassen, sondern ein Meister musikalischer Rhythmik und Harmonik. Ein Beispiel dafür ist seine Erzählung „Kinderseele", in den letzten Tagen des Jahres 1918 entstanden, kurz nach Kriegsende. Im Be-wusstsein, dass alles kaputt war, was seine Existenz im Privaten wie im Öffentlichen ausmachte, setzte er sich an den Schreibtisch und be-gann mit zwei kurzen Absätzen, abrupt einsetzend, in einem Allegro, das den Leser sozusagen im Vorbeirollen mit auf den Wagen hebt, ohne viel Umstände zu machen:
Hesse schert sich nicht darum, einen Fiktionsraum aufzubauen, es geht um eine autobiographische Anekdote und ihre geistige Einordnung. „Als ich elf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule her nach Hause ..." geht es denn auch unvermittelt weiter, es lohnt aber, noch eine Sekunde bei dem ersten Satz zu verweilen, der Hessen unauf-fällige Kunst schön demonstriert. Die dialektische Situation wird eben nicht einfach zweimal im selben Stil repliziert, sondern gespiegelt wie der „Krebs" in der Zwölftonmusik, in einer umgekehrten Reihenfolge der Adjektive und Betonungen. Liest man den Absatz laut, stellt man fest, man betont in der ersten Hälfte das Wort "leicht", in der zweiten an denselben Stellen das Wort "nichts". Das ist stilistische Feinstmecha-nik, kein Wort dürfte anderswo stehen, sonst griffen die Rädchens des Klangs nicht mehr ineinander. Etwas anderes, was Hesse kann wie kein Zweiter, ist die Beschwörung der ersten Begegnung mit Kunst, der Überwältigung durch Kunst. Was da eigentlich geschieht, wenn ein sensibler junger Mensch plötzlich erschauernd erkennt, was Menschen schaffen können, aber auch welchen Tribut an Leib und Leben das fordert, das ist selten so nach-vollziehbar dargestellt worden wie in der Passage von "Narziß und Goldmund", als der junge Streuner, vom Madonnenbildnis des Meisters Niklaus angefasst, lernt, was an Begnadung und was an Handwerk und Lebensopfer nötig ist, um dergleichen zu schaffen. Ganz anders, aber genauso unvergesslich die Schilderung, wie der junge Joseph Knecht am Harmonium vom alten Meister behutsam und spielerisch in die Welt der Musik geleitet wird. Die einzige andere literarische Beschreibung dieses epiphanischen Moments, die damit Schritt hält, ist der Moment, in dem der junge Marcel in "Combray" angesichts der sich bewegenden Türme der Kirche in Martinville sein künstlerisches Erwachen erlebt. Und dass ich hier Proust nenne, geschieht nicht zufällig. Es gibt erstaunliche Parallelen. Nicht nur ist die erwähnte Erzählung "Kinderseele" das Psychogramm einer Pubertät, wie es ähnlich exakt und tiefgründig nur Proust zu gestalten vermochte, auch dessen Magie im Heraufrufen der Bilder und Düfte und Perspektiven der Kindheit findet sich in vielen Hesseschen Evokationen wieder, vorzugsweise in den späten Erzählungen, die mehr Vergangenheitsbeschwörungen als Fiktionen sind. Und dies ist der Moment, einen Appell an Volker Michels zu richten, den großen Hesse-Herausgeber und seinen Hausverlag: Schenken Sie uns eine Sammlung "Späte Prosa"! Beginnen Sie mit dem Erinnerungstext an seinen verstorbenen Bruder Hans, nehmen Sie die "Beschreibung einer Landschaft" hinein, vor allem die wunderbaren Geschichten "Der Bett-ler" und "Schulkamerad Martin", wildern Sie in den "Gedenkblättern", und Sie werden uns einen 200-Seiten Band schenken, der allen Zweif-lern und all denen, die glauben, nach dem "Glasperlenspiel" sei nichts mehr gekommen, schlagend beweisen wird, dass Hesses Prosa nie so vollendet, so schlackenlos, so intensiv, so warm leuchtend wie in seinen letzten Jahren war, dass er auf dem chinesischen Gipfel seiner Kunst angekommen war, wo ein Punkt und eine Linie auf weißem Papier eine ganze Welt erstehen lassen. Ist das Zen oder ist das Zauberei? Tatsache ist, dass der Erfinder des "Magischen Theaters" etwas wusste von den verborgenen Kräften, die in einem Wort gebannt sind. Hat eigentlich in all den Poetikvorlesungen, die in Deutschland aus dem Boden sprießen wie Pilze nach dem Regen, jemals jemand über die magischen Aspekte der Literatur und vor allem die Magie von Titeln geprochen? Ich kenne keinen Schriftsteller, der so viele magisch klingende und verheißungsvolle Buchtitel gefunden hat wie Hesse, und manchmal, wenn ich mich nicht darauf konzentriere, dann empfinde ich plötzlich wieder, anstatt mich nur daran zu erinnern, dieses überwältigende, lampenfiebrige Gefühl damals gegen Ende der Schulzeit, in der Buchhandlung vor diesen blauen und grünen Suhr-kamp-Taschenbüchern zu stehen, deren Titel wie Beschwörungsformeln klangen, wie Zaubersprüche, deren Aufsagen eine Initiation zur Folge haben würde, eine Reise ins eigene Innere, gefährlich und faszinierend. Oh, noch einmal siebzehn sein (aber nur dafür) und noch nicht wissen, was sich hinter diesen Titeln verbirgt, von deren Legende man schon hat raunen hören: "Klingsohrs letzter Sommer", "Demian", "Das Glas-perlenspiel", "Narziß und Goldmund" - und dann eines aufschlagen und spüren: Damit springst Du auf ein ablegendes Schiff, das nie in den Heimathafen zurückkehren wird, und das heißt: "Eigenes Leben", aber wohin es Dich tragen wird, das weißt du nicht. Hinter der Formkulisse So vieles müsste eine Biographie Hesses, wie ich sie mir wünsche, ent-halten. So viele Missverständnisse, Halbwahrheiten und Klischees müsste sie richtig stellen. Beispielsweise über Hesse angeblich fehlen-den Humor. Aus den ebenso herzerwärmenden wie herzerfrischenden Erinnerungen von Gunter Böhmer erfährt man nicht nur, dass Hesse viel gelacht hat, sondern auch, dass er offenbar über einen auf seine Um-gebung urkomisch wirkenden Deadpan-Humor verfügte, die Gabe, mit unbewegten Gesicht plötzlich die irrwitzigsten Sätze loszulassen. Böhmer berichtet über einen späten Geburtstag, an dem er den ver-grätzt wirkenden Hesse aufsucht, der all die Glückwunschbriefe und bunten Bildchen seiner Leser sortiert und auf einmal zwischen zusam-mmengebissenen Zähnen knirscht: "Schon wieder keine Geburtstags-karte von Picasso!" Es ist auch Böhmer, der von seinem Bauchgrimmen angesichts von Hesses inflationärer Benutzung von Adjektiven wie hold und hübsch spricht. An anderer Stelle antwortet Hesse auf diesen Vorwurf und erklärt: "Der eine Vers, den Sie sich als konventionell angestrichen haben, ist mir grade lieb. Und bei Eichendorff ist es ja noch viel auf-fallender, wie er sich geradezu hinter einer Formkulisse versteckt, weil das Originellseinwollende ihm so verhaßt ist. Auf Eichendorff hin, der mit dem Apparat eines naiven Volkslieds die unglaublichsten Dinge sagt, finde ich eure ästhetisch einwandfreien Dichter mit den schönen unge-brauchten Reimen ... einfach affig." Und damit wären wir auch bei den beiden neuen Biographien, denn dieses augenöffnende Zitat stammt aus dem Buch Deckers. Im Prinzip ist es ein mutiges Unterfangen, im Jahr 2012 eine weitere Lebensbe-schreibung vorzulegen, denn es ist ja nicht so, als herrsche ein Mangel daran. Wir haben natürlich Hugo Balls Buch von 1927, wir haben die beiden amerikanischen Biographien von Joseph Mileck und Ralph