Menu

© HHP  2016-02-12

editors [at] hermann-hesse-page.de

 

Aktuell

Neuigkeiten zum Thema Hermann Hesse

 

Das Hermann-Hesse Projekt

HHP

Heft 9


 

2016-02-12

 

 

 

 

17. Silser Hesse-Tage 2016

 

„Heftige Anlässe, um meinen Blick in die Welt zu verändern.“

 

Vom Klingsor zur Morgenlandfahrt

 

 

Keine zeitgeschichtliche Begebenheit hat im Leben und Werk des Dichters eine so tiefgreifende Zäsur und Wende ausgelöst wie die Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Ein Neubeginn und eine Abrechnung mit all den Trugschlüssen, Fehlentscheidungen und Lebenslügen, die das Debakel ermöglicht hatten, waren fällig. Doch während die Mehrheit der Überlebenden das Trauma der Kriegsjahre mit revanchistischen Parolen oder im Rausch der „wilden Zwanziger Jahre“ zu betäuben suchte, experimentierte Hesse mit zukunftsorientierten Optionen, um der Misere etwas Positives abzugewinnen. Welche Alternativen das waren und wie sich das Trauma auf sein Leben und seine im Nachkriegs-jahrzehnt entstandenen Werke ausgewirkt hat, illustrieren die Referate unserer Tagung.

 

Wieder kommen dabei ausgewiesene Kenner und Forscher des ln- und Auslandes zu Wort. Zur Eröffnung spricht wie immer ein Schriftsteller wie in den Vorjahren Eugen Drewer-mann, Elke Heidenreich, Michael Kleeberg, Adolf Muschg, Rüdiger Safranski, Peter Sloter-dijk und Arnold Stadler. In diesem Jahr wird es der durch seine viel beachteten Romane bekannt gewordene Andreas Maier sein, der mit seinem kenntnisreichen Referat „Hermann Hesse oder die Zertrümmerung von Hotelzimmern“ u.a. das anarchische Potenzial von Hesses Kritik am Stillstand des lethargischen Konsumbürgertums aufzeigt.

 

Damir setzt das Kulturprogramm des Waldhauses seine altbewährte Tradition mit Gästen aus der Wissenschaft, Literatur, Malerei und Musik fort, die mit Künstlern wie Marc Chagall, Thomas Mann, Clara Haskil, Arthur Honegger, Rudolf Serkin, Richard Strauss, Friedrich Dürrenmatt und last not least Hermann Hesse begonnen hat, der hier in den Sommer-monaten der Jahre 1949 bis 1961 insgesamt 370 Tage verbrachte.

 

Die Silser Hesse-Tage haben sich in den vergangenen Jahren zu einem viel beachteten Forum entwickelt, das einen Dialog zwischen interessierten Leserinnen und Lesern, bekannten Autoren, Vertretern der Literaturwissenschaft, Schauspielern und Musikern ermöglicht. Das vielseitige Programm der 17. Silser Hesse-Tage richtet sich sowohl an Kennerinnen und Kenner von Hesses Werk als auch an alle Kulturfreunde, die auf diesem Weg einen der weltweit meist gelesenen Schriftsteller näher kennen lernen möchten.

 

Prograrnmgestaltung und Moderation liegen in den Harden von Volker Michels, dem

Herausgeber der Hesse-Gesamtausgabe im Suhrkamp-Verlag, Michael Limberg, Co-Leiter der Internationalen Hermann-Hesse-Kolloquien in Calw, und von Rudolf Probst, dem Leiter des Bereichs Erschließung im Schweizerischen Literaturarchiv und daselbst Betreuer des Nachlasses von Hermann Hesse.

 

(zitiert aus dem Programmheft der Silser Hesse Tage 2016)

 

 

 

Quelle: M. Limberg


 

2015-08-30

 

[Fotografie-2012-HHP]

Casa Rossa - Montagnola

"Kulturkampf um einen sehr verehrten Wirtschaftsfaktor:

Im Tessiner Garten von Hermann Hesses Casa Rossa sollen Villen gebaut werden. Die Gegner des Projekts haben den Heimatschutz mobilisiert und wollen einen Literaturpark." (© Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.8.2015)

 

HHP 2012        FAZ 2015 PDF (©Jürg Altwegg)        FAZ legible Pay:Printout 5-pages (©Jürg Altwegg, 2015)             

 

 

Quelle: S.Verlag


2015-01-28

[Image: Editionsarchiv, Offenbach]

 

"Die Internationale Hermann-Hesse -Gesellschaft widmet sich der Pflege des Werkes des Nobelpreisträgers. Sie gibt ein Jahrbuch mit aktuellen Beiträgen zum literarischen Werk Hesses heraus, das für die Mitglieder kostenlos ist. Sie arbeitet eng mit den Hesse-Orten Cale, Gaienhofen und Montagnola/Collina d´Oro und deren Museen zusammen.  Mit diesen veranstaltet sie auch das 'International Hermann-Hesse-Kolloquium' mit internationalen Referenten.

Wichtig ist der Gesellschaft die völkerverständigende Wirkung von Hesses Werk und der daraus sich ergebende interkulturelle Dialog. Sie kooperiert deshalb mit Hermann-Hesse-Gesellschaften und -Forschungsstätten rund um den Erdball."

[Aus dem Werbeprospekt der Gesellschaft]

Weiteres:

www.hessegesellschaft.de

Adresse:

Internationale Hermann-Hesse-Gesellschaft

c/o Stadtverwaltung Calw

Marktplatz 9

D-75365 Calw

 

Quelle: Stadtverwaltung Calw


2014-04-08

[Image: Stade Museumskatalog 2014, HH 16.Sept.25, "VersoArasio" Kat.79]

Hermann Hesse, "Versio Arasio" 16.Sept 1925 [Stade, Kat.79]

 

"Ich habe mein Malstühlchen in der Hand, das ist mein Zauberapparat und Faustmantel, mit dessen Hilfe ich schon tausendmal Magie gebtrieben und den Kampf mit der blöden Wirklichkeit gewonnen habe. Und auf dem Rücken habe ich den Rucksack, darin ist mein kleines Malbrett und meine Palette mit Aquarellfarben und ein Fläschchen mit Wasser fürs Malen und einige Blatt schönes italienisches Papier [...]."

Hermann Hesse aus "Ohne Krapplack", Berliner Tageblatt 1927

 

Beeindruckender Katalog zu der Ausstellung 

„Hermann Hesse. Mit Feder und Farbe“

.

Elke Minkus

.

.

Ein farbenprächtiger, großformatiger Katalog ist zu der Aquarellausstellung mit Hermann Hesses Werken im Kunsthaus Stade erschienen. Regina Bucher, Ina Hildburg, Sebastian Möllers und Andreas Schäfer haben in dem Band Hesses bildnerisches Schaffen von frühen Zeichnungen bis zu späten ausgereiften Aquarellen zusammengestellt.

.

Die Werke stammen aus dem Nachlass von Heiner Hesse, dem im Jahr 2003 verstorbenen Sohn Hermann Hesses. Die Kinder [Nachkommen] Heiner Hesses haben die Arbeiten aus ihrem privaten Besitz für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. Neben den Abbildungen von Hesses malerischem Oevre haben die Herausgeber zudem Fotos, Briefe und Dokumente veröffentlicht, eine Kurzbiografie eingebunden und auf einer Karte alle in den Texten  und Werktiteln vorkommenden Orte dargestellt. Verschiedene Aufsätze erläutern das Verhältnis von Hermann Hesse zu seinem Sohn Heiner. Außerdem hat Ina Hildburg, zusammen mit Regina Bucher Kuratorin der Ausstellung, einen kenntnisreichen, kunstwissenschaftlichen Beitrag geschrieben, in dem sie die Entwicklung in Hesses Malerei untersucht.

Regina Bucher untersucht in ihrem Beitrag das Verhältnis von Heiner Hesse zu seinem Vater. Unterlegt mit zahlreichen Briefzitaten gelingt ihr ein kritischer, an Fakten orientierter und gleichzeitig sympathischer und schließlich versöhnlicher Blick auf die Vater-Sohn-Beziehung.

.

Aus erster Hand schließlich sind die Erinnerungen, die Silver Hesse, Sohn von Heiner und Enkel von Hermann Hesse, in einem Aufsatz zusammenfasst. Silver Hesse stellt dem Leser  Heiner vor, der als Dekorateur kreativ arbeitete und ebenfalls künstlerisches Talent besaß. Silver Hesse schreibt natürlich auch über die persönlichen Begegnungen mit seinem Großvater, obwohl es nur wenige gab, da die Enkel in Zürich aufwuchsen und der Großvater im Tessin lebte. Mit Humor und Empathie resümiert Silver seine Familiengeschichte.

.

Eine lange Freundschaft verbindet Heiner Hesse mit Volker Michels, dem Herausgeber der Werke Hesses. In dem Katalog abgedruckt ist Volker Michels´ Nachruf auf Heiner Hesse. Es ist eine Hommage des Herausgebers an den „Hereingeber“ wie Heiner Hesse sich gegenüber Michels selbst bezeichnete. Große Bewunderung und Sympathie spricht Michels aus seinem Nachruf auf Heiner.

.

Insgesamt ist dieser Katalog nicht nur heiter und farbenfroh, sondern auch sehr informativ , und er erlaubt viele neue Einblicke in Hesses Leben in Montagnola und in das Leben seines Sohnes Heiner, der über viele Jahre hingebungsvoll das Erbe seines Vaters verwaltete. Diese im Hatje Cantz Verlag erschienene Publikation ist von der Aufmachung, vom Erscheinen und vom Inhalt her äußerst professionell gestaltet worden und uneingeschränkt zu empfehlen.

.

***

.

.

"Hermann Hesse. Mit Feder und Farbe.

Werke aus dem Nachlass Heiner Hesse."

.

Hrsg. von Regina Bucher, Ina Hildburg, Sebastian Möllers und Andreas Schäfer

.

Hatje Cantz Verlag.

Ostfildern  2014

175 Seiten. 181 Abbildungen

24,80 Euro

ISBN: 978-3-7757-3727-2

Der Band ist im Museums-Shop im Kunsthaus Stade

auch über das Ende der Ausstellung am 11.5.2014 zu haben.

.

***

.

Nach der Präsentation in Stade wird die Ausstellung zu sehen sein in

Bonn (August- Macke-Haus vom 28.5. bis 14.9.2014)

Heilbronn (Kunsthalle Vogelmann–Städt. Museen vom 18.10.2014 bis 11.1.2015)

Zwickau (Max-Pechstein-Museum vom 7.2. bis 3.5.2015)

 

Quelle: E.Minkus


 

2014-02-17

 

[ Foto: © E.Minkus, 2013]

 

 

Silver Hesse


Zu Hermann und Heiner Hesse

(zur Eröffnung der Ausstellung im Kunsthaus Stade am 1.2.2014)

Sehr geehrte Damen und Herren,

Um einem allfälligen Missverständnis vorzubeugen: ich bin nicht der einzige anwesende Hesse Enkel; auch mein Bruder David und meine Schwester Eva sind da. Aber leider bin ich derjenige, der seit einigen Jahren mit dem Grossvater Hermann am meisten zu tun hat und darum für die Nachkommen von Heiner hier vor Ihnen steht.


Es ist für uns Nachgeborene eine erstmalige Erfahrung, dass eine so breite Ausstellung aus dem Bildernachlass unseres Vaters möglich wurde. Nicht nur, weil sie Gelegenheit bietet, eine unübliche Auswahl aus Hermann Hesses Aquarellen und Zeichnungen zu zeigen und die noch unbeholfenen ersten Malversuche nicht unterschlägt. Zum ersten Mal wird auch ein kleines Stück Leben und Wirken des Sohnes Heiner öffentlich gemacht, dem mittleren der drei Hesse-Söhne.


Heiner Hesse selber hätte eine Ehrung zu Lebzeiten nie gewollt. Es war nicht seine Art, sich aufzudrängen – im Gegenteil. Seine sprichwörtliche Genügsamkeit und die zurückgezogene Lebens-weise in seinem abgelegenen Häuschen im Tessin bei Arcegno, standen der eigenen Profilierung als Sohn des berühmten Vaters im Wege.

Viel wichtiger war ihm, sich für das Werk des Vaters einzu-setzen, was er nach dem Tod der dritten Frau Ninon 1966 mit Hingabe tat. In jahrelanger Arbeit trug er hunderte zeitgenös-sischer Rezensionen von Hermann Hesse und Tausende von Briefen aus aller Welt zusammen, um sie interessierten Lesern zugänglich zu machen. Für Volker Michels, den langjährigen Herausgeber im Suhrkamp Verlag, wurde Heiner Hesse zum zuverlässigen ‚Hereingeber’, wie er selber seine Tätigkeit ironisch bezeichnete.


Dezidiert vertrat er auch die Überzeugungen seines Vaters – auch innerhalb der Familie. So liess er kritische Fragen zum Verhalten unseres Grossvaters in schwierigen Lebensphasen nur ungern zu, und nicht selten bekam ich unwirsche Antworten zu hören. In Gesprächen deutete er jedoch hie und da an, dass er in früher Jugend, nachdem die Familie auseinanderbrach, auch belastende Jahre ohne wirkliches Zuhause erlebte. Und erst nach dem Tod unseres Vaters vor bald elf Jahren habe ich aus seinen mehreren hundert Briefen erfahren, dass es offene Konflikte zwischen Vater und Sohn gab, die sich mit der Politisierung des jungen Mannes in den 30er Jahren, also zu Beginn der Nazizeit, noch akzentuierten. Auf die Vorwürfe in den Briefen antwortet der Vater postwendend, oft ungehalten und zugleich besorgt. Er zeigt zwar Verständnis für die Kritik seines Sohnes, macht aber seine eigene Haltung präzise und verständlich deutlich, ein Lese-genuss. Auf mich macht der ungeschönte Briefwechsel grossen Eindruck: zudem musste ich erfahren, dass zwischen den beiden zeitweise auch Klüfte bestanden. Soweit ich aber zurückdenken kann, bestand zwischen Hermann und unseren beiden Eltern ein ausgesprochen herzliches Verhältnis.


