© HHP 2003-2-12 GG

Hesse Lyrik Konkordanz
mit Wortindex u. Wortfrequenzlisten

München/London/New York/Oxford: Saur Verlag, 1987
837 Seiten, Großformat, gebunden
ISBN 3-598-10686-6

Professor Dr. Günther Gottschalk


Die Konkordanz und der Index zu den 681 Gedichten Hermann Hesses in der bis 2002 vollständigsten Ausgabe (Frankfurt am Main, 1977) sollen ein Hilfsmittel nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für die Freunde und Kenner der Lyrik Hesses sein. Sie vermag Erkenntnisse zu vermittein, die sich bisher, wenn überhaupt, nur intuitiv erfassen oder mit großem Zeitaufwand erforschen und nachweisen ließen. Durch ihre Handlichkeit und neuartige Optik ermöglicht sie die bequeme und umfassende Bearbeitung vieler Themenkomplexe, die sich auf die lyrische Sprache Hermann Hesses und deren Entwicklung beziehen. Darüber hinaus erleichtert die Konkordanz den Vergleich der Sprache, Inhalte, Motive, Begriffe und Assoziationen Hesses mit denen anderer Autoren, zu denen vielleicht schon ähnliche analytische und interpretative Hilfsmittel vorliegen. Die Konkordanz basiert auf einem Wortindex, also auf einer alphabetischen Liste aller in einem Text vorkommenden Wörter, deren Vorkommen und Häufigkeit im Text man damit bestimmen kann. Wenn jedes angeführte Wort in seinem mehr oder weniger ausführlichen Textzusammenhang gedruckt wird, dann wird aus der Wortliste eine Konkordanz. Eine Konkordanz ist also im Prinzip eine durch den unmittelbaren Textzusammenhang erweitere Wortliste mit Quellenangaben und damit die Aufschlüsselung der Textvorlage.

Da sich die textlichen Zusammenhänge der in einer Konkordanz erfassten lexikalischen Eintragungen notgedrungen stark überlagern, also zum Beispiel bei unmittelbar benachbarten Wörtern fast identisch sind, bewirken die Wiederholungen oder nur geringfügigen Abwandlungen der Textzusammenhãnge, daß die typische Konkordanz das Volumen des ihr zugrundeliegenden Textes um ein Vielfaches übersteigt. Damit stellt sich sogleich die Frage nach Sinn und Zweck einer Konkordanz.

Im Vergleich zum Wortindex erleichert die Anordnung der Konkordanz, zum Beispiel durch ihre alphabetische Aufstellung der Schlüsselbegriffe, trotz ihres Volumens ganz wesentlich die Gegenüberstellung und den Vergleich der Sinnzusammenhänge der wichtigsten Elemente oder Wörter eines Textes. Es ist klar, dass der autorenspezifische Sinn eines Wortes, eines Begriffs, einer Idee am besten aus deren Verwendung im Zusammenhang mit anderen Wörtern, Begriffen, Ideen abgelesen werden kann. Dabei lassen sich im Verlauf einer Begriffsbestimmung durch entsprechende Vergleiche auch Inkongruenzen oder Bedeutungsverschiebungen nachweisen, wie sie in der Entwicklung eines Dichters auftreten. Wenn die Voraussetzungen gegeben sind, könnte eine umfänglichere Konkordanz auch Wortbestandteile mit in das Verzeichnis aufnehmen. Dadurch wäre die Möglichkeit gegeben, das Studium des Wortgebrauchs und der Begriffsassoziationen wesentlich zu bereichern. Freilich würde auch der Umfang erheblich zunehmen

Die wissenschaftliche Bedeutung von ausführlichen Sach-, Begriffs- und Namensregistern (Realkonkordanzen) zur Erforschung der Primärliteratur liegt auf der Hand. Es ist daher kein Wunder, dass schon seit jeher Theologen, Philologen, Poetologen, Linguisten, Semantiker, Historiker und andere Wissenschaftler Verbalkonkordanzen sämtlicher im Text erscheinender Wörter angeregt haben. Bei bedeutenden Textvorlagen wurden keine Mühen gescheut. Wenn bei der Zusammenstellung der ersten Verbalkonkordanz der Vulgata im 13. und 14. Jahrhundert fast hundert Jahre vergingen, so wogen die erwarteten Vorteile bei der Erschließung der Bibel, also für die Theologie und deren Randwissenschaften, die selbstlosen Bemühungen zahlreicher klösterlicher Mitarbeiter auf. Der Wert einer Konkordanz hing nicht vom Arbeitsaufwand ihrer Herstellung, sondern von der Bedeutung und der Wahl des ihr zugrundeliegenden Textes ab und von den Erleichterungen, die sie der Wissenschaft brachten.