Freed-man, es gibt Gisela Kleines "Zwischen Welt und Zaubergarten" als Doppelbiographie von Hermann und Ninon Hesse und natürlich Volker Michels wunderschönes "Leben in Bildern und Texten" sowie seine Anthologie "Hesse in Augenzeugenberichten". Und diese Liste ist weit davon entfernt, komplett zu sein. Natürlich ist seit den achtziger Jahren eine Menge neues Studienma-terial dazugekommen, die Gefahr aber liegt in der zeitlichen Entfernung. Muss Hesses Leben und Streben in einer Epoche des postmodernen weltumspannenden Hedonismus (obwohl das globale Geplapper des Web 2.0 der Kritik des "feuilletonistischen Zeitalters" noch einmal eine ganz ungeahnte Aktualität verleiht) nicht völlig fremd wirken? Heimo Schwilks Arbeit lesend, habe ich das Gefühl, das Sujet seiner letzten Biographie, Ernst Jünger, habe ihm doch innerlich nähergestan-den und ihn stärker herausgefordert als Hesse. Deckers umfangreiches Werk hat mir viel Genuss und Vergnügen bereitet. "Ein hübsches Büch-lein", hätte Hesse mit besonderer Betonung gesagt. Und das hätte in diesem Fall geheißen: ein akribisches, ehrliches, kein Feld aussparen-des, streitbares und kenntnisreiches. Und vor allem getragen von der Überzeugung von Hesses Genius, an der auch die zwischendrin vorge-brachte und durchaus berechtigte Kritik an manchen Aspekten des Werks und des Menschen nichts ändert. Man soll ein Buch ja nicht danach beurteilen, ob das darin steht, was man selbst erwartet und erhofft, sonder nach seinen eigenen Meriten. Aber "Der Wanderer und sein Schatten" leuchtet mir auch noch da ein, wo ich persönlich einmal nicht einverstanden bin. Im Grunde "braucht" Hesse eine Biographie weniger als andere Schrift-steller, war sein ganzes Werk doch beständige Selbstanalyse, Spie-gelung und Prüfung der eigenen Lebenssituation, Glasperlenspiel auf dem Thema der biographischen Konstellationen und magisches Theater seiner individuellen Entwicklung. Und so wird es auch immer Leser geben, die auf jder Lebensstufe, nicht nur in ihrer erstmals zur Suche aufbrechenden Jugend, von der Dynamik zwischen Ich und Welt in seinem Werk profitieren. Und es wird auch immer Menschen geben, denen Hesses beständige Infragestellung eines Ankommenkönnens und Angekommenseins im Leben ein Graus ist; und die, da man sich nicht selbst dafür geringschätzen mag,, dass man irgendwann nicht mehr bereit ist zu Aufbruch und Reise, es Hesse anlasten, dass sie des Lebens Ruf an uns kein Gehör mehr zu schenken vermögen. *** Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors! Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, |
Quelle: FAZ, 18.3.2012
12. Mai 2012
![[Hesse Editionsarchiv, Offenbach a.M.]](images/haussmann-conrad-revised.jpg)
Conrad Haußmann
Unsignierte Portraitzeichnung 1911
Aufbegehren gegen den Nationalismus Von Elke Minkus Hermann Hesse, Conrad Haußmann. Von Poesie und Politik. Briefwechsel 1907-1922 Herausgegeben 2011 von Helga Abret
Das komplexe Werk Hermann Hesses werde mit diesem Band um eine neue Facette bereichert, sagte Silver Hesse, der Enkel Hermann Hesses, zu dem gerade erschienenen Briefwechsel zwischen dem Politiker Conrad Haußmann und dem Dichter Hermann Hesse. Eine neue Facette, denn Hesse, der von sich sagte, ihm liege alles Politische nicht, hat offensichtlich doch versucht während des Ersten Weltkriegs in das politische Geschehen einzugreifen. Conrad Haußmann (1857-1922) war ein einflussreicher linksliberaler Politiker, der sich gegen das imperialistische, autokratische Regime Wilhelm II. stellte. Haußmann entstammt einer schwäbischen Demokra-tenfamilie, studierte Rechtswissenschaften und wurde 32jährig in den Württembergischen Landtag gewählt. Von 1890 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war er Mitglied des Reichstags, danach gehörte er der Nationalversammlung an und wurde dort 1919 zum Vizepräsidenten und zum Vorsitzenden des Verfassungsausschusses ernannt. Hermann Hesse (1877-1962) war ganz Literat und lebte ausschließlich vom und für das Schreiben. Haußmann und Hesse waren unterschied-liche Charaktere. Der Politiker war aufgeschlossen, optimistisch und extravertiert, der Dichter war öffentlichkeitsscheu, introvertiert und neigte zu Depressionen. Haußmann entstammte einer weltoffenen Demokratenfamilie, Hesse dagegen einem streng pietistischen Eltern-haus. Haußmann war fast zwanzig Jahre älter als Hesse, und trotzdem verband die beiden eine langjährige, aufrichtige Freundschaft. Haußmann, der die Literatur liebte, selbst einen Band chinesischer Gedichte herausgab sowie unter einem Pseudonym Gedichte und hin und wieder literarische Essays veröffentlichte, bewunderte den Dichter Hesse. Hesse wiederum schätze Haußmann, weil er ein menschlich denkender und handelnder Politiker war, der gegen jegliche nationalisti-schen Tendenzen ankämpfte. Kennengelernt haben sich die beiden 1908, doch schon vorher wußten sie voneinander, denn sie schrieben beide für die satirische Zeitschrift Simplicissimus. Hesse lieferte Lyrik und Prosa, Haußmann politische Beiträge. Über die Arbeit für den Simplicissimus, der sich gegen den preußischen Militarismus und gegen die Person des Kaisers richtete, wurde Hesses politisches Interesse geweckt. Deshalb hat Hesse auch zugesagt, Mitherausgeber der neuen Halbmonatsschrift März zu werden, die international ausgerichtet, sich auch für die Überwindung der deutsch-französichen Spannungen einsetzte. Diese links-demokra-tische, Grenzen überwindende Ausrichtung der Zeitschrift überzeugte sowohl Haußmann als auch Hesse. Hesse war für den kulturellen Teil, Haußmann für den politischen Teil des Blattes verantwortlich. Von nun an entspannt sich ein regelmäßiger, freundschaftlicher Brief-wechsel. Viel ist zunächst von Litereatur die Rede. Hesse schickt Haußmann seine jeweils neuesten Erzählungen, auch Gedichte und Romane. Haußmann fühlt sich in Hesses Geschichten ein und kommen-tiert sie in einer Art und Weise, die Hesse sehr schätzt. Viel ist auch von der Arbeit für den März die Rede, womit sich politische Aussagen verbinden. Bereits 1908 waren auch elsässische Schriftsteller und Politiker Mitarbeiter des März. Für den abgelegen am Bodensee leben-den Hesse war die Arbeit für die Zeitschrift die Verbindung zu kriti-schen, liberalen, international ausgerichteten Künstlern und Politikern. Hesse schätzte das und unterstützte diesen Geist, wo er konnte. Allerdings stieß er wie seine Kollegen an seine Grenzen. Die Realpolitik im wilhelminischen Deutschland sah nämlich anders aus. Die Linkslibera-len hatten keine Chance ihre politischen Interessen durchzusetzen. Das deutsch-französische Verhältnis verschlechterte sich und ein Wett-rüsten in Europa begann. Hesse, der 1912 in die Schweiz gezogen ist, zog im Jahr darauf enttäuscht seine Herausgeberschaft zurück, blieb aber weiter freier Mitarbeiter, und damit in Kontakt mit Conrad Haußmann und mit Theodor Heuss, der inzwischen Redakteur des März geworden war. Dieses Dreiergespann versuchte weiter gegen die immer häufigeren nationalistischen Haßtiraden weltoffene, liberale Tendenzen zu setzen. Doch 