Dass sich Heiner nach eigenen Worten ‚nie ganz abgenabelt’ hat, zeigt sich in seinem Anliegen, auf das Wirken seines Vaters aufmerksam zu machen: Bereits 1967 setzte er sich vergeblich für eine Hermann Hesse-Gedenkstätte in der ‚Casa Rossa’ ein. Gleiches ist 1993 wegen zu hoher Kosten in der ‚Casa Camuzzi’, dem ersten Domizil Hermann Hesses in Montagnola, gescheitert. Erst 1997 gelang es ihm unter grossem persönlichen Einsatz, in direkter Nachbarschaft zur Casa Camuzzi ein kleines, und ich darf sagen, hübsches Museum einzurichten. Dieses zeigt zahlreiche Originalexponate zu Hermann Hesse, Bücher seiner Bibliothek, auch einige der hier ausgestellten Aquarelle und Zeichnungen – und nicht zuletzt Malutensilien.

Für Hermann Hesse war das Malen zeitweise wichtiger als Schreiben. Oft hat er über seine Malfreuden und Malsorgen geschrieben und was es für ihn bedeutet:


„Malen ist wundervoll. ... das befreit von der verfluchten Willenswelt.“


„Mein Trost ist das Malen... Mein in so mancher Hinsicht so schwierig, einsam und problematisch gewordenes Leben ist dann vergessen. Und der blaue Fleck an einer Mauer wird innige Sensation.“

Volker Michels wird in einem Monat, am 1. März, mehr darüber berichten – ein Vortrag den anzuhören lohnt.

Weniger bekannt sind die Kritiken zu seinen Bildern, die er ab 1920 wiederholt zum Verkauf anbot, damals zu Preisen zwischen 20 und 100 Mark. So urteilte ein Rezensent anlässlich einer Ausstellung 1922 in Winterthur, die er zusammen mit Emil Nolde bestritt:

„Man könnte über den komischen Schund Noldes am besten schweigen, aber man muss dem Manne doch sagen, dass man sich von seinem brutalen Geschmier nicht verblüffen lässt.“

Und über Hesses Bilder hiess es:

„Wenn Hermann Hesses Dichtungen nicht besser wären als seine Malerei, dann könnte man ihn bedauern. Man kann ja seine kleinen südlichen Spielereien an die Wand hängen und immerhin, dank der Rähmchen, einige Farbwirkung dabei konsta-tieren..., aber so etwas machen wir schon lange selber oder unsere Schüler machen es ebenfalls dutzendweise wie dieser Dichtermaler.“

Die nicht eben ermunternden Worte haben den Grossvater vermutlich wenig gestört, mass er doch selber seiner Malerei keine grössere Bedeutung bei:

„Ich bin kein sehr guter Maler, ich bin ein Dilettant...“ meinte er einmal, oder in einem Brief:

„Dass ich kein Maler werden kann, weiss ich schon, aber das intensive Selbstvergessen in der Hingabe an die Erscheinungswelt ist ein Erlebnis.“


So wichtig ihm das Malen war, so merkwürdig ist der Umstand, dass uns Kindern die Malerei des Grossvaters weitgehend unbekannt war. Zwar hingen einige wenige Bildchen irgendwo im Haus, doch haben uns die Eltern nie wirklich damit vertraut gemacht. Die Bilder waren einfach da und es war Vater und Mutter offenbar kein Anliegen, uns damit zu behelligen. Die vielen Aquarelle, die im Nachlass erhalten sind, habe ich erst Ende der 70er Jahre wirklich kennengelernt und war ob der Vielfalt erstaunt und überrascht.


Im Gegensatz zu den wachen Erinnerungen an meinen Vater sind meine Erin-nerungen an den Grossvater, dessen Tod nun schon mehr als 50 Jahre zurück-liegt, eher rudimentär und tragen vermutlich den Flor einer gewissen Verklärung. Eine der Begegnun-gen des damals 15-jährigen Seminaristen habe ich im Katalog zur Ausstellung festzuhalten versucht, was durchaus als Werbung für die schön gestaltete und mit zahlreichen Aquarellen versehene Publikation zu verstehen ist.

Dass die Ausstellung zu ‚Feder und Farbe’ in dieser grosszügigen Form möglich wurde, ist für mich Anlass, mehrfach zu danken: - für das Interesse der Stadt Stade, die Bilder in diesem Umfang zu zeigen; - für die Bereitschaft, die Aus-stellung mit andern Veranstaltungsorten zu teilen, - für die äusserst gute Zusammenarbeit des Kunsthauses mit Regina Bucher, die Bildmaterial und Dokumente aus dem breiten Fundus ausgewählt hat, und schliesslich Ihnen, Frau Nieber und Herr Möllers, als Gastgeber, die uns diesen herzlichen Empfang bereiten.

***

 

 

Quelle and © Silver Hesse, 2014


 

2013-11-17

 

[Foto: Courtesy of Michael Limberg, 2013; Dr.h.c. fuer Volker Michels]

Foto: Courtesy Limberg, 2013

 

 

                                                               Volker Michels

Dankrede

anlässlich der Auszeichnung

mit der Ehrendoktorwürde der

Heinrich Heine-Universität, Düsseldorf

am 12.11.2013   

Wie erfreulich, liebe Kollegen von der philosophischen Fakultät, dass ich diese Wert- schätzung meiner Arbeit noch erleben darf! Ich danke allen, die an dieser Entscheidung beteiligt waren, Frau Prof. Herwig und Ihnen, liebe Professoren Bleckmann und Bauschke-Hartung, die Sie mich begrüßt und gewürdigt haben.

Ist es doch keineswegs selbstverständlich, dass solche mehr oder weniger anonymen Leistungen, noch dazu wenn sie für kommerzielle Unternehmen, wie es Verlage sind, erbracht werden, von den zünftigen Wissenschaftlern nicht nur genutzt, sondern auch anerkannt werden. Wobei freilich hinzuzufügen ist, dass sie meinerseits mehr für die Autoren und deren Werke, die ich betreuen durfte, unternommen wurden als für die Gewinnerwartungen der Verleger. Denn sowohl mit dem Weltbild als auch der Lebensführung dieser Autoren konnte ich mich identifizieren. Und wenn man etwas schätzt und liebt, ist die Motivation, diesen Inhalten ein möglichst breites Gehör zu verschaffen ja eigentlich das Naheliegendste.

Seit bald 45 Jahren bin ich nun als inzwischen dienstältester Lektor und Herausgeber für die Verlage Suhrkamp und Insel tätig und habe mich dort aber auch bei anderen Verlagen außer für unsere Gegenwartsliteratur besonders für bisher unerschlossene Werke zu Unrecht vernachlässigter Autoren einzusetzen versucht.

Zu diesen Schriftstellern gehören u.a. Ernst Penzoldt, Friedrich Michael, Martin Beheim-Schwarzbach und Ernst Weiß, — Arzt und Verfasser eines mehr als 14-bändigen erstaunlichen Romanwerkes, der sich 1940 beim Einmarsch der deutschen Truppen in Paris das Leben genommen hat — Autoren, deren Bücher und  wichtigste Einzelschriften inzwischen in Werkausgaben zugänglich geworden sind.  Auch für Stefan Zweig, dessen literarischen Nachlass ich als erster gesichtet habe und den  S. Fischer Verlag motivieren konnte, endlich auch seine Jahrzehnte lang vergriffenen Bücher wieder in Umlauf zu bringen, habe ich das mir Mögliche in Gang zu setzen versucht. Nicht zu vergessen das Experiment, dem unverwechselbaren Robert Walser die verdiente überregionale Verbreitung zu ermöglichen und nach einem komplizierten Hindernislauf sein komplettes Werk aus einem kleinen Schweizer Unternehmen in den Suhrkamp Verlag zu holen. Diese Aktivitäten sind freilich nur den Insidern bekannt.

Wirklich breite Beachtung fand erst mein Einsatz für das Werk, den literarischen Nachlass, die Briefe und Aquarelle von Hermann Hesse, ein über die Maßen reichhaltiges Oeuvre, das nun endlich in der von Ihnen gewürdigten ersten Gesamtausgabe und in etwa 150 thematischen Einzelausgaben zugänglich geworden ist. Wie kam es zu dieser reizvollen Aufgabe und indirekt damit auch zu meinem Weg in den Suhrkamp Verlag zu dessen noch besseren Zeiten?

Erlauben Sie mir ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern. Eigentlich begann alles schon 1962 mit dem Tod des Dichters, das heißt mit meinem Zorn bei der Lektüre der Nekrologe auf Hermann Hesse, als in unsren überregionalen Medien von einem Autor des individuellen Katzenjammers die Rede war, mit dem kein Blumentopf mehr zu gewinnen sei. Ich konnte das einfach nicht zusammenbringen mit meinen eigenen Lese-erfahrungen und beschloss, bereits ein Jahr vor dem Abitur, Literaturwissen-schaft zu studieren, um einen Kulturbetrieb kennen zu lernen, der so etwas unwidersprochen zulässt, aber auch um unseren akademischen Bewertungskriterien auf die Spur zu kommen. Denn einige dieser Nachruf-Verfasser waren Germanisten.

Für meine Eltern jedoch, Großkaufleute, die sämtliche Rundfunkgeschäfte im Süden Baden-Württembergs mit Radio- und Fernsehgeräten, Plattenspielern und Antennen-anlagen belieferten, waren das „brotlose Künste“.  Nicht ausschlaggebend für mich, der sich mehr für die Inhalte, die mit diesen Geräten verbreitet wurden, interessierte, als für die Umsätze, die mit deren Vertrieb zu erzielen waren. Für meine Eltern jedoch  kam — wenn ich schon nicht in deren Firma einsteigen wolle — allenfalls ein Studium der Volkswirtschaft, der Jura oder der Medizin in Frage, das zu finanzieren sie bereit wären. So blieb mir nichts anderes übrig als das mir davon Naheliegendere zu wählen, und ich immatrikulierte mich in Medizin und Psychologie. Die sechs dort verbrachten Semester habe ich nie bereut. Aber nach wie vor galt meine eigentliche Liebe der Literatur. So redigierte ich neben meinen Anatomie-, Histologie-, Biochemie-, Physiologie-, und Statistikkursen eine Publikationsreihe für junge Autoren und erforschte, angeregt durch Hinweise des Schweizer Dichters Robert Walser, das Werk des in Vergessenheit geratenen liberalen Volksaufklärers Heinrich Zschokke, der in der Schweiz fußgefasst, in freundschaftlichem Wettbewerb mit Heinrich von Kleist ein Drama über den "Zerbrochenen Krug"“ verfasst und als vielseitiger Tatmensch, der er war, bestimmenden Einfluss auf die bis heute bestehende Schweizer Verfassung von 1848 genommen hatte.

Weil im Verlauf meines Studiums gerade eine von Enzensberger und Martin Walser angeregte neue Buchreihe im Insel Verlag zu erscheinen begann, die politisch fortschrittliche historische Leistungen zu würdigen versuchte, sandte ich das Ergebnis meiner Recherchen an Siegfried Unseld, der mich daraufhin zu einem Gespräch nach Frankfurt einlud. Zu einer Veröffentlichung der im 19.Jahrhundert entstandenen, doch nach wie vor überraschend unverstaubten und griffig zu lesenden Humoresken Heinrich Zschokkes unter dem Titel der von ihm geprägten Sentenz "Hans Dampf in allen Gassen" kam es erst später. Aber schon damals ist es geglückt, den Verleger dafür zu interessieren.

Das Gespräch über den von der katholischen Kirche indizierten Heinrich Zschokke nahm eine überraschende Wende als Unseld mich nach meinen Lieblingsautoren der Gegenwart und insbesondere denen seiner Verlage fragte. Zunächst nannte ich die älteren, obenan Thomas Mann, Rilke, Stefan Zweig, sodann Hesse, Wolfgang Hildesheimer, Max Frisch und  Martin Walser. Bei Hermann Hesse begann er zu stutzen und wollte wissen, warum ich ihn schätze und was ich von ihm wisse. Da ich als 14-jähriger Schüler auf seinen Roman "Unterm Rad" hin einige Briefe mit Hesse gewechselt und danach alles damals Greifbare von ihm gelesen hatte, konnte ich auf seine Fragen mühelos Auskunft geben, was schließlich zu seiner Bemerkung führte: "Haben Sie gehört, dass Hesse gerade in den USA eine erstaunliche Renaissance erlebt, und wie würden Sie darauf reagieren, wenn Sie mein Mitarbeiter wären?"

Diese Wendung des Gespräches überraschte mich. Denn nichts wäre mir bei meiner Leidenschaft für die Literatur lieber gewesen als in seinem Verlag mitarbeiten zu können. Ich erwähnte, dass ich in älteren Jahrgängen der Zeitschrift "Die Neue Rundschau" und in ähnlichen Journalen auf erstaunlich substanzielle, doch in keiner Suhrkamp-Ausgebe enthaltene Erzählungen und Buchbesprechungen Hesses gestoßen sei, die einmal zu sammeln und zu publizieren erfolgversprechend sei. Dann plötzlich wollte er wissen, ob ich die letzte Ausgabe der bei Suhrkamp erschienenen Zeitschrift "Kursbuch" kenne und was ich von der dort veröffentlichten Parole "Literatur ist tot!" seines Cheflektors Walter Boehlich halte. Ich sagte ihm, dass dies doch kaum mehr als ein modisch provokanter Gag sein könne, denn Literatur sei noch niemals tot gewesen. Erfülle sie doch ein Grundbedürfnis des Menschen, nämlich das, was uns in der Welt, die uns umgibt, zu schaffen macht, ausgedrückt und formuliert zu bekommen, um Orientierungsmöglichkeiten für die Zukunft und vielleicht auch für ein sinnvolleres Leben zu finden. Vom Unterhaltungswert der Literatur ganz zu schweigen.

Er war sichtlich erleichtert von dieser Antwort, was mich überraschte, denn für einen Verleger wie ihn musste doch diese nicht gerade originelle Feststellung eine Selbstverständlichkeit sein. Schon bald nach dieser Begegnung, erfuhr ich aus der Presse den Grund für seine Frage. Im Kontext der damaligen Studentenproteste der 68-ger (Sie erinnern sich: "Unter den Talaren, der Mief von tausend Jahren!") hatten auch die Suhrkamp und Insel-Lektoren gegen den autokratischen Stil von Unselds Geschäftsführung rebelliert und ein Mitspracherecht bei der Programmgestaltung gefordert. Dagegen war nichts einzuwenden, wohl aber dass für sie die Pflege verstorbener Verlagsautoren wie Rilke und Hesse keine "politische Relevanz" hatte, weil diese Dichter ihrer Meinung nach nicht in das progressive, auf sozialistische Gesellschaftsveränderung angelegte Profil des Verlages passten.