Bei der Erstellun,g einer Konkordanz lassen sich heute durch technische Verbesserungcn und inhaltliche Einschränkung gewisse Rationalisierungen erzielen. Mit dem Sammeln und Sortieren, also den vorwiegend mechanischen, doch unerläßlichen Grundlagen jeder wissenschaftlichen Arbeit, mussten Forscher früher Jahre verbringen. Die Herstellung der honorigen, je nach einem einzigen Schlüssel geordneten Zettelkataloge, der Kleistermanuskripte und zahlloser, nachkorrigierter Druckvorlagen, wenn sie nicht zuverlässigen Hilfskräften übertragen werden konnten, nahm oft einen unverhältnismäßigen Anteil der Zeit und Geldmittel in Anspruch, die für ein Projekt zur Verfügung standen. Derlei Arbeiten werden heute mit Hilfe des Computers wirtschaftlicher, schneller und produktiver ausgeführt.

Eine inhaltliche Einschränkung einer Konkordanz kann zwar nicht allen Anforderungen gerecht werden, macht aber das Druckwerk durch Verringerung des Umfangs handlicher. Manch mögliche Einschränkung wird von Benutzern kaum vermisst werden. Es mag zum Beispiel nur für wenige linguistische, stilistische oder textkritische Spezialuntersuchungen von Bedeutung sein, welche Binde- oder Verhãltniswörter von einem Verfasser wie oft und an welcher Stelle verwendet werden. Aber gerade solche Wörter vergrößern den Umfang einer Konkordanz ganz erheblich. Hesse gebraucht in seiner Lyrik das Wort “und” dreieinhalbtausend Ma!, was sich auf zweiundfünfzig Druckseiten niederschlagen würde. Durch Vermeidung der im allgemeinen häufigsten Artikel, Konjunktionen, Präpositionen und Personalpronomina lassen sich Konkordanzen bis weit über die Hälfte reduzieren.

Viele der in den letzten zwanzig Jahren mit Computer gedruckten Konkordanzen waren berechtigter Kritik ausgesetzt. Besonders stichhaltig waren Vorwürfe, die sich gegen die Qualitãt der zugrundeliegenden Editionen richten. Die Kurzzitate, die den Kontext jedes Wortes ausmachen, werden von Freunden der Dichtung als Verstümmelung empfunden, obwohl sie in der Konkordanz nur der schnelleren Orientierung, nicht dem Genuß dienen. Dann aber auch stört bei vielen Konkordanzen, dass eine Auflistung nach Wortstämmen oder mit Querverweisen fehlt, außerdem, dass Homographen nicht ausreichend getrennt werden, was ohne beträchtliche Intervention des Herausgebers nicht möglich ist. Ebensowenig werden Metaphern und Paraphrasen bei der Erfassung der Texte berücksichtigt. Zum Teil sind solche Weiterentwicklungen schon jetzt verwirklicht worden, entweder durch ein gedrucktes Schriftbild oder als bildschirmgebundene, d. h. nur durch einen Computer oder ein besonderes Lesegerät zugängliche Konkordanzen. Es bleibt eine Frage der Zeit und der Akzeptanz, ob und wann sie in dieser Form der geisteswissenschaftlichen Forschung zugänglich werden.

Die vorliegende Konkordanz und der sic begleitende Wortindex erfassen, wie gesagt, die Lyrik Hermann Hesses, die in der zweibändigen Ausgabe HERMANN HESSE „DIE GEDICHTE“ (Frankfurt am Main, Suhrkamp 1977), sowie in der kleinen einbändigen von 1998 enthalten ist.  Andere Gedichtsausgaben können zwar nicht über Seitenzahlen, aber Gedichtanfänge und -titel benutzt werden (s.u.).

Jedes belegte Wort, einschließlich Namen, Wörtern aus anderen Sprachen und Zitaten, wurde mit so viel von dem dazugehörigen Kontext umgeben wie herstellungstechnisch möglich. Das bedeutet, dass nur maximal fünfundvierzig Buchstaben vor und nach dem Beginn jedes Schlüsselworts, und dabei nur ganze Wörter berücksichtigt werden konnten. Durchschnittlich durften sich sieben Wörter vor und hinter jedem Schlüsselwort finden, was für Kollokation und Beziehungsstudien einer Reihe der interessantesten Begriffe ausreichen sollte.

Die Belegstellen eines jeden Wortes wurden in der Reihenfolge ihres Vorkommens in den Gedichtbänden, d. h. im Prinzip chronologisch, zuerst nach Seiten- und dann nach Zeilenzahl aufgeführt. Zwischen diesen beiden Zahlenangaben erscheint ein präziser, maschinell auf die ersten neun Buchstaben gekürzter Gedichttitel, bei dem jeweils die Zeilenzählung beginnt. Die daraus resultierende Kürzung der Gedichttitel haben wir aus Platzgründen in Kauf genommen, um das Umfeld der Schlüsselwörter der Konkordanz so groß wie möglich zu halten. Es ist über den Kurztitel möglich, sowohl Konkordanz wie Index auch auf andere Gedichtausgaben anzuwenden, solange die Gedichttitel aus den Kurztiteln auch ohne Seitenhinweis hinreichend identifiziert werden können und ein entsprechendes Titelverzeichnis der anderen Lyrikausgabe vorliegt.