1917 konnte der März aus finanziellen Gründen nicht mehr erscheinen. Die Politiker Haußmann und Heuss konnten auf politi-scher Ebene weiterarbeiten. Hesse hatte sein Sprachrohr verloren. Aber der Dichter hatte inzwichen eine andere Aufgabe gefunden. Hesse hatte inzwischen in Bern mit dem Schweizer Roten Kreuz eine Bücher-zentrale für deutsche Kriegsgefangene eingerichtet. Er versorgte die Gefangenen mit Büchern und Schreibmaterial. Bei dieser Arbeit für die Kriegsgefangenen in der Schweiz begegnete Hesse auch französichen Mittelsmännern, die hinter den Kulissen diplomatisch tätig waren und den Austausch mit den liberalen Kräften in Berlin suchten. Eine zentrale Rolle kommt dabei dem linksliberalen Schriftsteller und Journalisten Her-mann Stegemann zu. Stegemann, in Deutschland geboren, im Elsass aufgewachsen und seit 1901 naturalisierter Schweizer, war Kriegs-berichterstatter, dessen Artikel in Deutschland und im Ausalnd für deren zwar pro deutsche, aber ruhige und klare Darstellung geschätzt wurden. Stegemann bot eine beratende Funktion zwischen Bern und Berlin an. Woran der Schweiz sehr lag, denn nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Belgien lebte man in der Schweiz in der Furcht vor einer weiteren Neutralitätsverletzung und dem Einmarsch deutscher Truppen. Auf deutscher Seite war Stegemanns Rat bei militärischen Aktionen willkommen, denn er konnte aufgrund seiner Sprachkenntnisse auch die Heeresberichte der kriegsführenden Mächte auswerten. Hesse kannte seinen Schriftstellerkollegen bereits und es war ihm ein Leichtes Stegemann in Bern zu treffen und diplomatisch hinter den Kulissen tätig zu werden. Die Informationen Stegemanns konnte Hesse unauffällig an Conrad Haußmann in Deutschland weitergeben. Ziel der Bemühungen war es Friedensgespräche zu initiieren. Doch bei der Obersten Deutschen Heeresleitung stießen die Vermittlungsversuche auf taube Ohren. Die Ausssichtslosigkeit durch Diplomatie einen frühen Friedensschluß zu erreichen, veranlasste Hesse, 1917 seine politischen Bemühungen einzustellen. Haußmann, der Politiker, versuchte weiter-hin, sich für einen Verständigungsfrieden einzusetzten, hatte aber auch den Glauben daran verloren. Hesse arbeitete weiter für die Kriegsge-fangenfürsorge und versuchte wieder die Konzentration fürs Schreiben zu finden. Der Briefwechsel mit Haußmann und gelegentliche persönliche Treffen werden fortgesetzt, aber zumindest in den Briefen reden die beiden nun wieder mehr über Literatur, denn über aktuelle politische Geschehnisse. Als einfühlsamer Leser kommentiert Haußmann zuweilen Hesses Publika-tionen und Hesse fühlt sich verstanden. Als Antwort auf eine solche Analyse schreibt Hesse 1921 an Haußmann: “Es gibt nicht viele, die mich so gut kennen wie Du.“ Den Politiker und den Dichter verband eine langjährige aufrichtige Freundschaft. Der Politiker, der großes Interesse für die Literatur hatte, der außerordentlich belesen war und selbst schriftstellerisch und editorisch tätig. Der Dichter, der öffentlich immer betonte, unpolitisch zu sein, der aber durch den Einfluß Haußmanns einige Jahre lang, wenn nicht offiziell, so doch hinter den Kulissen, versuchte die Politik mitzugestalten. Es ist ein spannender Briefwechsel, der tatsächlich eine neue Facette Hermann Hesses offenbart, und der zeigt welche Bemühungen Einzelne vor und während des Ersten Weltkriegs unternahmen, um ein Zeichen zu setzen gegen die nationalistischen Haßtiraden und die versuchten mit ihren Mitteln dem Schlachten ein Ende zu setzen. Und es ist ein Buch das hervorragend kommentiert ist. Helga Abret hat vier Jahre lang an diesem Buch gearbeitet. Sie hat ein Werk geschaffen, das dem Leser einen neuen Blickwinkel auf Hesse und sein politisches Engage-ment verschafft. Man kann sehr viel lernen, wenn man alle Fußnoten und Anhänge und vor allem das äußerst kenntnisreiche Vorwort von ihr liest. Es lohnt sich tatsächlich jede Zeile dieses Buches zu lesen. Helga Abret, die in Breslau geboren wurde und in Frankreich lebt, hat hier einen wichtigen Beitrag zur Hesse-Forschung geleistet, und sie hat eine herausgeberische Bravourleistung vollbracht. *** Hermann Hesse, Conrad Haußmann. Von Poesie und Politik. Briefwechsel 1907-1922. Herausgegeben von Helga Abret. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 407 Seiten, 29,90 Euro. |
Quelle: Elke Minkus, 2012
20. Juli 2011
Typisch Hesse?
Hermann Hesse als Archetyp im Werk Gunter Böhmers

In seinem Atelie in der Casa Camuzzi
Klappenfoto: © Rogge, 1986, in:
Gunter Böhmer illustriert Weltliteratur
Hgg.: 2011, Gunter-Böhmer-Stiftung, Calw
Gunter Böhmer (1911 – 1986), geboren in Dresden, besuchte nach dem Abitur zunächst die Dresdner Akademie und später die Kunstakademie in Berlin, wo er Schüler von Emil Orlik und Hans Meid wurde und dem Maler Max Slevogt begegnete. 1933 kam Gunter Böhmer auf Einladung von Hermann Hesse, mit dem er einen Briefwechsel begonnen hatte, nach Montagnola. Der junge Maler und Zeichner bezog das Dachgeschoss der Casa Camuzzi, in der zwischen 1919 und 1931 auch Hermann Hesse gewohnt hatte. Der Schriftsteller wurde dem jungen Künstler bald ein väterlicher Freund, und er war es auch, der Böhmer zu dessen erstem Illustra-tionsauftrag verhalf: 1933 konnte er für den S. Fischer-Verlag die Neuauflage von Hesses Jugendroman Hermann Lauscher illustrieren. Diese Aufgabe bedeutete für Gunter Böhmer eine grosse Anerkennung und war Auftakt von in den folgenden Jahrzehnten Hunderten von Während seiner Tessiner Zeit studierte und arbeitete Gunter Böhmer längere Zeit in Paris und Italien. 1945 heiratete er die Teppichweberin Ursula Bächler, eine Nichte von Maria Geroe-Tobler. Von 1960 bis 1976 hatte Böhmer eine Professur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Abteilung Freie Graphik, inne. Im Alter erfuhr Böhmer zahlreiche Ehrungen; unter anderen erhielt er die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg und wurde Ehrengast der Deutschen Akademie Rom (Villa Massimo) sowie Ehren-mitglied der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Die enge, vielfach von Humor geprägte Freundschaft zwischen Hermann Hesse und Gunter Böhmer fand vielfältigen Ausdruck, beispielsweise in häufigen Besuchen Böhmers in der Casa Rossa oder Gunter Böhmer formulierte die Bedeutung dieser Beziehung in seinen späteren Lebensjahren:
Zum 100. Geburtstag von Gunter Böhmer (1911–1986) wird nun im Museum Hermann Hesse eine Auswahl größtenteils unveröffentlichter Blätter gezeigt, die in Zusammenhang mit Hermann Hesse stehen. Der Schriftsteller diente dem Künstler für Skizzen, Zeichnungen und Illustrationen als Vorlage, sowohl als Porträtierter als auch häufig als »Typ«. Die charakteristische Physiognomie Hesses wurde auch auf humorvolle Weise hervorgehoben, was auf eine grosse Vertrautheit |
Ausstellungseröffnung im Museum Hermann Hesse Montagnola
Hinweis:
Besucher der Vernissage im Museum Hermann Hesse haben die Gelegenheit, vorher an einer
Führung (Heidi Kupper und Alessandro Soldini, deutsch und italienisch) in der noch bis zum 18.9.