Wir kennen den Ausgang dieser Revolte. Die Wortführer des Aufstandes mussten den Verlag verlassen. Sie wurden durch neue Lektoren ersetzt und gleichzeitig mit Dieter Hildebrandt und Thomas Beckermann gab der Verleger auch mir die Chance 1969 in die Ersatzmannschaft einzutreten. Für mich eine einzigartige Gelegenheit, nun auch aktiv am literarischen Leben teilzuhaben. Da war der Verzicht auf den Arztberuf leicht zu verschmerzen. Weniger freilich für meinen Vater, der mir noch jahrelang vorhielt: „Was du da mit deinen Kärrnerdiensten für die Papierverwertung erwirtschaftest, das verdient bei mir jeder Lastkraftfahrer!“

Für den Verlag jedoch begann damals, nach einer Dürreperiode der politischen Theorie eine deutlich andere und lukrativere Ära der Programmgestaltung. Den Auftakt machte Dieter Hildebrandts Parole: "Es wird wieder erzählt!", doch ohne die soziologisch fortschrittliche Tendenz der regenbogenfarbenen edition suhrkamp preiszugeben, die nach wie vor von dem geschickt taktierenden, unvergesslichen Kollegen Günther Busch gesteuert wurde. Erste Taschenbuchreihen wurden gegründet, die es uns endlich ermöglichten das unerschöpfliche Reservoir der sogenannten Backlist, also der Publikationsrechte am Werk der verstorbenen Verlagsautoren wiederzubeleben. Vordem waren deren Bücher nur in teuren gebundenen Ausgaben erhältlich und preiswerte Taschenbuchausgaben mussten in Lizenz an andere Verlage vergeben werden. Damit war es jetzt zu Ende.

Von nun an konnten die Werke von Adorno, Beckett, Bernhard, Ernst Bloch, Brecht Broch, Celan, Marguerite Duras, Eich, Max Frisch, Habermas, Handke, Hesse, Hildesheimer, Horváth, Hrabal, Uwe Johnson, James Joyce, Koeppen, Kaschnitz, Krakauer, Kraus, Lem, Alice Miller, Alexander Mitscherlich, Heiner Müller, Adolf Muschg, Nossack, Plenzdorf, Proust, Rilke, Nelly Sachs, Bernard Shaw, Valéry, Martin Walser, Peter Weiss und Wittgenstein um nur einige von hunderten zu nennen —   mit alljährlich mehr als 100 Titeln die eigenen Taschenbuchreihen speisen und damit die Bilanz des Verlages zur Finanzierung der zeitgenössischen Literatur multiplizieren. Und darüberhinaus war eine geeignete Plattform geschaffen zur Erschließung der Nachlässe unserer verstorbenen Autoren, obenan Hermann Hesse, von dessen literarischer und bildnerischer Hinterlassenschaft weder der Verleger, geschweige denn ich selbst damals schon eine Ahnung hatte.

Denn umgeben wie wir sind von Schaumschlägern war Hesse das Gegenteil von einem Hochstapler, also ein Mensch, der seine Leistungen eher verkleinert als sie heraus-gestellt hat, ein wahrer Exot in Zeiten, in welchen die Banken mit nicht vorhandenen Werten spekulieren und auf Kosten unserer Spareinlagen Milliardenbeträge verzocken. Selbstkritisch wie er war, hat er von seinen Publikationen zu Lebzeiten nur etwa die Hälfte in Buchform veröffentlicht, geschweige denn sich von seiner immensen Sozialarbeit des Beantwortens zehntausender Leserzuschriften Copien aufbewahrt. Auch seine journalistischen Reaktionen auf die politischen Ereignisse während und nach dem Ersten Weltkrieg hat er selbst nur zu einem Bruchteil überliefert.

So war das erste, was es in den politisch aufgeheizten Zeiten der späten Sechziger Jahre für Hesse zu tun galt, mit dem Gerücht aufzuräumen, er sei ein weltfremder Innerlichkeitsapostel und Autor der Nabelschau gewesen. Zu Hilfe kam mir dabei die akribische Vorarbeit von Hermann Hesses Sohn Heiner, der nach dem Tod seiner Stiefmutter Ninon Hesse, den Nachlass seines Vaters verwaltete und aus mehr als sechzig Zeitungen und Zeitschriften fast alles recherchiert hatte, was dieser seit der  Wende vom 19. bis 20. Jahrhundert publiziert hat. Eine kleine Auswahl von 170 Seiten der zeitkritischen Schriften habe ich dann für Siegfried Unselds Publikation "Politische Schriften" zusammengestellt und Jahre später unter dem Titel "Politik des Gewissens" auf etwa tausend Seiten Hesses sämtliche Äußerungen zur Zeitgeschich-te vorgelegt.

Was uns bei unserem Einsatz für diesen Autor von Anfang an zu schaffen machte, war die multimedial ausgetragene Aversion des inzwischen verstorbenen Machthabers Marcel Reich-Ranicki, der es nicht ertragen konnte, dass neben seinem Favoriten Thomas Mann nun auch Hermann Hesse postum zu weltweiter Beliebtheit aufge-stiegen war. Auf seine Äußerung hin, Hesse habe doch keinen einzigen zitierfähigen Satz geschrieben, habe ich dann den Aphorismenband "Lektüre für Minuten" konzipiert mit mehr als tausend Kernsätzen und Statements des Dichters zu allen lebenswichtigen Themen. Dass es diese Sammlung bis heute  zu einer Verbreitung von mehr als einer Million Exemplaren gebracht hat, muss für ihn eine Qual gewesen sein.

In rascher Folge konnten nun auch die in Buchform noch nicht vorliegenden Erzählungen, Essays und Betrachtungen des Dichters veröffentlicht werden, daneben erstmals komplette Ausgaben seiner Märchen, Erzählungen, Legenden und Gedichte, Themenbände über Musik, Religion, Glück, Träume, Liebe, das Alter, eine Sammlung seiner humoristischen Texte, der Reiseberichte über Italien, Indonesien, und die Regionen, die er bewohnt hatte, wie den Bodensee, die Schweiz, den Tessin, das Engadin. Und dann gibt es bei jedem Autor ja auch Spezialgebiete und Stecken-pferde, wie z. B. die  Philosophie des alten China, die Psychoanalyse, aber auch seine Würdigungen der Schmetterlinge, der Wolken, der Bäume und der Jahreszeiten oder seine Eindrücke beim Fliegen im Zeppelin, Eindecker und den ersten Maschinen der Lufthansa oder seine  regenerierende Passion für die Arbeit im Garten. Hinzu kamen die etwa 30 Bücher anderer Autoren, die Hesse herausgegeben hat, Materialienbände zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte seiner wichtigsten Romane und schließlich Bildbände zu seiner Biographie und Alben mit Reproduktionen einer Auswahl der etwa dreitausend Aquarelle, die Hesse seit 1917 bis zu seinem Lebensende gemalt hat.

Das alles wäre in dieser Intensität nicht möglich gewesen ohne die selbstlose fast 45 Jahre währende Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, die ich meiner einzigartigen, im letzten Jahr verstorbenen Frau Ursula zu verdanken habe. Sie, die als Lyrikerin, Erzählerin, Herausgeberin, Betreuerin und Übersetzerin u.a. der Werke von Bernard Shaw an fast allen meinen Publikationen mitgearbeitet hat, würde ich gern in diese Ehrung einbezogen wissen, die sie nun leider nicht mehr erleben kann. Ohne Ursulas  kenntnisreichen Einsatz und ermutigenden Zuspruch wäre dieser jahrzehntelange Spagat zwischen den Tagesgeschäften im Verlag, der Betreuung  der unzähligen in unserem Archiv arbeitenden Autoren und Wissenschaftler und meinen eigenen Forschungsaufgaben wohl kaum durchzuhalten gewesen.

Es war — wenn ich zurückblicke — eigentlich ein beständiges Schwimmen gegen den Strom.  Denn auch bei einem so kompetenten wie selbstherrlichen Verleger wie Siegfried Unseld bedurfte es zuweilen erheblicher Energien um Projekte in Gang zu bringen, die sich im Nachhinein bewährt haben. Dazu gehörte unser für den Verlag nicht unmittelbar ausmünzbarer Einsatz für das Zustandekommen der drei Hesse-Museen in Calw, Gaienhofen und Montagnola, der Internationalen Hesse-Kolloquien oder die Recherche und Erschließung der mehr als 40 Tausend Antworten des Dichters auf Zuschriften seiner Leser. Sie müssen — sofern sie nicht den Kriegen oder anderen Missgeschicken zum Opfer gefallen sind — oft an entlegenen Orten aufgespürt werden.

Das Editionsarchiv, das wir, unabhängig vom Verlag, im Laufe der Jahre mit Hilfe von Heiner Hesse aufgebaut haben, umfasst mittlerweile etwa 19 Tausend Briefe seines Vaters, also erst knapp die Hälfte dieser Sozialarbeit. Daraus speisen sich die Editionen der in den letzten Jahren erschienen kompletten Briefwechsel mit Thomas Mann, Stefan Zweig, Hugo Ball, Hans Morgenthaler, Jakob Schaffner, Peter Weiss, Heinrich Wiegand, den Malern Hans Purrmann, Alfred Kubin, Hans Sturzenegger,  dem Politiker Conrad Haußmann, Hesses zweiter Frau Ruth und seinem Psychiater Josef Bernhard Lang, und darüberhinaus die im letzten Jahr begonnene zehnbändige Ausgabe der gehaltvollsten Schreiben auch an weniger bekannte Empfänger. Das ist eine schöne, doch einige Flexibilität verlangende Aufgabe, denn fast jede Woche tauchen neue, bisher unbekannte Schreiben des Dichters auf, die soweit sie bisher fehlende Facetten enthalten, noch nachträglich in den Kontext einbezogen werden müssen mit jedesmal neuer Umstellung der bereits vorhandenen Kommentare und Fußnoten.

Da Hesse auf das Formulieren seiner Briefe nicht weniger Sorgfalt verwandt hat wie auf seine zur Veröffentlichung bestimmten Schriften und diese Schreiben die eigene wie die Befindlichkeit seiner Zeitgenossen auf unmittelbarere Weise abbilden als im artistischen Aggregatzustand seiner Dichtungen sind sie ein ebenso aufschlussreicher Teil seines Werkes. Wie die 2005 abgeschlossene erste Gesamtausgabe seiner Werke, die den zu Lebzeiten des Dichters veröffentlichten Büchern nochmals 7000 Seiten mit bisher unbekannten Texten hinzugefügt hat, werden auch die zehn Bände der Briefausgabe weitere etwa 7000 Seiten Neuland erschließen und somit diesen Autor in der derzeit größtmöglichen Komplexität zugänglich machen.

Es ist ja eine produktive Symbiose, welche die Erschließung der Primärquellen mit ihrer Erforschung seitens der Hochschulen verbindet. Diesen Brückenschlag zu ermöglichen, hat mich schon immer gereizt, um damit allzu verstiegenen hermeneu-tischen Spekulationen wieder etwas Bodenhaftung zu verschaffen und andererseits der Willkür journalistischer Mutmaßungen immer mehr Boden zu entziehen. Das wird auch künftig die Feder sein, die mein Ührlein treibt.

Der Literaturwissenschaft neue Ressourcen zugänglich zu machen, ist eine wunder-bare Aufgabe und ich bin Ihnen dankbar, dass Sie durch Ihre Auszeichnung  gewiss nicht nur meine, sondern auch die Bemühungen anderer Forscher, Sammler und Herausgeber anerkannt haben, deren Arbeit uns fruchtbare terra incognita zuführt.

 

***

Von der HHP veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

Quelle: Silver Hesse u. Volker Michels


2013-11-12

Wir gratulieren!

 

[FOTO Minkus, 2011]

Foto: Minkus 2011

 

Dr. h.c. Volker Michels

 

Mehr als vier Jahrzehnte lang forschte der belesene Autor, Sammler und Herausgeber Volker Michels hauptsächlich zu Hermann Hesse. Seiner unermüdlichen Arbeit und seinem persönlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass Hesses Schriften gründlich ediert und kommentiert und in der Folge auch weltweit rezipiert wurden. Hochverdient erhält deshalb heute Volker Michels in einer Feierstunde endlich die von vielen Hesse-Kennern vorgeschlagene und unterstützte Ehrendoktorwürde, verliehen von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

 

Pressemitteilung

PDF

 

 

Quelle: Suhrkamp Pressestelle & Limberg


2013-10-08

 

 

 

Aus Martins Tagebuch

von

Hermann Hesse

1918

 

Vorgestern war der wichtigste Tag meines Lebens.  Da habe ich zum ersten Male etwas erlebt und zu spüren bekommen, was ich vorher gar nicht kannte und wovon mir doch jetzt scheint, ich habe es immer und immer gesucht und geahnt mein Leben lang.

 

Es hängt mit den Träumen zusammen.  Diese hatten mich ja schon immer beschäftigt, und oft war ich erstaunt und traurig darüber, wie flüchtig Träume sind, wie schnell sie am Morgen vergehen, wie schüchtern sie vor der leisesten Berührung mit der Vernunft davon-laufen.  Wie oft, wie unendlich oft in meinem Leben bin ich in meinem Bett erwacht und hatte ein neues Gefühl in mir, etwas Schönes, Anderes, unbeschreiblich Neues, Zartes, Liebes, Seltsames, Witziges!  Zwischen mir und der ganzen Welt schien eine neue Beziehung aufgegangen zu sein, ein neuer Sinn schien mir geworden, der die Wahrnehmungen meiner alten, gewöhnlichen Sinne ganz neu verband, bestätigte und auch veränderte.  Ein Blinder, der an einer Rose riecht und sie betastet und dem nun plötzlich die Augen aufgehen und zum erstenmal zum Getasteten und Gerochenen auch noch das sichtbare Bild der Blume zu eigen wird, der müßte Ähnliches empfinden.  Ich hatte zum Gesicht, zum Tastsinn, zum Gehör, Geruch und Geschmack noch einen weiteren Sinn, ein weiteres Fühl- und Wahrneh-mungsvermögen empfunden oder erfunden.  Wenn ich mich dann besann, so fiel mir oft ein Traum oder der Rest eines Traumes ein, den ich in der Nacht gehabt.  Ich hatte fliegen kön-nen.  Ich hatte eine Geliebte gehabt, die ich zu mir her ziehen und rufen konnte ohne einen Ton oder Wink, die zart und gefühlig einfach jeder Regung meiner Seele folgte.  Ich hatte Luft trinken können wie Wein oder in Wasser atmen wie in Luft.

