© HHP 12/24/2000 GG
[Hermann Hesse, Rotes Haus 10.7.26.  Heiner Hesse, Arcegno.  All Right sReserved.
 

Gestutzte Eiche
 

Wie haben sie dich, Baum, verschnitten
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht.
Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.

Juli 1919









 
 

Aus: Hermann Hesse: Sämtliche Gedichte in einem Band, 848 Seiten
Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1977, 5. Auflage 1992,  S.472
ISBN 3-518-40455-5

Aquarell "Rotes Haus 10.7.26" von Hermann Hesse. © Heiner Hesse, Arcegno, All Rights Reserved.
Das Aquarell ist unter "Juni 2001" im Hesse Kalender, © Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2000, ISBN 3-518-41149-7 abgebildet