2011 geöffneten Ausstellung „Gunter Böhmer – zwischen Traum und Albtraum“, die im Schulhaus
in Montagnola eingerichtet ist, teilzunehmen.
Treffpunkt Museum Hermann Hesse, 17.15 Uhr.
Museum Hermann Hesse, 17. September 2011 – 1. Februar 2012
Vernissage: Freitag, den 16. September 2011, 18.30 Uhr
Begrüssung: Sabrina Romelli
Einführung: Alessandro Soldini
In Zusammenarbeit mit der Fondazione Ursula e Gunter Böhmer,
Collina d‘Oro.
Mit Unterstützung der Bank Julius Bär.
Museo T. +41 (0) 91 993.37.70 / F. +41 (0) 91 993.37.72 / info@hessemontagnola.ch
Caffè letterario Boccadoro T. +41 (0) 91 993.37.50 / boccadoro@hessemontagnola.ch
20. Juli 2011
![[Foto aus: Hermann Hesse. Sein Leben in Bildern und Texten. Hrsg. Volker Michels. S.40. © Suhrkamp Verlag 1979]](images/calw-old.jpg)
"Gerbersau"
Ausgewählte Veranstaltungen anläßlich Hesses 50. Todestag am 9. August 2012
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. In Städten, Verlagen, Theatern, Sendeanstalten und in wissenschaftlichen Gremien laufen schon jetzt die Vor-bereitungen für Veranstaltungen zu Hermann Hesses 50. Todestag im nächsten Jahr. Zahlreiche neue Publikationen und Veranstaltungen wird es zu Hesses Leben und Werk geben. Die Planungen laufen zum Beispiel für eine internationale Tagung an der Universi-tät von Szeged in Ungarn.“Hermann Hesse und die Moderne“, lautet der Titel der Konferenz, die Ende April/Anfang Mai 2012 stattfinden wird. Einen weiteren internationalen Kongress veranstaltet die Hermann-Hesse-Forschungsstelle der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf in Zusammenarbeit mit der Universität Bern und dem Schweizerischen Literaturarchiv. Die Referenten haben sich zur Auf-gabe gestellt, das litererische und bildnerische Schaffen Hesses neu zu deuten und in die literarisch- und kunsthistorische Entwicklung der klassischen Moderne einzuordnen. Die Tagung findet vom 23.bis 26. März 2012 in Bern statt. Einen ganz neuen Zugang zu Hermann Hesse unternimmt der Südwestrundfunk. Regisseur und Drehbuchautor Jo Baier verfilmt Hesses Erzählung Die Heimkehr. Verpflichtet hat er dafür deutsche Schauspielprominenz. Heike Makatsch spielt Katharina Entriß, August Zirner giebt August Schlotterbeck und Herbert Knaup verkörpert den Bürgermeister von Gerbersau. Die Geschichte spielt in Gerbersau, dem Synonym für Hesses schwäbische Heimatstadt Calw. Kleinstädtisch und spießig geht es dort zu. August, der als Jugendlicher Gerbers-au verlassen hat, kehrt nach Jahrzehnten aus dem Ausland in seine Heimat zurück – und wird mit einer Mischung aus Mißtrauen und Ehrerbietung ob seines vermeintlichen Reichtums betrachtet. Die Erfahrungen, die August in England, Amerika und Rußland gemacht hat, sind nicht kompatibel mit den Ansichten der alteingessessenen Gerbersauer, die ihre kleine Stadt nie verlassen haben. Doch lernt August eine Witwe kennen, die bei den Gerbersauern in schlechtem Ruf steht und die von ihnen gemieden wird. August wirbt um sie und wird schließlich erhört. Jo Baier hat sich dieser Geschichte angenommen und dreht sie ab August unter anderem in Schwäbisch Gmünd. Man darf gespannt sein, wie der Regiesseur die Erzählung Hesses umsetzen wird. Ausgestrahlt wird der Film voraussichtlich im Frühsommer 2012 zur besten Sendezeit: um 20.15 Uhr in der ARD. Elke Minkus |
Quelle:© Elke Minkus, Co-editor HHP, 2011
Mitteilungen aus der Nähe
Freundschaft und Wertschätzung: Der Briefwechsel zwischen Hermann Hesse und
Hans Purrmann aus den Jahren 1945 bis 1965
Rezension von OLIVER BENTZ
![[Foto dieses Purrmann Gemäldes war Teil einer Pressemitteilung des Hermann Hesse Museums in Montagnola. Keine Copyright-Angaben, kann Copyright-geschützt sein, HHp 2011]](images/quadro-purrmann-klein.jpg)
Ausblick aus dem Hesse-Zimmer (Casa Camuzzi)
Foto eines Purrmann Gemäldes aus der Pressemitteilung des Hesse Museums Montagnola
Über zwei Jahrzehnte waren der Schriftsteller Hermann Hesse und der 1880 in Speyer geborene Maler Hans Purrmann in Montagnola im Tessin Nachbarn und Freunde. Während Hesse am Dorfrand die großzügige Casa Rossa bewohnte, hatte sich Purrmann im alten Ortskern in der pittoresken Casa Camuzzi niedergelassen. Obwohl sie nur wenige Gehminuten auseinander lebten und sich gegenseitig besuchten, wechselten der Schriftsteller und der Maler auch innerhalb des Dorfes über die Jahre zahlreiche Postkarten und Briefe, die den vertrauten Umgang der beiden Künstler, ihre geistige Nähe und die gegenseitige Wertschätzung und Anteilnahme am Werk des jeweils anderen widerspiegeln. Eva Zimmermann und Felix Billetter legten jetzt den Briefwechsel der beiden aus den Jahren 1945-1965 in einem schön aufgemachten Band vor, der auch in den Briefen thematisierte Texte Hesses und Purrmanns zu Literatur und Kunst enthält. 1919 übersiedelte Hermann Hesse nach Montagnola, wo er zuerst in der Casa Camuzzi lebte, ehe er 1931 mit seiner dritten Frau Ninon in die Casa Rossa übersiedelte, eine Art Doppelhaus, dessen zwei Teile intern miteinander verbunden waren, in dem aber jeder der Partner seinen eigenen Lebensbereich gestaltete. Hans Purrmann, der seit 1935 Leiter des prestigeträchtigen deutschen Künstlerhauses Villa Romana in Florenz war, kam auf der Flucht vor dem Kriegsgeschehen 1943 nach Montagnola, wo er bis 1948 im Hotel lebte, ehe er in die Casa Camuzzi zog. In ihrem Briefwechsel tauschten sich die beiden betagten Künstler über eine Vielzahl von Themen aus Politik, Kunst und Literatur aus. Sie erfuhren miteinander die Freuden eines abgeklärten, erfahrungsreichen Lebens, sowie die Sorgen des Alters - und sie teilten in einer für Kunstschaffende nicht gerade häufigen zutiefst ehrlichen und uneitlen Art die Freude über die jeweiligen Erfolge des anderen.