 

Mit dem Gedächtnis an den Traum leuchtete dann immer neue Empfindung nochmals innig und verlockend auf,  schon mit dem wehmütigen Glanz des Abschiednehmenden und Un-wiederbringlichen.  Dann kamen die Gedanken hinterher, das völlige Erwachen und Bewusstwerden, und der Traum und sein Glück wurde ferner und unwirklicher, und wenn ich aus dem Bett stieg, war fast alles schon wieder weg und verloren und nichts blieb mir zurück als ein leises und banges Gefühl von Verlust und Bestohlensein, gemischt mit einem Gefühl, das ähnlich schmeckte wie schlechtes Gewissen so, als hätte ich etwas Dummes getan, als hätte ich mich geschädigt und selber betrogen.

 

Manchmal dachte ich dann, eben das Träumen sei es, das man als Selbstbetrug anklagen und abtun müsse.  Es war aber umgekehrt: das Träumen war das Wertvolle, und das Abtun, Richten und Verwerfen des Traumes war der Unsinn, war die Schädigung.  Einige Male war ich schon ganz, ganz nahe bei dieser Erkenntnis, fühlte sie schon wie einen gefangenen Vogel mir in der Hand flattern, und verlor sie wieder, und blieb traurig und verarmt zurück.  Jetzt habe ich sie in Händen, meine neue Erkenntnis, oder Erfahrung, oder wie man es nennen will.  

 

Was ich alsdann für mich allein dachte und spann, ist wohl nicht des Erzählen wert.  Aber je älter ich wurde und je schaler die kleinen Befriedigungen mir schmeckten, die ich in meinem Leben fand, desto mehr wurde mir klar, wo ich die Quelle der Freuden und des Lebens suchen müsse.  Ich erfuhr, daß Geliebtwerden nichts ist, Lieben aber alles, und mehr und mehr meinte ich zu sehen, dass das, was unser Dasein wertvoll und lustvoll macht, nichts anderes ist als unser Fühlen und Empfinden.  Wo irgend ich etwas auf Erden sah, das man »Glück« nennen konnte, da bestand es aus Empfindungen.  Geld war nichts, Macht war nichts.  Man sah viele, die beides hatten und elend waren.  Schönheit war nichts, man sah schöne Männer und Weiber, die bei aller Schönheit elend waren.  Auch die Gesundheit wog nicht schwer; jeder war so gesund als er sich fühlte, mancher Kranke blühte bis kurz vor dem Ende vor Lebenslust, und mancher Gesunde welkte angstvoll in Furcht vor Leiden hin. Glück aber war überall da, wo ein Mensch starke Gefühle hatte und ihnen lebte, sie nicht vertrieb und vergewaltigte, sondern pflegte und genoss.  Schönheit beglückte nicht den, der sie besaß, sondern den, der sie lieben und anbeten konnte.  

 

Es gab vielerlei Gefühle, scheinbar, aber im Grunde waren sie eins. Man kann alles Gefühl Willen nennen oder wie immer.  Ich nenne es Liebe.  Glück ist Liebe, nichts anderes.  Wer lieben kann, ist glücklich.  Jede Bewegung unsrer Seele, in der sie sich selber empfindet und ihr Leben spürt, ist Liebe.  Glücklich ist also der, der viel zu lieben vermag.  Lieben aber und Begehren ist nicht ganz dasselbe.  Liebe ist weise gewordene Begierde; Liebe will nicht haben; sie will nur lieben.  Darum war auch der Philosoph glücklich, der seine Liebe zur Welt in einem Netz von Gedanken wiegte, der immer und immer neu die Welt mit seinem Liebesnetz umspann.  Aber ich war kein Philosoph.

 

Auf den Wegen der Moral und Tugend aber war für mich auch kein Glück zu holen.  Da ich wusste, glücklich machen kann nur die Tugend, die ich in mir selbst empfinde, in mir selbst erfinde und hege, wie konnte ich da irgendeine fremde Tugend mir aneignen wollen!  Aber das sah ich: das Gebot der Liebe, einerlei ob es von Jesus oder von Goethe gelehrt wurde, dies Gebot wurde von der Welt völlig missverstanden!  Es war überhaupt kein Gebot. Es gibt überhaupt keine Gebote.  Gebote sind Wahrheiten, wie der Erkennende sie dem Nicht-erkennenden mitteilt, wie der Nichterkennende sie auffasst und empfindet. Gebote sind irrtümlich aufgefasste Wahrheiten.  Der Grund aller Weisheit ist: Glück kommt nur durch Liebe.  Sage ich nun »Liebe deinen Nächsten!« so ist das schon eine verfälschte Lehre. Es wäre vielleicht viel richtiger zu sagen: »Liebe dich selbst so wie deinen Nächsten!« Und es war vielleicht der Urfehler, daß man immer beim Nächsten anfangen wollte . . .


Jedenfalls: das Innerste in uns begehrt Glück, begehrt einen wohltuenden Zusammenklang mit dem, was außer uns ist.  Dieser Klang wird gestört, sobald unser Verhältnis zu irgend-einem Ding ein andres ist als Liebe.  Es gibt keine Pflicht des Liebens, es gibt nur eine Pflicht des Glücklichseins.  Dazu allein sind wir auf der Welt.  Und mit aller Pflicht und aller Moral und allen Geboten macht man einander selten glücklich, weil man sich selbst damit nicht glücklich macht.  Wenn der Mensch »gut« sein kann, so kann er es nur, wenn er glücklich ist, wenn er Harmonie in sich hat.  Also wenn er liebt.

 

Und das Unglück in der Welt und das Unglück bei mir selber kam also daher, dass das Lieben gestört war.  Von hier aus wurden mir die Sprüche im Neuen Testament plötzlich wahr und tief.  »So ihr nicht werdet wie die Kinder« oder »Das Himmelreich ist inwendig in euch«.

 

Dies war die Lehre, die einzige Lehre in der Welt.  Dies sagte Jesus, dies sagte Buddha, dies sagte Hegel, jeder in seiner Theo­logie.  Für jeden ist das einzig Wichtige auf der Welt sein eigenes Innerstes, seine Seele, seine Liebesfähigkeit.  Ist die in Ord­nung, so mag man Hirse oder Kuchen essen, Lumpen oder Juwelen tragen, dann klang die Welt mit der Seele rein zusammen, war gut, war in Ordnung.

 

Nichts vermag der Mensch so zu lieben wie sich selbst.  Nichts vermag der Mensch so zu fürchten wie sich selbst.  So entstand zugleich mit den andern Mythologien, Geboten und Religionen des primitiven Menschen auch jenes seltsame Übertragungs­  und Scheinsystem, nach welchem die Liebe des Einzelnen zu sich selber, auf welcher das Leben ruht, dem Menschen für verboten galt und verheimlicht, verborgen, maskiert werden musste.  Einen andern zu lieben galt für besser, sittlicher, für edler, als sich selbst zu lieben.  Und da die Eigenliebe nun doch einmal der Urtrieb war und die Nächstenliebe neben ihr niemals recht gedeihen konnte, erfand man sich eine maskierte, erhöhte, stilisierte Selbstliebe, in Form einer Art von Nächstenliebe auf Gegenseitigkeit.  So wurde die Familie, der Stamm, das Dorf, die Religionsgemeinschaft, das Volk, die Nation zum Heiligtum.  Der Mensch, der sich selber zuliebe nicht das kleinste Sittengebot übertreten darf — für die Gemeinschaft, für Volk und Vaterland darf er alles tun, auch das Furchtbarste, und jeder sonst verpönte Trieb wird hier zu Pflicht und Heldentum.  So weit war die Menschheit bis jetzt.  Vielleicht würden auch die Götzenbilder der Nationen mit der Zeit noch fallen, und in der neu entdeckten Liebe zur ganzen Menschheit käme vielleicht die alte Urlehre wieder neu zum Durchbruch.

 

Solche Erkenntnisse kommen langsam, man windet sich zu ihnen in Spiralen hinan. Und wenn sie da sind, so ist es, als habe man sie im Sprung, im Nu erreicht. Aber Erkenntnisse sind noch nicht Leben.  Sie sind der Weg dazu, und mancher bleibt ewig auf dem Weg.  Auch ich ahnte den Weg, glaubte ihn bestimmt zu wissen und kam doch nie so recht vorwärts auf ihm.  Es gab Fortschritte und Rückschritte, Eifer und Missmut, Glauben und Enttäuschung. Und vermutlich wird es die immer geben.

 

Jetzt bin ich einen Schritt weiter, seit vorgestern.  Da ist es mir zum erstenmal geglückt, etwas festzuhalten, was sonst immer auf der Flucht war, etwas eine Weile zu eigen zu haben, was ich sonst nur wie einen fernen Goldvogel fliegen sah.

 

Mein Erlebnis ist dieses: ich habe vorgestern zum erstenmal den Sinn und das Glück, das Wesen und die Lehre eines nächtlichen Traumes mit in den Tag hinein genommen.  Ich hatte stundenlang eine Beziehung zur Welt, die man sonst nur im Traum hat.  Ich hatte stunden-lang Fähigkeiten, die man sonst am Tage nicht hat.

 

Ich werde mich hüten, das zu erzählen.  Dies erste Erlebnis ist mir viel zu lieb, viel zu zart, viel zu heilig, viel zu schimmernd und geheimnisvoll golden, als daß ich versuchen möchte, es in die Finger zu nehmen, es mit Gedanken, Worten und Tinte zu beschmutzen.

 

Aber das Erlebnis hat sich wiederholt, gestern und heute.  Ich wünsche, daß es sich an hundert und tausend, an allen Tagen wiederhole, es soll aufhören, ein Geheimnis und Wunder zu sein, es soll Tag und Natur werden, soll mir gehören und zur Selbstverständlich-keit werden.        (1918)

 

 ***

 

 

 

Hermann Hesse, Sämtliche Werke:  Betrachtungen und Berichte 1899-1926, Bd. 13, S.384-88. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2003. Digitalisiert und veröffentlicht durch die Hermann-Hesse Page (HHP) mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags, 2013.

 

 

Quelle: Editionsarchiv


2013-10-01

 

[ Foto: © E.Minkus, 2013]

Die Enkel Silver Hesse, Christine Widmer-Hesse, Simon Hesse  v.l.n.r.

Foto: emi

 

Die Liebe, die Frauen, die Kunst – und stehende Ovationen

Ein informatives und unterhaltsames Programm boten

die Hermann-Hesse-Tage in Gaienhofen 2013

Elke Minkus

Eine durchweg positive, teils begeisterte Resonanz erfuhren erneut die Hesse-Tage in Gaienhofen, die am Sonntag zu Ende gingen. Traditionell war bei der Veranstaltung am Untersee für jeden Geschmack etwas dabei.  Drei Vorträge, eine Lesung, eine musikalisch-literarische Veranstaltung, Führungen und eine Schreibwerkstatt lockten Besucher an den Bodensee, die teilweise aus Berlin und Hamburg anreisten.  Aus der Schweiz kamen die Enkel  Hermann Hesses Silver und Simon Hesse sowie Christine Widmer-Hesse.

Museumsleiterin Dr. Ute Hübner eröffnete die Hesse-Tage am Donnerstag im Hermann-Hesse-Höri-Museum.  Sie stimmte die Besucher auf das dreitägige Programm ein und stellte die neue Ausstellung „O geliebte Schweiz“ im Hesse-Museum vor. Am Beispiel des Germanisten und Schriftstellers Robert Faesi stellt die Ausstellung die deutsch-schweizerischen Literatur-beziehungen vor.  Anhand des Nachlasses Faesis zeigt die Ausstellung die Krisen und Belastungen des deutsch-schweizerischen Literatur- und Geisteslebens und bezeugt ein besseres Verhältnis nach 1945. Faesi war es auch, der vom Nobelkomittee um ein Gutachten gebeten, Hermann Hesse für den Nobelpreis vorgeschlagen hatte. Dieses Schreiben Faesis ist im Hesse-Museum zu sehen.  Die Ausstellung sei mit Lesen verbunden, aber es sei lohnenswert, bemerkte Hübner.

Mehr zu sehen als zu lesen gibt es in einer Ausstellung, die im Hermann-Hesse-Haus eröffnet wurde. Unter dem Titel „Lichtwerke. Versuch einer Nahaufnahme“ sind dort Fotografien von Hesses erster Frau Mia Hesse ausgestellt, die als eine der ersten Berufsfotografinnen der Schweiz gilt. Unter anderem über Mia Hesse sprach in seinem Vortrag Michael Limberg aus Düsseldorf.  Limberg untersuchte unter dem Titel „Entzücke, quäle – doch erhör mich nicht!“ Hermann Hesses Frauenbild.  Limberg erläuterte, dass Hesses späteres Frauenbild auf seine Mutter und seine Erziehung in dem pietistisch geprägten Elternhaus zurückgehe.  Es sei eine „lustfeindliche Erziehung“ gewesen, konstatierte er. So sei die Sexualität in Hesses Werk eine „verbotene Frucht“.  Erst nach der Psychoanalyse entwickel-te Hesse ein neues Frauenbild, das Sexualität und Erotik akzeptierte, sagte Limberg.  Im weiteren Verlauf seines Vortrags erläuterte er, wie Hesse - der von sich sagte er sei zum Zölibatär geboren - doch dreimal verheiratet gewesen sei. Für das Publikum war die Argumentation Limbergs zu diesem vermeintlichen Widerspruch nachvollziehbar.  Mit Humor und Einfühlungsvermögen schaffte es Limberg dem Publikum Hesses diffiziles Verhältnis zu Frauen zu erklären.

Mit einem vermeintlich anderen Thema beschäftigte sich Dr. Jürgen Nelles in seinem Vortrag.  Mit „Kunst und Künstler im Erzählwerk Hermann Hesses“ befasste sich der Literaturwissenschaftler von der Universität Bonn.  In vielen Erzählungen und Romanen Hesses wird die Kunst und das Künstlertum thematisiert.  In seinem Lichtbildervortrag nannte Nelles biografische Details und erläuterte die Bedeutung der Kunst und die Charaktere der  Künstler in jedem maßgeblichen Roman Hesses. Von Peter Camenzind  bis zu Narziß und Goldmund interpretierte er die Kunstauffassung.  Der Bezug zu dem vorangegangenen Vortrag von Michael Limberg ergab sich durch die  Unvereinbarkeit eines Künstlers mit dem sozialen und dem Eheleben.  Besonders in Roßhalde, so Nelles sei die Kluft deutlich herausgestellt. Hesse habe für die Kunst gelebt und musste, um erfolgreich zu sein, ihr alles andere unterordnen.