Konkordanz und Index sind als wissenschaftliches Hilfsmittel für die Hesse-Forschung gedacht, das wohl den meisten Ansprüchen genügen und den Benutzer sicher schneller zum Ziel führen wird als bisher. 

Die Benutzung der Konkordanz lässt sich am besten an einem Beispiel demonstrieren. Das Wort “Spiegel” erscheint in der Konkordanz neunmal, mit “spiegel-” beginnende Wörter vierzehnmal. Der erste Eintrag lautet:

durch emsige Betrachtung/ Durch scharfe Spiegel mannigfalt/ Nimmt uns zu frierender ...
157 Philosoph 9

Die Ziffer 157 bezieht sich auf die Seitenzahl, die in den beiden Gedichtbänden und natürlich auch in der einbändigen Ausgabe von 1998 durchgehend numeriert ist. Der Kurztitel “Philosoph ...“ lautet vollständig “Philosophie”. Auf Zeile 9 findet sich das Wort “Spiegel”. Die beiden Zeichen “/“ trennen die das Schlüsselwort enthaltende Zeile von der vorherigen und nachfolgenden. Der vollständige Text der entsprechenden Strophe in DIE GEDICHTE lautet:

Sodann durch emsige Betrachtung,
Durch scharfe Spiegel mannigfalt
Nimmt uns zu frierender Umnachtung
In grausam eiserne Gewalt
Die kühle Luft der Weltverachtung.

Der zum Vergleich herangezogene zweite Eintrag des Wortes “Spiegel” lautet folgendermaßen:

Was mir tief im Sinne ruht/ Ist’s ein Spiegel nur für Sonnen/ Oder hat es eigene Glut
63 Seeabend 8

Auf Seite 263 finden wir das Gedicht “Seeabend” und dessen zweite Strophe (einschließlich Zeile 8 des Gesamttextes):

Was mir tief im Sinne ruht,
Ist’s ein Spiegel nat für Sonnen,
Oder hat es eigen Glut?
Wird mem Ruder eines Tags
Siegbekranzt den Abend gru8en,
Oder wird’s zur Ruhe müssen
Feindverfolgt und müden Schlags?

Die Assoziation des “Spiegels” mit Glut (“Sonnen”) und Kälte (“erfrieren”) springt sofort ins Auge. Der Spiegel reflektiert innere Bilder des Dichters. Unter „Glut” finden wir in der Konkordanz neben Ableitungen siebenundzwanzig Stellenangaben. Allein acht enthalten schon in unmittelbarer Umgebung des Schlüsselworts Hinweise auf Wasser, Inseln, Fluten, Schnee und Eis. Bei Überprüfung enthalten zwei zusätzliche Gedichte ãhnliche Assoziationen in ihrem weiteren Umfeld. Die Konkordanz ermöglicht es, verwandte Begriffsbeziehungen aus der Nachbarschaft des Wortes „Glut” festzustellen, z. B. die Gegensätze Kindheit/Jugend (Hoffnung, Traum, Pracht, Sieg, Liebe, Wein) und Alter (Resignation, Kälte, Tod). Das Wort “Spiegel” führt schließlich über die erwähnte Ableitungskette, die in den frühen Jahren Hesses künstlerischer Produktion im Zeitraum von 1900—03 beginnt, zu dem Gedicht “Junger Noviz im Zen-Kioster (I)”, das anderthalb Jahre vor seinem Tode entstand. Der „scharfe Spiegel” aus unserem ersten Gedicht ist im letzteren ersetzt duxch „des Meisters Tigerblick”. Strophen drei und vier des Gedichts lauten:

Einmal, einmal nehm ich meinen Stab,
Binde die Sandalen, reise ab
Tausend Meilen pilgre ich zurück
In die Heimat, ins verlassene Glück.
Aber wenn des Meisters Tigerblick
Mich durchbohrt, erkenn ich mein Geschick
Spüre Glut und spüre Eis im Leibe,
Zittre, schäme mich und bleibe, bleibe.

Von dem Wort „Spiegel” führt also eine deutliche und kurze Assoziationskette unmittelbar zu einer Grundthematik Hessescher Lyrik, die sich über sechzig Jahre spannt. Gerade in diesem Sichtbarwerden von Zusammenhängen liegt der besondere Reiz, den der Gebrauch ciner Konkordanz bietet.  (Aus dem Vorwort)

Source: Paul Scherer, Andernach