Foto aus einer Pressemitteilung des Hermann Hesse Museums in Montagnola So schrieb Purrmann anlässlich der Verleihung des. Nobelpreises für Literatur 1946 an seinen Nachbarn
Und Hesse freute sich 1960 für Purrmann anläßlich des Erscheinens eines dicken Katalogbuches:
Purrmann, der im Gegensatz zu Hesse bis zu seiner Erkrankung 1959 sehr viel reiste, berichtete dem Nachbarn auch davon. Etwa über seinen Besuch in Speyer, wo er 1951 anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerschaft die lokalen Honoratioren irritierte:
Als Hesse, der Purrmann auch immer wieder Lyrisches sandte, diesen 1953 im Gedicht Alter Maler in der Werkstatt verewigte, fand der Maler das Wesen seiner Kunst so tief getroffen, dass er dem Dichter in einem höchst emotionalen Schreiben antwortete:
Nach dem Tod Hermann Hesses im August 1962 schrieb Ninon Hesse an Hans Purrmann:
*** LESEZEICHEN Hermann Hesse - Hans Purrmann: Briefe 1945-1965; herausgegeben von Eva Zimmermann und Felix Billetter; mit ausgewählten Texten von Hermann Hesse und Hans Purrmann zu Literatur und Kunst; Edition A. B. Fischer; 176 Seiten; 19,80 Euro. |
Text mit frdl. Genehmigung: Oliver Bentz und DIE RHEINPFALZ, Nr. 151. Samstag, 2. Juli 2011
Abbildungen: Bestandteil einer Pressemitteilung des Hermann Hesse Museums, Montagnola v. 30.3.2011
6. Juli 2011
"Verehrter großer Zauberer"
Der Dramaturg Peter Weiss und Hermann Hesse
![[Foto "Peter Weiss in Montagnola, 1937", © Editionsarchiv Volker Michels, Offenbach a.M.]](images/peter-weiss.jpg)
Peter Weiss in Montagnola, 1937
Peter Weiss, Schriftsteller, Maler, Grafiker und Experimentalfilmer, wurde 1916 in der Nähe von Berlin geboren. Nach häufigen Wechseln der Wohnorte ließ sich die Familie 1936 schließlich in der Tschechoslowakei nieder. Zu dieser Zeit war Weiss noch unentschlossen, ob er sich der Malerei oder eher dem Schreiben widmen sollte. Im Januar 1937 schrieb der Zwanzigjährige an Hermann Hesse, dessen Werke, insbesondere Die Morgenlandfahrt, ihn zur Selbstverwirklichung als Künstler ermutigt hatten:
Er erhielt vom Älteren eine wohlwollende Antwort:
Im September des gleichen Jahres reiste Peter Weiss nach Montagnola und wohnte sechs Wochen in der Casa Camuzzi. Sein Roman Cloe, dessen Manuskript er Hesse nach seiner Abreise zusandte, reflektiert diese Zeit. Ein Jahr später, Weiss war inzwischen durch die Vermittlung von Hermann Hesse an der Prager Kunstakademie eingeschrieben, begab sich der junge Künstler zusammen mit seinen Freunden Robert Jungk und Hermann Levin Goldschmidt zu Fuss von Zürich aus erneut nach Montagnola, ein „fideler Bund der Morgenlandfahrer". Diesmal blieb er fünf Monate in der Nähe Hermann Hesses, und zwar im Haus von Olly Jacques in Carabietta. In dieser Zeit war er außerordentlich produktiv, malte, zeichnete und schrieb viel in seinem Atelier. Unter anderem illustrierte er Hesses Märchen Die Kindheit des Zauberers. Im Januar 1939 verliess Weiss das Tessin und kehrte zu seinen Eltern zurück, die inzwischen nach Stockholm emigriert waren. Bis 1947 blieb für Weiss die Malerei das hauptsächliche künstlerische Ausdrucksmittel. In den folgenden fünf Jahren trat das literarische Schaffen in den Vordergrund, erst in schwedischer Sprache, danach auch auf Deutsch. Ab 1952 widmete sich Weiss dem Medium Film; es entstanden mehrere Dokumentar- und Experimentalfilme. Der Briefwechsel mit Hermann Hesse war von 1944 an unterbrochen und wurde erst 1961 anlässlich der Pubkation von Weiss' Roman Abschied von den Eltern wieder aufgenommen. Hermann Hesse reagierte begeistert: „Lieber Peter Weiß!
1962, kurz vor Hermann Hesses Tod, besuchte Weiss seinen väterlichen Freund ein letztes Mal in Montagnola. Peter Weiss erlebte jedoch keine wirkliche Nähe zu dem immer noch „hochverehrten Meister", der Besuch hinterließ bei ihm Verwirrung und Traurigkeit, wie seinem Notizbuch zu entnehmen ist:
Und an anderer Stelle heisst es: „Im Park von Lugano, beim Blick hinunter auf die Allee am Seeufer, waren mir die Tränen gekommen - war ein Besucher, zwischen tausenden." Den internationalen Durchbruch erlangte Peter Weiss zwei Jahre nach dem Tod des Meisters" im Jahr 1964, mittlerweile Mitglied der »Gruppe 47«, mit dem Theaterstück “Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade. In den folgenden Jahren gewann er zahlreiche Literaturpreise in Ost- und Westdeutschland sowie in Schweden. Bis zu seinem Tod 1982 trat Weiss vor allem als politisch engagierter Bühnenautor an die Öffentlichkeit, machte sich jedoch auch mit seiner Trilogie Ästhetik des Widerstands einen Namen. Posthum wurden ihm der Georg-Büchner-Preis, der Bremer Literaturpreis und der Schwedische Theaterkritikerpreis verliehen.
Copyright © Regina Bucher, Fondazione Hermann Hesse Montagnola Reprinted here with the kind permission of the author.
Tesssiner Zeitung, TZ-Sonderausgabe, Frühjahr 2011, S. 21 |
15.6.2011
6. Juni 2011
"Der Kareno-Tag"
![[Watercolor by Hesse, 1926,© Editionsarchiv Volker Michels, Offenbach a.M., abgedruckt in der TZ Tessiner Zeitung, mit deren Genehmigung, HHP 2011]]](images/carona-painting.jpg)
Hermann Hesse hielt sich in den ersten Tessiner Jahren sehr häufig in Carona auf. Kennengelernt hatte er dieses wunderschöne, idyllische Dorf gleich im ersten Sommer auf Wanderungen, die er von Montagnola aus zusammen mit Freunden unternahm. In zweierlei Hinsicht bedeutsam ist der Ausflug, den er am 24. Juli 1919 mit der Künstlerin Margherita Osswald-Toppi, deren Ehemann Paolo Osswald, sowie der Malerin Anny Bodmer und ihrem Mann, dem Arzt Hermann Bodmer nach Carona machte. Literarisch hat dieser Ausflug Hermann Hesse zu dem Kapitel „Der Kareno-Tag" in seiner Erzählung Klingsors letzter Sommer inspiriert, in der diese Personen in den Charakteren „Ersilia", „Agosto", „die Malerin" und „der Doktor" wiederzuerkennen sind. Persönlich war dieser Tag folgenreich, weil Hesse in Carona seine spätere Frau, die zwanzig Jahre jüngere Ruth Wenger (18971994), die „rote Königin der Gebir-ge", wie er sie im Klingsor nennt, näher kennenlernte. Auch heute noch ist die Ankunft in Carona, von Pazzallo und Carabbia kom-mend, ausserordentlich spektakulär, denn die Straße führt durch einen Torbo-gen direkt unter dem Kirchturm von San Giorgio hindurch und wird im Klingsor wie folgt beschrieben: »[...] da war das Ziel, plötzlich, unverhofft: ein dunkler Torgang, eine große, hohe Kirche aus rotem Stein, froh und selbstbewußt in den Himmel hinan geschmettert, ein Platz voll Sonne, Staub und Frieden, rot verbrannter Rasen, der unterm Fuße brach, Mittagslicht von grellen Wänden zurückgeworfen, [...] eine Steinbrüstung um weiten Platz über blauer Unend-lichkeit.