Der thematische Kreis der Vorträge schließt sich mit Volker Michels Beitrag, der unter dem Titel „Nur wer liebt ist lebendig“ Hesses Liebesgeschichten und Liebesgedichte untersuchte.  Doch schon vor seinen Ausführungen brandete im Publikum Beifall auf, als Ute Hübner in ihrer Einführung verkündete, dass dem langjährigen Herausgeber der Hesse-Werke im November von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf die Ehrendoktorwürde verliehen werde.

Michels wusste zu berichten, dass jede fünfte Erzählung Hesses eine Liebesgeschichte und jedes zehnte seiner Gedichte ein Liebesgedicht sei.  Er erläuterte anhand von Beispielen die wohl mög-lichen Varianten der Liebe, die Hesse beschrieb.  Liebe aus Anbetung, aus Eifersucht, aus Mitleid, Eitelkeit oder Hörigkeit seien alles Formen, die Hesse ausgestaltet habe.  Und trotz dieser Fülle der Liebesthematik sei die Ehe, außer in Roßhalde, kein Thema in seinem Werk. Grund dafür sei eben, dass Hesse die erforderliche Beständigkeit für ein langes, fruchtbares Zusammenleben nicht aufbringen konnte, weil er sein Leben der Kunst untergeordnet habe.  Fast alle Künstler seien zwar feurige Liebhaber, aber selten gute Ehemänner, zitierte er Hesse.  Die Frau und die Liebe seien die Quelle für die Kunst, die anschließend erschaffen werde, sagte Michels.

Die drei Vorträge der Hesse-Tage haben sich heuer hervorragend ergänzt.  Den Zuhörern wurde ein neues Verständnis für Hesses Verhältnis zur Frau, zur Kunst und zur Liebe vermittelt.  Die intellektuelle Herausforderung des Publikums wurde in Gaienhofen entlohnt durch drei emotional sehr berührende Aufführungen.

Eine Demian-Lesung mit Michael Speer begeisterte das Publikum. Ein Besucher sprach von einer „Zauberstunde“.  Speer, tätig als Sprecher beim SWR-Rundfunk, gelang es sehr professionell, die Schönheit der Sprache und die Vielschichtigkeit der Protagonisten in der Erzählung für die Zuhörer erfahrbar zu machen.  Mit viel Applaus nahmen diese seine Darbietung auf, die bis ins kleinste lautmalerische Detail perfekt war.

Auch der Auftritt von Clemens von Ramin, der Hesses Betrachtungen über das Alter und die Musik vortrug, begeisterte das Publikum.  Sein ausdrucksstarker und modulationsreicher Bariton zog seine Zuhörer in den Bann.

Mit dem musikalisch-literarischen Auftritt von Graziella Rossi (Lesung), Helmut Vogel  (Lesung), Ambra  Albek (Violine) und Fiona Albek (Klavier) endeten die diesjährigen Hesse-Tage.  Ein großartiges Konzept (Regina Bucher) wurde  durch großartige Künstler dargestellt.  Das Publikum dankte mit stehenden Ovationen und beglückwünschte am Ende die beiden Gaienhofener Oganisatorinnen Ute Hübner und Sabine Giesler für eine phantastische viertägige Veranstaltung.

***

 

Quelle: Editors HHP


2013-08-18

Das  neue Hesse-Kabinett

in Tübingen

 

"Die Stadt Tübingen hat das Hesse-Kabinett eröffnet. Es wurde im Antiquariat Heckenhauer bei der Tübinger Stiftskirche eingerichtet. Von 1895 bis 1899 hatte Hermann Hesse dort eine Buchhändlerlehre absolviert. Dabei soll er sich für den Beruf des Schriftstellers entschieden haben.

 

Hessekabinett

Das Kabinett lädt zum Stöbern und Informieren ein

Die rund 80 Quadratmeter große Lehrwerkstatt mit Originaldokumenten Hermann Hesses ist komplett renoviert und zu einem literarischen Gedenkort umgestaltet worden. Kauf und Einrichtung des Museums haben rund 300.000 Euro gekostet. Zahlreiche Sponsoren, darunter der Autobauer Porsche und die Kreissparkasse haben das Projekt unterstützt.


Zeit zum Schmökern

Gemütliche Sessel stehen zwischen alten Buchregalen und einer denkmalgeschützten schmiedeeisernen Wendeltreppe aus Hesses Zeit. Etwa zehn Menschen finden Platz im Hesse-Kabinett. Unser Ziel war es, einen Raum mit hoher Aufenthaltsqualität zu schaffen, der die Beschäftigung mit Literatur und Büchern ermöglicht und den Besucher einlädt, sich Zeit zum Schmökern zu lassen, sagte Kulturamtsleiterin Daniela Rathe bei der Eröffnung. Sie hat den Umbau und die Einrichtung federführend begleitet. Das Einzigartige dieser Räumlichkeiten sei, dass sie bis heute die Atmosphäre dieser Zeit wiedergeben und sich in fast unverändertem Zustand befinden, so Rathe weiter.

Hesse-Kabinett in Tübingen

Blick in das Hesse-Kabinett mit der 150 Jahre alten Wendeltreppe


Literarische Tradition

Der Inhaber des Antiquariats Heckenhauer, Roger Sonnewald, sowie der Bauträger, die Pro Casa GmbH aus Esslingen, seien 2011 an die Universitätsstadt heran getreten, um den Kauf einer Teilfläche im ersten Obergeschoss anzubieten. Da Tübingen über eine lange literarische Tradition verfügt und sehr viele Menschen schon jetzt das Antiquariat aufgrund der Verbindung zu Hermann Hesse aufsuchen, sah man sich in der Pflicht, diesen einmaligen kulturhistorischen Gedenkort für Tübingen zu erhalten, heißt es in einer Mitteilung der Stadtverwaltung."

Text und Fotos: Antiquariat Heckenhauer, 2013

"Audio und Video" vom SWR4

J. J. Heckenhauer e.K.
Inhaber: Roger Sonnewald
Antiquariat seit 1823
Holzmarkt 5
72070 Tübingen
Deutschland

Quelle: Roger Sonnewald  und SWR4


2013-07-30

[Büste von Eduard Zimmermann, 1908. im Besitz der Schweizerischen Landesbibliothek, Bern. Foto: HHEA, Offenbach]

Hermann Hesse Büste, Zimmermann, München1908

 


»... um wieder mal ein flottes Stück
Leben um mich brausen zu hören«

Hermann Hesse und München

Volker Michels

Die Münchner Bezüge in Hermann Hesses Werk zu Tage zu fördern, war keine leichte Aufgabe. Denn die ergiebigsten Spuren reichen mehr als hundert Jahre zurück. Und nicht wie Thomas Mann war Hermann Hesse jahrzehntelang in München ansässig, sodass man aus dem Vollen schöpfen könnte. Doch immerhin war Hesse, den Thomas Mann als den ihm nächsten und liebsten unter den deutschen Autoren seiner Zeit bezeichnet hat, von 1899 bis 1934 mindestens 15 mal in München und hat hier, wenn ich richtig gezählt habe, wohl mehr als 50 Tage verbracht.

Erstmals kam er im Alter von 21 Jahren in die weiß-blaue Metropole, nachdem er gerade auf eigene Kosten seine erste Gedichtsammlung Romantische Lieder [Herbst 1908] veröffentlicht hatte, in Begleitung einiger Studenten aus seinem Tübinger Freundeskreis, der sich »Petit Cenacle« nannte, um die Bilder der Münchner Sezessionisten [>] und in Schleißheim die Gemälde des zwölf Jahre zuvor verstorbenen Hans von Marées kennen zu lernen. Fünf Jahre später kam es dann zu ersten persönlichen Begegnungen mit Ricarda Huch und Thomas Mann, dessen Frühwerke Hesse kurz zuvor in der Neuen Zürcher Zeitung gewürdigt hatte. »Beide waren wir damals noch Junggesellen«, erinnert sich Hesse, »im Übrigen freilich waren wir einander nicht sehr ähnlich, man konnte es uns schon an der Kleidung und am Schuhzeug ansehen.«

Denn Hesse, der kurz zuvor mit seinem Aussteiger-Roman Peter Camenzind einen solchen Erfolg gehabt hatte, dass er seinen Brotberuf als Buchhändler an den Nagel hängen konnte, war gerade im Begriff, es dem Helden seines Romans gleich zu tun, um am entlegensten Winkel des Bodensees das alternative Leben eines Naturmenschen zu erproben. So mochte er dem geschniegelten Kollegen Thomas Mann vorgekommen sein wie die legendäre Feldmaus der adretten Stadtmaus. Doch bevor Hesse für einige Jahre zur Feldmaus wurde, hatte auch er mit dem Gedanken geliebäugelt, statt an den Bodensee nach München zu ziehen, wenn nicht seine Verlobte und künftige Frau, die Basler Anwaltstochter Maria Bernoulli, ihn davon abgebracht hätte. Und da er nun einmal das weltoffen kunstfreundliche Klima dieser Stadt gewittert hatte, blieb er ihr verfallen, selbst aus der Entfernung.

So wurde München künftig zu einem Magneten, der ihn wann immer es ihm in seinem ländlichen Domizil zu weltvergessen wurde, anzog, um mal wieder -— wie Hesse damals schrieb -— »ein flottes Stück Leben um mich brausen zu hören«. Denn dort sei es nicht nur großstädtisch interessant, sondern auch behaglich, schön, geräumig und hell. »Ich war dort als Dichter«, erinnert er sich 1817, »nicht ein vereinsamter Einzelner, sondern gehörte zu einem Kreis, war gewissermaßen besser legitimiert.«

Anlässe dazu gab es reichlich, seit der junge Münchner Verleger Albert Langen seinem Berliner Konkurrenten Samuel Fischer einen so vielversprechenden Fang wie den Hesse nicht gönnen mochte und ihm die verlockendsten Köder auslegte, um ihn aus Fischers Netzen zu befreien. Zunächst glückte ihm das mit der Einladung zur Mitarbeit an seiner satirischen Wochenschrift Simplicissimus und ab 1906 mit der Gründung der Zeitschrift März, für deren Kulturteil er Hesse als Herausgeber gewinnen konnte. Die redigierte er nun gemeinsam mit Ludwig Thoma, mit dem ihn bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs eine burschikose Freundschaft verband. Zwar seien sie, vermerkt Hesse, in mancher Hinsicht Antipoden gewesen, doch einig in ihrem Bedürfnis nach süddeutscher Selbstbehauptung gegen die herablassende Dominanz preußischer Selbstherrlichkeit.

Zu lebenslangen Freundschaften kam es damals auch mit anderen Gefährten des Münchner Verlages wie den Malern Olaf Gulbransson und Rudolf Sieck, den Redakteuren Reinhold Geheeb und Hans Erich Blaich, der unter den Decknamen Dr. Owlglass (=Eulenspiegel) und Ratatöskr (=Eichhörnchen >) seine geistreichen Glossen und frechen Verse veröffentlichte. Hinzu kam der politische Schriftführer der Zeitschrift März, der liberale Reichstagsabgeordnete Conrad Haußmann, der als geschickter Jurist den Verlag in den diversen Hochver-ratsprozessen verteidigte, mit denen unser großspuriger letzter deutscher Kaiser den Simplicissimus zu disziplinieren versuchte. Es sei, vermerkt Hesse in seinen »Erinnerungen an Conrad Haußmann« auch in der Zeitschrift März, »in den ersten Jahren ein guter Geist gewesen, und zwei der wichtigsten Tendenzen unserer Arbeit waren […] die gegen Berlin-Potsdam und das Bestreben nach einer geistig-politischen, freundschaftlichen Annäherung an Frankreich, gegen Byzantinismus [>] und den Kadavergehorsam preußischer Kasernenhofkultur.«

Neben den Redaktionstreffen, die Hesses Anwesenheit in der Kaulbachstraße, dem Sitz des Verlages, erforderlich machten, waren es vor allem seine in München lebenden Malerfreunde Max Bucherer, Albert Welti, Ernst Kreidolf, Otto Blümel und Alfred Kubin, die er dort gerne traf, dazu den Bildhauer Eduard Zimmermann, der hier 1906 eine Büste [s.o.] von Hesse schuf. Auch Hesses Basler Freund, der Keramiker, Maler, Möbeldesigner und Architekt Hermann Haas war inzwischen nach München übersiedelt und fertigte hier nach einer Modellzeichnung des Dichters seinen künftigen Schreibtisch an, der im August 1904 an den Bodensee spediert wurde und als einziges Möbelstück alle seine Umzüge überstanden hat.

[ausgestellt im Hermann-Hesse Museum Gaienhofen]

Hermann-Hesse Museum Gaienhofen

Ja noch 1975, lange nach Hesses Tod, trat dieses Fossil eine Reise um den halben Erdball nach Tokio an, weil die seit jeher Hesse-vernarrten Japaner diese gewichtige Reliquie in dieser größten einem deutschen Dichter gewidmeten Ausstellung zeigen wollten, zumal darauf fast alle seine Manuskripte bis hin zum Glasperlenspiel entstanden sind.

