Rezension im
Nordbayrischer KURIER
Blick in Bücher

3. Juni 2002



Blick nach dem Fernen Osten


Viele deutsche Dichter haben sich, zumal im zwanzigsten Jahrhundert, mit den geistigen Kulturen Indiens und Chinas befasst, aber keiner tat es so intensiv und verständnisvoll wie Hermann Hesse. Sein „Siddharta“, die bewegende Auseinandersetzung mit der Lehre des Buddha, gehört immer noch zu den beliebtesten Büchern der deutschen Literatur, ja der Weltliteratur. Dass es auch in Indien wohlwollend aufgenommen und in zwölf indische Sprachen übersetzt wurde, spricht für den einzigartigen Rang, den Hesse unter den Liebhabern des Fernen Ostens einnimmt.

Im Jubiläumsjahr seines 125. Geburtstags erschien nun, nach dem Sammelband „Aus Indien“ und der Textsammlung zum „Siddharta“, eine neu geordnete Kollektion auserlesener Lesestücke, die die Beziehung des Dichters zur Welt des Fernen Ostens repräsentativ dokumentieren, mag auch der Kenner manch kleinen Text vermissen. Prosa und Poesie, Märchen und Legende, Essays und Literaturempfehlungen verinden sich zu einem faszinierenden Panorama, das vom „Siddharta“ über erste Erzählungen bis in späte Betrachtungen reicht. Schon die frühen, sinnsuchenden Texte bekunden Hesses tief humanen Versuch, die östlichen Weisheitslehren mit dem christlichen Erbe zu einer sehr persönlichen Weltanschauung zu verbinden. Kehrte er auch im Jahr 1911 enttäuscht von seiner Asienfahrt zurück, so besann er sich bis zu seinem Lebensende auf die schriftlichen Dokumente der großen Lehrer und Denker.

„Der Inder sagt Atman. Der Chinese sagt Tao. Der Christ sagt Gnade” — mit diesem Kernsatz hat Hesse seine kulturverbindende Philosophie auf den Punkt gebracht. Waren es zunächst die Inder, so wandte er sich im Laufe seines Lebens mehr der chinesischen Frömmigkeit zu, in der die weltlichen Freuden nicht grundweg verneint werden. Sein Verdienst bestand nicht zuletzt darin, der Bhagavadgita wie den Upanishaden, den Reden des Buddha wie den Lehren des Lao Tse, den Zen-Texten wie den chinesischen Märchen das Wesentliche, verbindend Gültige abzugewinnen. Wer sich heute als Europäer mit den fremden Kulturen befasst, bekommt mit Hesses klug abwägenden, immer freundlichen, niemals dozierenden Betrachtungen und poetischen Nachschöpfungen einen zeitlosen Wegweiser an die Hand, der nicht mit dem Gewaber der Esoterik verwechselt werden darf, aber viel mit der Vernunft des Herzens zu tun hat. Hesse wusste — er hat es in „Siddharta“ gezeigt —, dass die besten Lehren prinzipiell sinnlos sind, weil jeder nach seinem unverwechselbaren, individuellen Wesen sein Leben sinnvoll gestalten muss. Dass die Beschäftigung mit der Gedankenwelt des klassischen Indien und des vergangenen China gerade deswegen dazugehört, verbürgen die Texte mit einer warmherzigen und klugen Intensität, die das in jedem Sinne schöne Buch zu einer der bemerkenswertesten Neuerscheinungen des Hesse-Jahres macht.


 

Hermann Hesse: „Blick nach dem Fernen Osten. Erzählungen, Legenden, Gedichte und Betrachtungen”. Suhrkamp Verlag, 2002, 486 Seiten, 24,80 Euro.