« Hermann Hesse hielt sich in Carona häufig im „Papageienhaus" auf, dem Wohn-haus der Famile Wenger im Dorfkern, oder in ihrem Gärtchen, von Hesse „blauer Stern" genannt, direkt hinter der Kirche San Giorgio. Oft unternahmen er und Ruth in Gesellschaft von Freunden, darunter Emmy Ball-Hennings und Hugo Ball, Spaziergänge in die umliegenden Wälder, zum San Salvatore oder nach Morcote oder sie besuchten Lisa Tetzner und Kurt Kläber in ihrer Casa Pantrovà. Beson-ders hatten es Hermann Hesse die Kirchen des Dorfes angetan. Am Ortsende, gleich beim Friedhof, liegt die mittelalterliche, später barockisierte Kirche Santa Marta, wo Hesse sich nicht nur aufhielt, wenn er Ruth Wenger besuchte. So führte er auch seine Schwester Adele während eines Tessinbesuchs im Mai 1921 hierher und schrieb an seine zukünftige Frau Ruth in Delsberg: „Weißt du, wo ich im Gras liege und dies schreibe? Ich komme mit dem Rucksack und mit meiner Schwester eben von der Madonna d'Ongero und liege bei Sta. Martha, unter mir Nagasaki, meine Schwester ist müd und ist eingeschlafen, ich schreibe unterdessen zwei Zeilen an dich [...]. Die Grillen singen. [...] Am Generoso gehen die Wolkenschatten, die Hummeln fliegen." Von der Bank vor der Ein-gangstür hat man auch heute noch einen wunderbaren Blick auf den Monte Generoso mit seinen bewaldeten Hängen. Noch Jahrzehnte nach der Trennung von Ruth, schon 75 Jahre alt und längst mit seiner dritten Frau Ninon verheiratet, schien sich Hesse an diesen friedvol-len Ort zu erinnern, wie er in einem Brief berichtet: „Neulich Anfang März, hatten wir einen Besuch, dem wir versprochen hatten, ihn eine Stunde spazie-ren zu fahren. Wir fuhren nach Carona und stiegen unterhalb der Sta. Marta aus, es war überall Frühling und nirgends mehr Schnee [...]. Etwas mühsam stieg ich zum Kirchlein hinauf, dort oben ist beinah noch alles genau wie es einst war." Hesses Lieblingsort war jedoch zweifellos die Waldkirche Madonna d'Ongero, un-gefähr eine Viertelstunde Fußweg von Santa Marta entfernt. Hermann Hesse widmete diesem Gotteshaus gleich zwei Betrachtungen, Madonna d'Ongero, entstanden 1923, und Madonnenfest im Tessin von 1924. Die Ankunft bei der Kirche beschrieb er in seiner ersten Betrachtung: »Nun geht es durch Wald, schon am Geräusch des Laubes beim Vorüberstreifen fühle ich, daß hier zwi-schen den Kastanien auch Buchen stehen, hierzulande selten und schon darum stets willkommen und begrüßt. Plötzlich mündet der Weg in eine breite, stolze Rampe, die zwischen zwei Reihen von Stationshäuschen zur Madonna hinauf-fährt. Feierlich leitet der begraste Anstieg zur Kirche empor, einer in hellem warmen Rotgelb dämmernden Vorhalle entgegen, und hinter Kirche und Bäumen blendet Himmelshelle und durchglänzte westliche Ferne ahnungsvoll herein, und aufatmend steh ich oben. Da steht die alte Marienkirche schlafend mitten im schweigenden Walde, einsam am endlosen waldbewachsenen Berghang, und vor der bedachten Vorhalle ist Raum geblieben für eine halbrunde Schanze, eine von niederer Mauer umfaßte Pfalz [...].« Einmal im Jahr, am zweiten Sonntag im September in den Nachmittagsstunden, wird bei der Kirche ein grosses Fest gefeiert, wenn die goldene Madonna für eine Prozession die Kirche verlässt. Hermann Hesse und Ruth Wenger nahmen zwischen 1921 und 1924 jedes Jahr am Madonnenfest teil, meist in Gesellschaft von Emmy BallHennings, Hugo Ball und der Familie Wenger.
Die Prozession wird in der Betrachtung Madonnenfest im Tessin von Hermann Hesse ausführlich und sehr anschaulich geschildert. Jedes Mal habe er „irgend-ein Bild, einen Klang, einen Duft mitgenommen und [...] den Augenblick des Festes [...] dankbar und ergriffen mitgefeiert." Und weiter heisst es: „So ver-bindet vieles mich mit der kleinen Kirche am Berge, und am meisten liebe ich ihre Verborgenheit und magische Stille, ihr Sichverstecken, ihr Bestreben nach Unsichtbarkeit, ihre scheue Abwehr gegen Lärm und Menge, lauter Züge, in denen ich sie ganz und gar zu verstehen glaube.» *** Copyright © Regina Bucher, Fondazione Hermann Hesse Montagnola Reprinted here with the kind permission of the author. |
Faksimile Wiedergabe der Tessiner Zeitung
PDF Format siehe unter dem 22. Mai 2011
Quelle: Tessiner Zeitung, Locarno
6.Juni 2011
"Verloren sein ... ist dies das Ziel?"
Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings: Dadaisten, Dichter, Denker
![[Emmy Ball-Hennings, © Schweizerisches Literaturarchiv Bern, Nachlass Hugo Ball/Emmy-Ball-Hennings; ohne Datum]]](http://s345260554.online.de/images/emmy-ball-tz-2011.jpg)
Emmy Ball-Hennings
Hugo Ball (1886-1927) wuchs in der süddeutschen Stadt Pirmasens in einem katholischen Elternhaus auf. Nach einem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie, welches er nicht abschloss, wurde Ball Schauspielschüler am Deutschen Theater Berlin und arbeitete ab 1912 als Dramaturg bei den Münch-ner Kammerspielen. 1914 kehrte er nach Berlin zurück, wo er sich für expres-sionistische Kunst und die literarische Avantgarde engagierte und in mehreren Zeitschriften veröffentlichte. Ein Jahr später emigrierte er mit Emmy Hennings, die er in München kennengelernt hatte, nach Zürich. Emmy Hennings (1885-1948) hatte eine wechselvolle Geschichte hinter sich: In Flensburg geboren und aufgewachsen, verdingte sie sich zunächst als Dienstmädchen. Nach einer ge-scheiterten Ehe, aus der die Tochter Annemarie (1906-1987) hervorging, arbei-tete sie als Theater-Schauspielerin, Diseuse, Animiermädchen, Hausiererin und Prostituierte. Ab 1910 war Emmy Hennings für zahlreiche Künstler Muse, Gelieb-te und Modell; gleichzeitig begann sie, Morphium und Opium zu konsumieren. 1911 konvertierte sie zum katholischen Glauben und fing an, als Diseuse in der Münchner Künstlerkneipe „Simplicissimus" zu arbeiten. Zwei Jahre später wurde ihr erster Gedichtband Die letzte Freude veröffentlicht, und kurz darauf ver-brachte sie wegen kleinerer Vergehen zweimal mehrere Wochen im Gefängnis. Auch nach dem Umzug mit Hugo Ball nach Zürich änderte sich zunächst nichts an diesem Alltag aus Armut, Prostitution, Drogensucht und Tingeltangel. 1916 gründeten Emmy Hennings und Hugo Ball das „Cabaret Voltaire", welches sich zum Ausgangspunkt der dadaistischen Bewegung entwickelte. Ein Jahr später organisierte Ball zusammen mit Tristan Tzara die „Galerie Dada", in der Künstler wie Paul Klee, Wassily Kandinsky, Hans Arp und August Macke ausstellten.