Gern besuchte Hesse in München auch Deutschlands erstes politisches Kabarett »Die Elf Scharfrichter« in der Türkenstraße, verbrachte alkoholische Faschingsnächte in Schwabing und genoss in den Kammerspielen die tragikomischen Auftritte von Karl Valentin. Damals gab Valentin, erinnert sich Hesse: »mit einer kleinen Truppe u.a. 'Die Raubritter von München‘ (eine außerordentliche Viecherei) [...]. Nie habe ich ein vergnügteres Haus gesehen. Wie gern doch alle Menschen lachen!  Weit von den Vorstädten laufen sie in der Kälte herein, zahlen Geld, warten lang, kommen erst um Mitternacht nach Hause, nur um eine Weile lachen zu können. Auch ich lachte sehr, meinetwegen hätte das Stück bis zum Morgen dauern können. Weiß Gott, wann man wieder zum Lachen kommt. Und je größer der Komiker ist, je schauerlicher und hilfloser er unsre Dummheit und unser banges Menschenlos auf die komische Formel bringt, desto mehr muss man lachen!  Hinter mir unter den Zuschauern saß eine junge Frau, die legte mir beide Ellenbogen auf die Schultern. Ich drehte mich um, weil ich glaubte, sie hätte sich vielleicht in mich verliebt, aber es war nur das Lachen. Sie wurde davon gestoßen wie eine Besessene vom Dämon. Die Erinnerung an Valentin gehört zu den Kostbarkeiten der Reise.«

1910 spielte Hesse mit dem Gedanken, künftig wenigstens die Wintermonate mit seiner Familie in München zu verbringen. Nicht auszudenken, wie das auf sein Frühwerk abgefärbt hätte! Dann wäre wohl wie über seine Bodenseejahre auch ein Themenband über seine Münchner Erlebnisse und Eindrücke möglich geworden. Stattdessen müssen wir uns mit dem Wenigen begnügen, was sich über München in Erzählungen wie Taedium vitae , Der Weltverbesserer und seinem einzigen, 1910 in München, ein Jahr nach Albert Langens Tod, erschienenen Musikerroman Gertrud findet. Kein Vergleich mit Annette Kolbs Erinnerungs-romanen Die Schaukel und Daphne Herbst oder mit Thomas Manns Doktor Faustus, der nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs die Genese der deutschen Problematik auch am Beispiel Münchens nachzeichnet. Er sandte Hesse das Buch 1947, gleich nach seinem Erscheinen mit der Widmung: »Dies Glasperlenspiel mit schwarzen Perlen von seinem Freunde Thomas Mann«. Nach der Lektüre bemerkte Hesse in einem Brief vom Januar 1948 an den auch mit Thomas Mann befreundeten Schweizer Literaturkritiker Otto Basler:

»Vermutlich hat Thomas Mann das >faustisch< Deutsche, wie er es kannte und es selber in sich trägt, einmal von seiner diabolischen Seite betrachten wollen und zwar im Bild der deutschen Musikalität, die ja einerseits eine hohe Begabung, andrerseits auch ein Laster ist, so wie Mann selber vermutlich seine tiefe Liebe zu Richard Wagner selbst als problematisch und gefährlich empfindet. Das wäre das Primäre. Hinzugetan hat er dann noch das andre, das Stück Zeitgeschichte und Schlüsselroman, den schlechteren aber auch amüsanteren Teil des Werkes und hat da insofern ins Schwarze getroffen, als München in der Geschichte der reaktionären Tendenzen wirklich eine führende Rolle gespielt hat und vermutlich heute noch spielt. Schon vor 1914 war es ein Hauptsitz der >Alldeutschen<, besonders einige Verleger stützen diese Bewegung. Nach dem ersten Krieg war es der Hauptort des sentimentalen Nationalismus, hier ließ man Landauer ermorden, ließ Hitler groß werden, und machte nach dem Putsch von 1923 seine Festungshaft zur Operette etc.«

Diese Äußerung über das politische München jener Jahre ist der einzige abträgliche Befund, der bei Hesse vorkommt, wie denn seine kritischen Vorbehalte gegen Richard Wagner und die Missbrauchbarkeit seiner Musik nach wie vor bedenkenswert sind, zumal Thomas Manns Hassliebe zu Wagner auch für ihn verfänglich wurde und gerade jetzt im Jubiläumsjahr des Komponisten erneut zur Diskussion steht.

Vorherrschender jedoch sind Hesses positive Äußerungen über München als Stadt heiterer Sinnlichkeit, des duldsamen Individualismus und kunstverständiger Toleranz, wenngleich ihn die bombastisch-intellektuellen Fachsimpeleien einiger unbegabter Maler und Dichter der Schwabinger Boheme mitunter genervt haben. Sie seien, schrieb er 1813 in einem Brief »das einzige, was ich an dieser famosen Stadt nicht mag.«  Seine Erzählung Taedium vitae ist eine anschauliche Milieustudie unter anderem auch darüber. In diesen Kreisen kam er mit recht exzentrischen Naturellen in Berührung, aber auch mit Kollegen wie Otto Julius Bierbaum, Alexander von Bernus, dem Initiator des Schwabinger Schattentheaters, Wilhelm Weigand und Josef Hofmiller, den Gründern der Süddeutschen Monatshefte, Annette Kolb, Joachim Ringelnatz und dem ihm zeitlebens verbundenen Hans Carossa. Nicht zu vergessen seine Freundschaft mit dem im Haus seines Schwagers, des Verlegers Ernst Heimeran in der Dietlindenstraße lebenden Autors der Powenzbande [>] Ernst Penzoldt, den er als »Humorist mit der lachenden Träne im Auge« rühmte.

Wenn Hesse nach 1934 auch nicht mehr hierher kam, als seine ab 1904 regelmäßig in der Münchener Zeitung erschienenen Feuilletons und Bücherberichte verboten wurden, und -— abgesehen von einer Behandlung beim Augenarzt, zwei Jahre später -— auch nie mehr nach Deutschland, so ist es zu guter Letzt doch ein Münchner Autor gewesen, der ihn noch kurz vor seinem Tod in seiner Tessiner Wahlheimat besuchte und bald darauf auch an seiner Beerdigung teilnahm. Es war Erich Kästner, der mir damals schrieb: »Meine Erinnerungen an Hermann Hesses Kameradschaft gehören zu meinen, was die Literatur anlangt, angenehm-sten Erfahrungen. Es ist keine leichtfertige Redensart, wenn ich sage und schreibe, dass dieser Mann und Kollege mir unvergesslich sein wird.«

***

__________________________

1 Quelle: Hefte zu Ausstellungen im Literaturhaus München, 4/2013, 46 pp. Hg. Reinhard G. Wittmann, Stiftung Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, 80333 München. Die Ausstellung dauert v. 13.6 – 1.9.2013. Mit frdl. Genehmigung d. Verfassers.

 

Bericht im MünchnerFeuilleton Juli, Nr. 21/2013

Quelle: Literaturhaus, München  u. Suhrkamp Archiv


 

2023-02-25

Zum 70. Geburtstag von

Volker Michels

 

[Volker Michels in Gaienhofen September 2012. Foto © Elke Minkus, 2012]

Volker Michels in Gaienhofen - Foto © E.Minkus 2012

 

"Stellvertreter Hesses auf Erden"

von Herbert Schnierle-Lutz

 

Calw. Manche bezeichnen ihn als Stellvertreter Hermann Hesses auf Erden. Dies ist keineswegs ironisch gemeint, sondern eine Würdigung seiner Verdienste um das Werk des Dichters. Zweifellos ist er maßgeblich daran beteiligt, dass dieses in den vergangenen vier Jahrzehnten in vorzüglichen Editionen der Leserschaft noch besser zugänglich gemacht und dadurch höchst lebendig gehalten wurde. Gekrönt hat er diese Arbeit durch die 2001 bis 2007 herausgegebene 21-bändige Hesse-Gesamtausgabe mit mehr als 14?000 Seiten. Für die Stadt Calw konzipierte und gestaltete er bereits 1990 zusammen mit Heiko Rogge das seither vielbesuchte Hermann-Hesse-Museum. Am 25. Februar begeht er seinen 70. Geburtstag.

Die Rede ist von Volker Michels, der seine berufliche Laufbahn 1970 als Lektor im Frankfurter Suhrkamp Verlag begann. Dieser Verlag publiziert seit seiner Gründung 1950, an der Hesse mitbeteiligt war, exklusiv dessen Werk. Und für dieses Werk suchte damals Verleger Siegfried Unseld einen jungen fähigen Lektor.

Eigentlich hatte Michels Medizin und Psychologie studiert, aber seine Passion war die Literatur und hier besonders Hermann Hesse. Als 15-jähriger Schüler des Internats in Salem hatte er Hesse nach der ihn bewegenden Lektüre des Romans "Unterm Rad" einen Brief geschrieben und tatsächlich eine Antwort erhalten. Dadurch ermutigt, bat er den Dichter, ihn doch einmal in Montagnola besuchen zu dürfen, was dieser ihm nicht abschlug. Und so radelte er, als er mit seinen Eltern 1958 die Sommerferien in Ascona verbrachte, vom Lago Maggiore an den nahen Luganer See hinüber und die Collina d’Oro nach Montagnola hinauf.

Beim Erreichen des Hauses wunderte er sich über Rock’n’ Roll-Musik, die laut aus diesem erschallte. Des Rätsels Lösung war, dass Hesse gerade mit seiner Frau in der Sommerfrische in Sils Maria weilte und die Haushälterin seine Abwesenheit nutzte, um ausgiebig ihre Lieblingsmusik zu hören. Aber sie zeigte Michels dennoch das Haus.

Als er zwölf Jahre später in den Suhrkamp Verlag eintrat, war er bereits ein Kenner. Aber vieles von Hesse war zu dieser Zeit noch unveröffentlicht, und so wurde die Publikation des Nachlasses zu einem seiner wichtigen Arbeitsgebiete. Eine weitere Herausforderung war für ihn damals das sich immer mehr verbreitende Taschenbuch. In diesem Buchformat setzte das Werk zu vorher nicht vorstellbaren Höhenflügen an: Waren in Hesses sechs Lebensjahrzehnten als Schriftsteller gerade einmal vier Millionen Bücher von ihm in Deutschland über die Ladentheken gegangen, so wurde in den drei Jahrzehnten zwischen 1970 und 2000 mehr als die fünffache Menge verkauft. Wesentlich trug dazu aber auch bei, dass Volker Michels immer wieder Neues, Spannendes aus dem Nachlass sowie interessante thematische Zusammenstellungen veröffentlichte.

Derzeit sitzt er nun an einer zehnbändigen Briefausgabe, in der die fast 20?000 von ihm gesammelten Hesse-Briefe publiziert werden sollen, mit denen der Dichter vor allem mit seinen Lesern intensiv korrespondierte. Die Stadt Calw hat Michels viel zu verdanken. Ohne seine Mitarbeit und seine großzügig zur Verfügung gestellten Exponate hätte das Calwer Museum nicht zur umfänglichsten Hesse-Präsentation mit großer Anziehungskraft werden können. Und auch das Hesse-Kolloquium in Calw hat er wesentlich mitentwickelt. Für diese Verdienste um die Stadt und ihren großen Sohn bekam Volker Michels bereits vor 20 Jahren die Hermann-Hesse-Medaille der Stadt Calw verliehen.

Text mit freundlicher Genehmigung des Schwarzwälder Boten

Quelle:Vestl, Schwarzwälder Bote


 

2013-02-07

Foto: UNESCO

 

Paris,  11—15 February

Hermann Hesse – Life and Work

Reflections on education, politics, religion and community

UNESCO; 7, Place de Fontenoy, Paris 7ème

In collaboration with the Permanent Delegation of Germany to UNESCO.

The exhibition, conceived by the Fondazione Hermann Hesse Montagnola, offers, through photos, watercolours and excerpts from works, an overview on the life and work of the writer and painter Hermann Hesse. The selected quotations focus on Hesse’s relationship with different topics, such as science, learning, cultural exchange, tolerance and human rights.

In German, French and English.

Opening: Monday, 11 February, 12.30

The exhibition can be visited every day from 9.00 to 17.30

(identity card or passport have to be presented for admission to the exhibition).

Contact: Permanent Delegation of Germany to UNESCO, Paris, info@unesco.diplo.de,

T. +33 61 53 83 46 45.

Quelle: UNESCO


2013-01-31

14. Silser Hesse-Tage

 

Foto: Hesse Editionsarchiv

 

13. - 16. Juni 2013

Hotel Waldhaus

Sils Maria im Engadin

 

t

 

Programm

 

Quelle: Limberg. Düsseldorf


2013-01-24

 

[Werbefoto, Calw Internet, 2013]

[Werbefoto, Markt, Stadt Calw, 2013]

 

14. Internationales Hermann-Hesse-Kolloquium 2013

Am 10. und 11. Mai 2013 findet in Hesses Heimatstadt Calw wieder ein Internationales Hermann-Hesse-Kolloquium statt. Es steht unter dem Motto

„der poetischen Wahrheit nachgehe[n].“ Der biographische Aspekt in Hermann Hesses Werk

In einer Tagebuchaufzeichnung von 1928 bekennt Hesse, dass fast alle seine Prosatexte Seelenbiographien seien, „Monologe, in denen eine einzige Person in ihren Beziehungen zur Welt und zum eigenen Ich betrachtet wird“.  Wenn sich auch viele der handelnden Personen in Hesses Romanen und Erzählungen auf reale Personen zurückführen lassen, so ging es Hesse doch nie um die möglichst genaue Nachbildung realer Ereignisse, sondern um die künstlerische Verdichtung und Modellierung der Wirklichkeit, um das, was er als poetische Wahrheit verstand.

Neben den Schriftstellern Adolf Muschg und Michael Kleeberg referieren Prof. Dr. Helga Abret (Universität Metz), Dr. Kirsten von Hagen (Universität Bonn und Mannheim), Prof. Dr. Osman Durrani (University of Kent), Dr. Tim Lörke (FU Berlin), Michael Limberg (Düsseldorf), Volker Michels (Hesse-Editionsarchiv, Offenbach).

Die szenische Lesung mit Musik: „’Liebes Herz!’ Hermann Hesses Leidenschaft für Ruth Wenger“ beschließt den Freitagabend. Es lesen die Schauspieler Cornelia Bernoulli und Peter Holliger. Marcel Ege spielt dazu Gitarrenmusik von Fernando Sor.

M.L.

 

Weiteres

 

Quelle: Limberg, Düsseldorf


 

2012-12-07

 

[Schutzumschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München, unter Verwenung eines Ausschnitts aus einem Foto von Hermann Hesse und Othmar Schoeck, 1911. Foto © Deutsches Literaturarciv Marbach)

Umschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München

© Foto: Deutsches Literaturarchiv, Marbach

 

Eine „Seelenbiographie“ über Hermann Hesse

von Elke Minkus

 

In der Einleitung zu seinem Buch über Hermann Hesse Der Wanderer und sein Schatten schreibt Gunnar Decker über die Aufgabe einer Biografie, sie „soll weder vorsätzliche Bloßstellung noch bloße Hommage sein.“ „Die Redlichkeit der Biographen“, so Decker weiter, „besteht folglich darin, nicht eine Seite auf Kosten der anderen zu profilieren oder zu negieren.“

Es geht also darum, gegenüber dem Portraitierten fair zu sein, dies könne man nur, wenn man sich auf die Quellen stütze, schreibt Decker in Anlehnung an ein Zitat Hesses. Und Decker hat das gemacht, er hat recherchiert, gelesen, Gespräche geführt, er hat seinem Buch ein umfangreiches Literaturverzeichnis beigefügt, und er hat alle Zitate belegt – was nicht selbstverständlich ist, denn manche Autoren verzichten um der besseren Lesbarkeit wegen auf Fußnoten. Decker hat alle verfügbaren Quellen genutzt, und es ist eine ausgezeichnete Biografie geworden. Er räumt mit Vorurteilen auf, die das Werk Hermann Hesse immer wieder diskreditierten. Decker forscht neu, forscht sehr ausführlich und profitiert dabei auch von der neuen 20-bändigen Gesamtausgabe, herausgegeben von Volker Michels, die zwischen 2001 und 2007 mit vielen bislang unveröffentlichten Texten erschienen ist.  Decker hat sich mit dem neuen Material offensichtlich beschäftigt und hat die alten Auffassungen daraufhin neu untersucht. Er kann in seiner Biografie viele vorschnelle Urteile, die im Laufe der Jahrzehnte zu Hesses Werk gefällt wurden, entkräften. Er schreibt über den schwäbischen Dichter mit Sympathie und Einfühlungsvermögen, er lässt aber auch die Schwachpunkte nicht aus. Dabei formuliert er immer sachlich und analytisch und kann die Deutungen, zu denen er kommt, belegen. Er verletzt nicht, und er himmelt nicht an, er ist fair. Er urteilt und beschreibt, immer basierend auf Fakten.

Es ist eine außergewöhnliche Biografie, die Decker verfasst hat. Der Wanderer und sein Schatten ist nicht die Aufzählung von Werken, Lebensumständen, Begegnungen, Einflüssen usw. Decker gelingt in dem Buch vielmehr die Verknüpfung all dessen, mit psychologischem Nachspüren, mit Einfühlung und Distanz gleichermaßen. Im Verlauf des Lesens dieser 703 Seiten starken Biografie wird für den Leser die Person des Dichters immer deutlicher, sein Handeln wird klarer und verständlicher. Aus den vielen Details, die Decker aufbringt, ergibt sich ein beeindruckendes Gesamtbild Hesses, das bislang noch kein Biograf vor ihm erspüren konnte.

Decker charakterisiert Hesse in neuen prägnanten Formulierungen: „Noch in dem beschaulich in seinem Garten Reisig verbrennenden Greis sitzt ein gefährlicher Pyromane auf dem Sprung.“ Oder: „Dieser unverkennbare Strohhutträger ist keineswegs ein kommuneuntauglicher Gemütsmensch, den unbeschwerten `Wandervogel` muss man anderswo suchen.“ Eigensinnigen Antidogmatiker nennt Decker ihn. Einen, der eine „janusköpfige Natur“ habe, er sei ein „notorisch reizbarer Einzelgänger“.  Dies alles schreibt Decker über Hesse und dennoch beschreibt er ihn als einen unterschätzten Autor, einen Schriftsteller, den man nicht zurück lässt, sobald man die Pubertät überstanden habe. Er sei ein visionärer Autor jenseits aller Moden. Entgegen der teils herabwürdigenden Kritiken, die Hesse erfahren hat, hebt Decker Hesse auf eine höhere Stufe, er gibt ihm in der Literaturwissenschaft einen neuen Stellenwert. Der promovierte Philosoph Decker weiß wovon er schreibt, wenn er Hesses autodidaktischen Studien zur Philosophie, Religionswissenschaft und Psychologie nachspürt. Er zeigt wie sich Hesses innerlichen und äußerlichen Sinnkrisen in seinem Werk verdichten, wie politische, ideologische, zeitgeschichtliche Ereignisse Eingang finden in sein Werk und wie Hesse sie in überindividuelle, magische und zeitlose Geschichten umwandelt.

Decker bringt die – scheinbaren – Widersprüche in Hesses Wesen und in seinem Schreiben zusammen. Er schafft das, indem er auf eine von Hesse geprägte Bezeichnung zurück geht, er schreibt eine „Seelenbiografie“. Über Hesses Schreiben sagt Decker: „Der ständige Wechsel von Innen und Außen verbindet bei ihm Lebenserzählung mit Reflexion und mythischer Neuverzauberung. Einem besonderen Ton ist dabei nachzugehen, dem einer ´Seelenbiographie´.“  Und Decker fragt:  „Wie sollte man eine Biographie Hermann Hesses schreiben, ohne zu versuchen, diesem Ton einen Resonanzraum zu geben?“ Decker hat es geschafft, er hat eine „Seelenbiographie“ geschrieben. Er hat sachkundig, kritisch, intellektuell und doch mit Sympathie und Verständnis das Leben und Werk Hesses als ein Gesamtbild erscheinen lassen. Die erste Biografie über Hesse, die diesen Spagat schafft, sie zeichnet eine neues, ein viel differenzierteres Bild des Dichters. Außerdem ist das Buch sprachlich vielseitig, flüssig zu lesen mit nachvollziehbaren und verständlichen Formulierungen.

Der Wanderer und sein Schatten ist die erste „Seelenbiographie“, die nicht aus der Feder Hesses stammt. Jeder, der sich mit Hesse beschäftigt, sollte dieses Buch gelesen haben. (emi)

***

 

Gunnar Decker:

„Hermann Hesse. Der Wanderer und sein Schatten“.

Hanser Verlag, München 2012.

703 Seiten, gebunden, 26,00 €.

ISBN 978-3-446-23879-4

Source: emi


2012-09-28

[Foto opening ceremony at Hesse Tage Gaienhofen 2012, Copyright © Elke Minkus, 2012]

Foto © emi, 2012

 

Große Vielfalt bei den Hesse-Tagen

Gaienhofen 2012

Von Elke Minkus

Eine große Resonanz erfuhren die diesjährigen Hermann-Hesse-Tage, die von Donnerstag bis Sonntag in Gaienhofen stattfanden. Zahlreiche Teilnehmer aus Deutschland und der Schweiz haben die abwechslungsreichen Veranstaltungen der Tagung am Untersee verfolgt. Einige der Führungen, Lesungen, Vorträge und Aufführungen waren bereits im Vorfeld ausverkauft. Mit 40 Daueranmeldungen verzeichneten die traditionellen Hesse-Tage ihr bislang bestes Ergebnis.

Dr. Ute Hübner, Leiterin des Hermann-Hesse-Museums, führte dieses große Interesse auch auf die Aufmerksamkeit zurück, die Hesse durch den 50. Todestag im August dieses Jahres in den Medien erfahren hatte. Hübner begrüßte die Gäste im Museum, wo sie zusammen mit Sabine Giesler und Günther Troll die Ausstellung „Hermann Hesse – Vom Wert des Alters“ konzipiert hat. Diese beeindruckende Dokumentation enthält zahlreiche Lebenszeugnisse von seinem 50. Lebensjahr bis zu seinem Tod im Alter von 85 Jahren. In Briefen, Zitaten und kurzen Auszügen aus seinem Werk wird gezeigt, wie sich Hesse dem Altern stellte, durchaus auch mit sehr humorvollen Betrachtungen. Unterstrichen werden die Schriftstücke durch Fotos von Martin Hesse, dem Sohn des Dichters. Der Besucher sieht hier die eindringlichen, sensiblen Porträts seines Vaters. Zudem werden sozialkritische Fotografien von Martin Hesse aus Paris gezeigt, sowie Fotos aus Hesses Heimatstadt Calw und von seiner ersten Ehefrau, Mia Hesse.

Nach diesem inspirierenden Beginn konnte der weitere Verlauf der Veranstaltung in drei Kategorien eingeteilt werden. Es gab gute, informative, an Fakten orientierte Veranstaltungen, es gab künstlerisch unterhaltende und - leider - auch weniger faktenbezogene, ja schwache Darbietungen.

Zu den gewinnbringenden Beiträgen zählte die Lesung des Autors Alois Prinz aus seinem Buch Rebellische Söhne. Prinz sprach über Hermann Hesse als Sohn und Vater. Er untersuchte in seinem Vortrag zunächst das konfliktreiche Verhältnis des jungen Hermann Hesse zu seinem Vater, um dann das bislang in der Forschung noch nicht so ausführlich betrachtete Verhältnis Hesses zu seinen drei Söhnen zu beleuchten. Bekannt ist, dass Hesse seine Söhne, unter anderem bedingt durch die Erkrankung seiner Frau, aus dem Haus geben musste. Prinz konnte aber auch durch Briefzitate und Aussagen der Söhne nachweisen, dass Hesse durchaus ein liebevoller und sich sorgender Vater war. Das Publikum konnte aus dem Vortrag, den Prinz frei und humorvoll hielt, einige neue Erkenntnisse mit auf den Weg geben.

Eine ebenfalls anregende Lesung bot der Herausgeber des Buches Heimweh nach Freiheit, J. Ulrich Binggeli. Als Lehrbeauftragter an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, hat er in seinem Buch literarische und essayistisch-wissenschaftliche Beiträge zeitgenössischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler mit Texten von Hesse verbunden. Es ist eine reizvolle Verknüpfung, den originalen Hesse-Text mit Assoziationen poetischer oder wissenschaftlicher Art zeitgenössischer Literaten zu verbinden. So konnte auch Binggeli sein Publikum fesseln , etwa mit Texten von Peter Bichsel oder Adolf Muschg. Reizvoll auch drei Reaktionen auf Hesses Text „Was der Dichter am Abend sah“. Binggeli las den Originaltext und drei Aufsätze von den Schriftstellern Klaus Merz und Eveline Hasler sowie der Literaturwissenschaftlerin Henriette Herwig. Auf diese Weise vermittelte Binggeli dem Publikum neue Sichtweisen.

Viel Beifall wurde auch Volker Michels zuteil. Michels fasste im 50. Todesjahr Hesses für das Publikum die wichtigsten Aspekte zusammen, die Hesses Werk so überaus erfolgreich machen. Seit 40 Jahren forscht Michels zu Hesse, er ist der Herausgeber der Gesamtausgabe, die um 7000 Seiten umfangreicher ist als zu Hesses Lebzeiten. Immer noch, 50 Jahre nach seinem Tod, tauche neues Material auf, das es wert sei veröffentlicht zu werden. Die Resonanz auf  Hesse sei ungebrochen gut, da er mit seinen Themen den Einzelnen stärkt, seinen individuellen Weg zu gehen. „Hesse gibt Hilfe zur Selbsthilfe und warnt vor Führern und Leithammeln“, sagte Michels. Das sei immer aktuell und deshalb sei das Interesse an Hesse ungebrochen. Michels, seit mehr als einem Jahrzehnt Vortragender bei den Hesse-Tagen konnte auch diesmal dem Publikum wertvolle Aspekte zu dem Dichter vermitteln. Viel Beifall und zahlreiche Fragen an den Herausgeber zeugten davon.

Das mit diesen genannten Beiträgen hohe Niveau der Veranstaltung fiel dann leider mit einer als Lesung angekündigten Veranstaltung der Autorin Bärbel Reetz aus ihren Buch  Hesses Frauen rapide ab. Reetz las aus ihrem erfolgreichen, aber nicht unumstrittenen Buch einige Passagen, die sich, lokalbezogen, auf Hesses erste Frau,  „Mia“ Bernoulli beschränkten. Sie berichtete über die Anfänge der Beziehung, über die Pläne eines gemeinsamen Lebens und die Suche Mias nach einem Heim am Bodensee. Harmlose Geschichten, die nett anzuhören waren. Die kritikanfälligen Teile ihres Buches, in denen Hesses Frauen als Opfer eines ichbezogenen Künstlers dargestellt werden, sparte sie aus. Reetz hielt sich an die Vorgabe der Organisatoren, dem „Arbeitskreis Mia Hesse“, und las lediglich 30 Minuten. Im Anschluss war eine Podiumsdiskussion mit Angehörigen des Arbeitskreises angekündigt. So kamen Eva Eberwein, Besitzerin des Hesse-Hauses, Dr. Gisela Schleske, Kinder- und Jugendpsychiaterin sowie Psychotherapeutin, und Dr. Anne Overlack, Literaturwissenschaftlerin, auf die Bühne. Die Diskussion wurde von Eberwein moderiert, die mit dem Arbeitskreis „dem aktiven Vergessenlassen dieser Frau“ entgegenwirken will. Die Debatte eröffnete sie mit der Bemerkung: „Das war die freundliche Seite des Beziehungsbeginns.“ Sie wollte der Diskussion eine andere Richtung geben, warf der herrschenden Hesseforschung vor, immer nur diesselben Erkenntnisse zu kolportieren, bei denen Mias Bedeutung unterschätzt würde und versuchte unter Einbeziehung ihrer Kolleginnen mit Hilfe der neuen Recherche von Bärbel Reetz und ihrer eigenen Nachforschungen, dies zu widerlegen. Leider verfingen sich die drei Frauen dann in Spekulationen, die keinerlei wissenschaftlichem Anspruch genügten.  Kritische Diskussionen sind oft anregend, wenn sie sich auf Fakten beziehen. Sie sind jedoch kontraproduktiv, wenn sie auf Spekulationen beruhen.Dies war hier der Fall.

Der dritte Aspekt dieser Hesse-Tage war der Unterhaltung gewidmet. Die Vorführung des Films von Hardy Seer „Hermann Hesse - Sein erstes Paradies“, wie die Lesung von Bärbel Reetz eine Veranstaltung des Hermann-Hesse-Hauses, zeigte sehr schöne Bilder vom Bodensee.

Die szenische Darstellung „Siddhartha“ von Petra Seitz, Thomas Autenrieth und Martin Lunz legte den Schwerpunkt auf die Sprache. Es ist ein konzentriertes Stück ,ei dem die Dialoge im Vordergrund standen. Ein gelungenes Projekt, das viel Anklang fand.

Die Musik stand dann im Zentrum des letzten Beitrags. Der Komponist und Schlagzeuger Ralf Kleinehanding hat die beiden Märchen Doktor Knölges Ende und Iris mit Musik versehen. Während das Ensemble zu dem brillant gelesenen Doktor Knölges Ende Improvisationen bot, hatte Kleinhanding das Märchen Iris auskomponiert. Jürgen Voosen, Antje Stefaniak, Ekkehard Creutzburg und Ralf Kleinhanding brachten eine faszinierende musikalische Darbietung auf die Bühne. Sensibel haben die Künstler die Texte musikalisch interpretiert. Es war ein sehr schöner und würdiger Abschluss der diesjährigen Hesse-Tage in Gaienhofen. (emi)

 

Dieser Beitrag erschien im Kulturteil des Südkuriers vom 18. September 2012.