Emmy Hennings und Hugo Ball traten im Cabaret Voltaire auf und bestritten auch Soireen in der Galerie Dada. 1918 und 1919 erschienen Hugo Balls Romane Flametti oder Vorn Dandvvsmus der Armen und Kritik der deutschen Intelli-genz. Emmy Hennings veröffentlichte Gefängnis(1919) und Das Brandmal(1920). Immer wieder unternahmen die beiden Künstler von Zürich aus Reisen ins Tes-sin. 1920 heirateten sie in Bern und zogen im August nach Agnuzzo, nachdem Hugo Ball sich endgültig und radikal dem Katholizismus zugewandt hatte. Im Tessin waren beide weiter schriftstellerisch tätig und publizierten verschiedene Werke, darunter Byzantinisches Christentum. Drei Heiligenleben (1923) und Die Flucht aus der Zeit (1927) von Hugo Ball und Der Gang zur Liebe (1926) und Hugo Balls Weg zu Gott (1931) von Emmy Ball-Hennings. Hugo Ball starb 1927 an einer Krebserkrankung. Seine Witwe lebte bis zu ihrem Tod 1948 in verschiedenen Dörfern im Tessin, unter anderem auch in Agnuzzo. *** Copyright © Regina Bucher, Fondazione Hermann Hesse Montagnola |
Faksimile Wiedergabe der Tessiner Zeitung siehe unter dem 22.Mai
Quelle: Tessiner Zeitung, Locarno
22. Mai 2011
![[Faksimile der Sonderausgabe 2011 der Tessiner Zeitung, mit Genehmigung ]Redaktion. HHP 2011](http://s345260554.online.de/images/TZ-Sonderausgabe-2011.jpg)
Die Einführung aus der Sonderausgabe der TZ:
Hermann Hesse und seine Künstlerfreunde im Tessin Von 1919 bis zu seinem Tod 1962 lebte Hermann Hesse in Montagnola, heute ein Ortsteil von Collina d'Oro, kaum zehn Autominuten von Lugano entfernt. Die ersten zwölf Jahre wohnte er in einer Wohnung in der Casa Camuzzi und ab 1931 in der Casa Rossa oberhalb der Ortskerns. Das Tessin, erst nur als vorübergehender Aufenthaltsort geplant, wurde für Hermann Hesse zur Heimat, wo er seine millionenfach aufgelegten Werke schrieb und deren reizvolle Landschaf ihn zum Malen inspirierte. In Montagnola erreichte ihn 1946 die Nachricht von der Verleihung des Nobelpreises für Literatur und hier wurde er, kurz vor seinem Tod, feierlich mit der Ehrenbürgerschaft der Gemeinde geehrt. Außer Hesse ließen sich auch andere Künstler in der Gegend nieder oder hielten sich zumindest für einige Zeit in dem Dorf Montagnola auf. Dazu gehörten der Illustrator, Grafiker und Maler Gunter Böhmer, der auf Einladung von Hermann Hesse 1933 nach Montagnola kam und bis zu seinem Tod im Jahre 1986 hier wohnte, und die Teppichweberin Maria Geroe-Tobler. Auch Peter Weiss, der später ein weltbekannter Dramaturg und Experimentalfilmer wurde, kam 1937 und 1938 wegen Hermann Hesse ins Tessin und wohnte in der Casa Camuzzi und im nahen Dorf Carabietta. Erst 1944 stieß der aus Deutschland stammende Maler Hans Purrmann dazu, als er vor den National-sozialisten von Italien in die Schweiz flüchten musste. Etwas weiter entfernt, in Agnuzzo unterhalb der Collina d'Oro, lebten ab 1920 zwei weitere Künstler-persönlichkeiten, die zum engsten Freundeskreis gehörten: Hugo Ball und seine Ehefrau Emmy Ball-Hennings. Das Paar zählte zu den Mitbegründern der dadaistischen Bewegung und hatte im berühm-ten Cafe Voltaire und in der Galerie Dada in Zürich eine wichtige Rolle gespielt. Ein weiterer Kreis von Freunden entstand schon während des ersten Tessiner Sommers in Carona, am Fuße des San Salvatore. Dort lernte Hesse Ruth Wenger und ihre Mutter, die Schriftstellerin Lisa Wenger kennen. Ruth wurde Jahre später Hesses zweite Frau, und durch sie machte er auch die Bekanntschaft der Schriftsteller Lisa Tetzner und Kurt Kläber, Gründer der Casa Pantrovà im glei-chen Dorf. Im Laufe der 43 Jahre, die Hesse im Tessin wohnte, war er nicht in gleichem Maße mit allen hier genannten Künstlern zusammen. In der ersten Zeit, bis Ende der 20er-Jahre, verbrachte er mit den Balls und den Freunden in Carona die intensivsten Momente. Nach Balls Tod und der Scheidung von Ruth Wenger waren es vor allem Gunter Böhmer, dessen spätere Frau Ursula, Hans Punmann, Maria Geroe-Tobler und die Witwe Emmy Ball-Hennings, die zum engsten Freundeskreis gehörten und häufig bei Hesse und seiner dritten Frau Ninon zu Gast waren. *** © Regina Bucher, Fondazione Hermann Hesse, Montagnola. Die Texte stammen zum Teil aus dem Buch: Regina Bucher, Mit Hermann Hesse durchs Tessin, Insel Verlag, Berlin 2010, veröffentlicht in der Sonderausgabe der Tessiner Zeitung 2011 zu Hermann Hesse und seinen Künstlerfreunden. |
PDF Faksimile Zugang zu den Textseiten der
Tessiner Zeitung, Locarno,
Sonderausgabe Frühjahr 2011
(mit freundlicher Genehmigung der Redaktion)
Bitte beachten:
Copyright: Aller Texte, sofern nicht anders angegeben:
© Regina Bucher, Fondazione Hermann Hesse Montagnola
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Einführung und Informationen: Hermann Hesse und seine Künstlerfreunde im Tessin Hans Purrmann: Ein Meister der Farbe. Gemälde, Schriften und Freund-schaften "Sich auf vielen Stufen verstehend" Der Illustrator Gunter Böhmer und Hermann Hesse Die Dadaisten. "Verloren sein ... ist dies das Ziel?" Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings: Dadaisten, Dichter, Denker "Der magische Bischof" und der "Märchenvogel". Die Freundschaft von Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings mit Hermann Hesse "Der Kareno-Tag". Hermann Hesse und Carona: "Der Nachmittag ging hin wie im Paradies." Die zweite Ehefrau. "Ich bin der Hirsch und du das Reh." Hermann Hesse und Ruth Wenger. Künstlertreffpunkt. Lisa Tetzner, Kurt Kläber, die Casa Pantrovà und Hermann Hesse. Bücher. Literaturtipps zum Thema. |
Quelle: Suhrkamp Archiv, Berlin
16. Mai 2011
Auf der Suche nach dem eigenen Sinn im Leben
Montagnola bringt eine ganz besondere Hesse-Lesung nach Calw
(mit Harry White am Saxophon)
Am Samstag 21. Mai 2011 bringt die Gemeinde Collina d’Oro zusammen mit dem Museum Hermann Hesse Montagnola im Rahmen der Städtepartnerschaft die jährliche Austauschveranstaltung nach Calw. „Eigensinn macht Spaß“ lautet der Titel der musikalisch umrahmten deutsch-italienischen Hesse-Lesung, die um 19.30 Uhr in der Aula am Schießberg stattfindet. Der Eintritt ist wie immer frei. „Eine Tugend liebe ich besonders: den Eigensinn“, bekannte Hermann Hesse in einer Betrachtung über Lebensgestaltung. Nun ist Eigensinn in unserer Gesell-schaft nicht unbedingt ein Charakterzug, dem das Prädikat Tugend zugestanden wird, sondern eher das Gegenteil. Aber Hesse verstand es, diesen Begriff so zu füllen, dass er wertvoll, ja unverzichtbar für die Lebensgestaltung wird: Eigen-sinn war für ihn die Suche nach dem eigenen Sinn, nach dem, was das mensch-liche Individuum ausmacht. In einem Brief von 1935 schrieb er dazu: „Es gibt für jeden keines andern Weg der Entfaltung und Erfüllung, als den der möglichst vollkommenen Darstellung des eigenen Wesens. `Sei Du selbst´ ist das ideale Gesetz, zumindest für den jungen Menschen, es gibt keinen andern Weg zur Wahrheit und zur Entwick-lung.“ Allerdings ist damit eine hohe Verantwortung verbunden, denn es muss das eigene Maß gebunden werden: „Da muss jeder für sich allein, nach seinen eigenen Kräften und Bedürfnissen entscheiden, wieweit er sich der Konvention, die Forderungen von Familie, Staat, Gemeinschaft in den Wind schlägt, muss er es tun mit dem Wissen darum, dass es auf seine eigene Gefahr geschieht.“ Das Programm wird von den Schauspielern und Sprechern Graziella Rossi (deutsch) und Antonio Ballerio (italienisch) gelesen, die bereits aus den ver-gangenen Jahren durch ihre ausdruckvollen Lesungen in Calw in bester Erin-nerung sind. Im musikalischen Rahmenprogramm setzt die Veranstaltung ein neues Glanz-licht, da dafür der immer wieder einmal in Berlin gastierende amerikanische Ausnahmesaxophonist Harry White gewonnen werden konnte. |
Quelle: Museo T. +41 (0) 91 993.37.70 / F. +41 (0) 91 993.37.72 / info@hessemontagnola.ch
Caffè letterario Boccadoro T. +41 (0) 91 993.37.50 / boccadoro@hessemontagnola.ch
18. April 2011
![[Baeume, watercolor by Hermann Hesse, with permision of the Hesse Editionsarchiv Volker Michels, 2011]](http://s345260554.online.de/images/baeume-klein.jpg)
Bäume, Tuschzeichnung v. Hermann Hesse
Osterlesung
"Bäume, das Urgesetz des Lebens"
im Museum Montagnola
Ostersonntag, den 24. April, 17.00 Uhr
Es gibt in Hesses Werk viele Texte, in denen er den einzelnen Menschen mit einem Baum gleichsetzt. Noch in seinem letzten Gedicht Knarren eines geknickten Astes, das er kurz vor seinem Tod schrieb, verwendet Hesse das Bild des Baumes stellvertretend für den Menschen. Vorstellungen, in denen ein Baum einen Menschen symbolisiert, sind in der Kulturgeschichte häufig. In Zentralasien, Japan, Korea und Australien gilt er z.B. als Ahne des Menschen. In Indien wurde eine Braut vor der Hochzeit oft symbolisch mit einem Baum vermählt. Hesse greift in seinen Dichtungen somit ein altes und mythisch besetztes Bild auf, wenn er Baum und Mensch in eins setzt. So schreibt er 1920 in einer Betrachtung:
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Mit Rudolf Cornelius (deutsch) und Antonio Ballerio (italienisch).
Eintritt Fr. 7.50.-/ Fr. 6.-MUSEUM HERMANN HESSE MONTAGNOLA
Ostersonntag, den 24. April, 17.00 Uhr
„Bäume – das Urgesetz des Lebens“
Lesung in italienischer und deutscher Sprache
Quelle: Würsch, Montagnola
23. März 2011
"Frühling"
Lesung mit Eva Hesse
in Montagnola
Eva Hesse, Tochter des Hesse-Sohnes Heiner, lebt und arbeitet als bildende Künstlerin in Italien. Zudem schreibt sie Gedichte, die sie selbst illustriert. In Montagnola liest sie Prosa und Gedichte ihres Grossvaters zum Thema „Frühling“ sowie eigene Texte. Hermann Hesse hat dem Thema Frühling viele Prosatexte und Gedichte gewidmet und Tessiner Landschaften im Frühling in seinen farbenfrohen Aquarellen festgehalten. In seinem Gedicht „Märzsonne“ aus dem Jahr 1948 heisst es: Trunken von früher Glut Taumelt ein gelber Falter. Sitzend am Fenster ruht Schläfrig gebückt ein Alter. (...) Frühling summt bienenleis Seine Gesänge, die holden. Himmel schwingt blau und weiss Falter entflattert golden. Musikalisch begleitet wird diese Veranstaltung von Francesca Dellea (Quer-flöte) aus Lo-carno. Nach der Matura studierte sie zuerst an der Musikhochschule Zürich und anschlies-send an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz, wo sie ihr Magistrat der Künste (2. Diplomprüfung mit Aus-zeichnung) bekam. Sie besuchte verschiedene Meisterklassen und wurde u.a. mit dem “Yvonne Lang-Chardonnens” Preis ausgezeichnet. Francesca Dellea wurde als Kammermusikpartnerin zu verschiedenen renommierten internationalen Festivals in Europa und Japan eingeladen. Als freischaffende Flötistin wirkt sie mit dem Orchestra della Svizzera italiana, dem Orche-ster der Oper Zürich und dem Orchestra Filarmonica di Torino zusammen. Sie ist Mitglied des Schweizeri-schen Musikpädagogischen Verbands. *** Samstag, den 26. März Museum Hermann Hesse, 17.30 Uhr In deutscher Sprache Eintritt Fr. 7.50/ Fr. 6.- |
Quelle: Marisa Würsch, segretaria-contabile
6926 Montagnola
T. +41 91 993.37.70
C. +41 79 464.44.82
F. +41 91 993.37.72
12. Januar 2011
![[Gunter Böhmer Selbstbildnis, 1978,Foto Walk; übernommen mit Genehmigung aus der Pforzheimer Zeitung, Januar 2011]](images/boehmer-self.jpg)
Gunter Bömer Selbstbildnis 1978
Foto Walk
„Gunter Böhmer portraitiert Hermann Hesse“ Ausstellung zum 100. Geburtstag des Malers und Illustrators CALW. Begegnungen können einen Lebenslauf verändern, ihn entscheidend prägen. Und es sind nicht nur erotische Funken wie bei Heloïse und Abaelard oder Petrarca und Laura, die jahrzehntelang nachglühen, sondern oftmals ist es auch jenes geistig-seelische Fluidum, das Menschen auf eigenartige Weise wie Zwillingssterne umeinander kreiseln lässt. Einen für seine Lebensgestaltung zweifelsohne wirkungsvollen Schritt tat der junge, 1911 in Dresden geborene Maler Gunter Böhmer, als er Anfang der 30er-Jahre des 20 Jahrhunderts den von ihm verehrten Schriftsteller und Dichter Hermann Hesse in der Schweiz besuchte. Der von Hesse liebevoll als „Gartenbruder“ apostrophierte Böhmer zog 1933 in die Casa Camuzzi in Montagnola und war damit bis zu Hesses Tod im Jahr 1962 der unmittelbare Nachbar und Freund. Doch nicht nur die von Böhmer launig beschriebene gemeinsame Gartenarbeit verband die beiden Künstler-naturen. Hesses Verleger S. Fischer hatte bei Hesse Zeichnungen Böhmers gesehen und daraufhin dem jungen Künstler dessen ersten Illustrationsauftrag gege-ben. Vor allem die mit feinem Liniengeflecht auf-wartenden unzähligen Zeichnungen zu Hesses Werken verbinden Böhmers Namen unauslöschlich mit dem des Literatur-nobelpreisträgers. Leider sind manche der illustrierten Werke längst vergriffen, wie beispiels-weise die mit einer Reihe Zeichnungen angereicherte Ausgabe von „Unterm Rad“. Nun am 13. April wäre Böhmer 100 Jahre alt geworden; sein Todestag jährte sich am 8. Januar zum 25. Mal. Anlass genug für Calw, im Hermann-Hesse Museum am Marktplatz eine Ausstellung zu eröffnen, Titel: „Lebenslinien. Gunter Böhmer porträtiert Hermann Hesse.“ Über die Jahrzehnte hinweg hatte der Zeichner die markanten Gesichtszüge seines Dichterfreundes mit energischen Strichen eingefangen – grafische Studien, in denen die seelischen und körperlichen Verwandlungen Hesses seismographisch festgehalten werden. Es ist ungemein spannend, dieser Porträtkunst ein Augenmerk zu widmen, denn diese Zeichnun-gen geben nicht nur Auskunft über die Vielgesichtigkeit eines Dichters, den auch das fortschreitende Alter prägt, sondern die psychologisch aufschlussreiche Sehweise des Zeichners selbst, dessen emotionelle Verbundenheit zu Hesse ebenfalls widergespiegelt wird in den Blättern. Der poetische Geist und Anspruch Hesses findet in Böhmers Arbeiten die grafische Entsprechung. Sebastian Giebenrath |
Quelle: oss, Calw