Er ist in der HHP abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin.

Source: emi


2012-09-01

[Hesse: Blumenbeet. © Hesse Editionsarchiv, Offenbach a.M.]

H.Hesse: Blumenbeet-© Editionsarchiv V.M.

 

Ut Pictora Poesis
Hermann Hesse as a Poet and Painter

Christian Immo Schneider


Hermann Hesse stands in the international tradition of writers who are capable of expressing themselves in several arts. To be sure, he became famous first of all for his lyrical poetry and prose. However, his thought and language is thoroughly permeated from his earliest to his last works with a profound sense of music. Great artists possess the specific gift of shifting their creative power from one to another medium. Therefore, it seems to be quite natural that Hesse, when he had reached a stage in his self-development which necessitated both revitalization and enrichment of the art in which he had thus excelled, turned to painting as a means of the self expressionhe had not yet experienced.

 

"… one day I discovered an entirely new joy. Suddenly, at the age of forty, I began to paint. Not that I considered myself a painter or intended to become one. But paintingis marvelous; it makes you happier and more patient. Afterwards you do not have black fingers as with writing,but red and blue ones." (I,56)


When Hesse began painting around 1917, he stood on the threshold of his most prolific period of creativity. This commenced with "Demian" and continued for more than a decade with such literary masterpiecesas "Klein und Wagner", "Siddhartha", "Kurgast" up to "Der Steppenwolf" and beyond. The reason or, rather, inspiration for Hesse's first attempts at painting may have been his psychotherapy sessions with Dr. J.B.Lang which indeed took place during the same time. In keeping with thoughts of C.G.Jung whose student he was, Dr.Lang recommended to his patient among other creative activities especially painting as a form of self-expression through which integration and a renewed feeling of one's own value could be achieved. The poet confirms this idea in a letter of September 9, 1925, to Ina Seidel:

 

"… in fact I would have long since given up living if my first attempts at painting had not comforted and saved me during that most difficult time in my life."

(II,120)

More important, however, than trying to establish a correlation between painting and regaining his inner equilibrium, is its influence on Hesse's future writings. At first a few remarks concerning his development as a painter and his achievements in an art so closely related to music and poetry are in order. Though his reflections on the essence of music are articulate enough to surpass those of many experts, he considers them as nothing but "musical notes of a layman."

With the same modesty he characterizes his painting: "I am not a very good painter, I am a dilettante." (III,12) This definitely does not apply to Hesse. Behind his miniature drawings as letterheads, the illustrations of his own poems and his watercolors in larger format one discovers, in the words of Georg Bodamer, "a genuine painter and draftsman, a magician with colors — in short an artist who masters the technique of watercoloring most brilliantly." (IV,133)

Talent for the fine arts is abundant in Hesse's family. It is reflected in the remarkable sketchbooks and oil paintings of Hesse's older sister, Adele, who received her artistic education with Sofie Heck (1859-1919), a well-known painter in Stuttgart. Furthermore, the artistic heritage reveals itself in Hesse's three sons: Bruno became a painter, Heiner a graphic artist, and Martin a photographer. It lives on in their children and grandchildren. As a visual person, Hesse had always cultivated his friendship with painters. In his early years in Basel he made the acquaintance of Max Bucherer; later he met Otto Blümel, Ernst Kraidolf and Albert Welti in whose house in Bern he lived from 1912-1919.  He portrays his artist friend, Louis Moilliet, as "Louis the Gruesome" in his narrative, "Klingsors letzter Sommer". Moilliet himself was a friend of Paul Klee and W.Kandinsky.

It was he, too, who undertook together with August Macke that journey to Tunesia fraught with so many consequences for the future of modern painting. Moilliet also served Hesse as a link to "Der Blaue Reiter" and "Die Brücke". Hesse's expressionist painter friend, Cuno Amiet, belonged to the latter.

However much Hesse appreciated August Macke as his favorite watercolorist — he would have never thought of imitating his style of painting nor would he adopt the more conservative tradition of the cartoonist Olaf Gulbransson or of other contemporaries such as Karl Hofer, Hans Purrmann, let alone Alfred Kubin, Ernst Morgenthaler or Gunter Böhmer. Certainly Hesse may have learned a great deal from the intensive exchange of thought and from the written correspondence among all these prominent painters. However, he acquired the technical skills of a painter, as those of a poet, in the first place as an autodidact with immense diligence and determination. Among the inventory found after his death were piles of surplus Christmas cards for the prisoners of war he had officially been in charge of during World War I. Hesse, as an extremely economical and ecologically-minded person had used the empty space on the reverse side of the cards for practicing the techniques of design, perspective and contrast of colors within a painting. It must have been a long and laborious way before he finally developed that in which he had always excelled as a poet: his own painting style.

His early pictures derived their themes from architecture and landscapes. They were sketches in earth-colored hues, drawn with affectionate pedantry with a series of tiny little strokes as the painter Veraguth in the novel "Rosshalde" (1914) would have done under the influence of Hans Thoma and other representatives of Jugendstil. After his personal crisis following the Great War, Hesse's care for the naturalistic detail cedes to a more vigorous self-confident palette, as if Hesse had been associated with the young generation in their revolt against late Impressionism and Naturalism of the collapsed German Empire and other monarchies. With his seismographic sensitivity for changes in politics and culture, he reacted accordingly through his artistic style. Hesse did not deem it necessary that everybody would tune into these fluctuations and would eulogize them.

But in his understanding it was neither accidental nor due to the whim of certain individuals that within a few years Expressionism became of utmost importance all over Europe. He recognized it as an organic, historical development.

Hesse went through similar phases until he found that which he wanted to express in his individual style, namely "… small expressionist aquarelles, very freely drawn from nature, but carefully studied in their specific forms. Everything should be rather bright and colorful." (III,104)

In "Klingsor's Last Summer" he speaks in connection with the painter's self-portrait of a Farbenkonzert (symphony of colors) and "a tapestry that in spite of its brilliant hues gives a sense of tranquillity and nobility." (V,211)

The tapestry-like, two-dimensional features are characteristic of many of Hesse's watercolors and are perfectly in harmony with the main motifs: Ticino landscapes, mountains, lakes, trees, flowers, houses, churches, villages; frequently he draws attention to a single object such as a chair with books, a winding staircase, a blooming magnolia — all of which seem to be simple, unpretentious things at first sight but radiant with symbolic meaning at a closer look. Seldom do we find animals or human figures. If so, as in the poet's illustrations accompanying his fairy tale "Piktors Verwandlungen" they appear to be integral parts of nature which surrounds them like an all-encompassing flower bed. (VI)

Hesse sometimes painted his watercolors in a more abstract, sometimes in a more realistic style. Their contours are asymmetrical and rhythmical, never very exactly measured. Even the windows of houses look like leaves of a tree which resemble each other but are mathematically never identical. Hesse's paintings convey predominantly a sense of harmony, order and concentration. In keeping with the pangs of an existence surviving two World Wars, they do not exclude disturbing, even demonic features as can be seen in the dismemberment of the "humanoid" (or clown) in the midst of naturalistic and abstract figures in the gaudy watercolor "Maskenball" of 1926 reminiscent of Picasso.

Contemplating one of Hesse's watercolors means never forgetting it as the quintessence of the sujet represented through it. For example, the graciously bent stem of a peach tree whose blossoms spread like rosy foam across blue mountains in the background. It appears to be the transformation of Hesse's poem "Voll Blüten" into the medium of shapes and colors — ut pictura poesis in the truest sense of the word: "Voll Blüten steht der Pfirsichbaum/Nicht jede wird zur Frucht/Sie schimmern hell wie Rosenschaum/Durch Blau und Wolkenflucht"
(Full of blossoms stands the peach tree, not every one becomes a fruit, they shimmer brightly like rose foam through blue and flight of clouds.)

The first line of the following stanza "Wie Blüten gehen Gedanken auf" (Thoughts sprout like blossoms) hints at the existential truth behind the image — the symbol for which it stands in poetry and in painting. (VII,415)  Above all, it is the Magic der Farben (magic of colors) in the poet's own words, which distinguishes every single painting as one of Hesse's unmistakable creations.

In his later years, he no longer emphasizes colorfulness and details in his drawings with India ink. He prefers playing with more restrained forms and colors and also knew by then how to incorporate his handwriting with the ease of a graphic artist, as in the illustration of his poem "Ein Traum" (A Dream) from the collection of Marlies Bodamer née Schiler. His rhythmical yet always readable lettering corresponds to the very motif of twilight expressed in dreamy blue shades.

Hesse as a painter took the extraction of solar energy seriously as Volker Michels points out in his brilliant essay. (VIII,31-42) Similar to collectors of light, heat and sun, the shining brilliance of Hesse's paintings stands in stark contrast to our "gloomy and overcrowded areas", and thus gives us at least "an inkling of summer,
hope and joy of living." Precisely this was Hesse's intention.

By no means had he mastered the art of drawing and color mixture from the beginning. Only in the course of his extended experience with painting did he develop a theory of his own: "The forms of nature", he writes in a letter of September 14, 1919 to Frau Schädelin,

 

"... their top and bottom, thickness and thinness can be shifted, subdued, transposed in a hundred possible ways. But if you want to transmogrify a piece of nature, it is indispensible that the new colors stand accurately, even most precisely in the same relationship and in the same tension to each other as they do in nature ..." (III, 104)

During World War I, when funds for the care of prisoners of war became more scarce, Hesse began illustrating his manuscripts and typescripts of poems and offered them to admirers, collectors and patrons for purchase. With the proceeds he paid for numerous books and care packages sent to the prison camps. For one specimen of these handwritten poems he received at that time 250 Swiss francs; typewritten ones were 50 francs less. At the end of the war, Hesse still being a German citizen and financially almost exclusively dependent on his German publishers, became impoverished to such a degree that he had to maintain his family's livelihood in part through selling his paintings and those illustrated manuscripts. Later on, even until his old age, he used the earnings of his fine art for the support of needy colleagues and destitute people in general. He seldom sold one of his many hundred watercolors of large format. With the countless miniatures as letterheads he delighted friends and correspondents.

Hesse's first book with reproductions of his own paintings was "Gedichte des Malers" published in 1920. It was followed in the same year by "Wanderung": prose and poems with watercolors and drawings based on motifs of his hike from northern Switzerland across the Gotthard Pass into the southern Ticino and the surroundings of Locarno. "Elf farbige Aquarelle aus dem Tessin and Zwölf farbige Bildtafeln" (Twelve color plates) came out in 1955. The lover's fairy tale, "Piktors Verwandlungen" (Pictor's Metamorphoses) written and drawn in 1922 for his second wife, was sold or given away before 1954 only in manuscript form each with different pictures. It appeared in 1954 first as a facsimile edition, and the original version for Ruth née Wenger as an Insel pocketbook in 1975. (IX) In 1977, the centennial of Hesse's birth, two bibliophile volumes in large format entitled "Hermann Hesse als Maler" and "Klingsors letzter Sommer" were published by Orell Füssli in Zurich. They contain, besides texts, watercolors in their original size. Since 1976, a perennial calendar "Mit Hesse durch das Jahr" is published by the Suhrkamp Verlag as a pendant to the popular Goethe Calendar. Also available since 1977 are regular editions of Hesse wall-calendars in large format with watercolors, poems and prose. In recent years also Italian, French and Japanese publications of Hesse's paintings deserve special attention (XII).


The lasting value of Hesse's works as a painter was not fully recognized until the sixties. Since then, his fine art has been exhibited with ever increasing success in various European countries as well as in Japan and America. Accordingly, his paintings have been considerably re-evaluated and are sold now by autograph dealers for more than a hundred times their original price.


As mentioned above, Hesse was several times his own book illustrator, but commissioned also Peter Weiss and Gunter Böhmer with illustrations. Once invited to Montagnola, G.Böhmer stayed forever in the Casa Camuzzi and became both Hesse's friend for life and most congenial illustrator, as can be gleaned from Volker Michels's edition "Gunter Böhmer-Hermann Hesse. Dokumente einer Freundschaft" (1988).

"As a poet I would not have made so much progress without painting." Hesse wrote in 1924 to his patron, the art collector Georg Reinhart in Winterthur. Painting had enabled him, as he points out, to take "a detached view of literature" (III,110) And much more. His increasingly differentiated — and also more conscious — treatment of color gradations, their valeurs finds its poetic expression in the structure and narratives such as "Klein und Wagner" and "Klingsors letzter Sommer". Hesse's subtle knowledge of color symbolism serves him like an artistically handled spotlight with which to illuminate the course of the plot from outside and inside. This phenomenon has been elucidated by Reso Karalashvili (1940-1989) in one of his last lecture-essays on Hesse under the spell of Goethe, "Taten des Lichts" (Feats of light). An entire chapter in Karalashvili's book on Hesses Romanwelt deals with the poet's "astonishing capability of designing colorful landscapes of suggestive power." (XI,117-120)

However, that which Hesse as a colorist achieved in his Klingsor novella, Karalashvili emphasizes, "goes beyond all possible limits." With a few brushstrokes Hesse succeeds in designing images through the medium of language which remain ineffaceably in the reader's memory: bluish mountain slopes with tiny white villages on the mountain crest, or red houses which look like jewels in the deep green of their gardens. In the same novella, more than 50 different shades of color occur; among them common ones like snow-white, graywhite, lilac, violet, dark blue and light blue, red, red-brown, light pink, dust-green etc. However, we also find colors which belong exclusively to the jargon of the professional painter such as cadmium and cobalt, rubiate, vermillion, Chinese blue, Neapolitan yellow and Veronese green.

It took him years, Karalashvili continues, before Hesse realized the "poetic value" and "way of functioning" of the numerous colors. On the one hand, the many designations of specific colors in the Klingsor novella contribute to livening up the dazzling images of a southern Ticino landscape in the summer. On the other hand, the individual colors have a particular function and are fraught with symbolic meanings closely related to the basic structure of the narrative.

Consider for instance red which, according to R.J.Humm, constitues Hesse's favorite color. It signals first of all a connection to earth and eros, symbolizes the color of the pulsating blood and of fire. However, red is also symbolic of spiritual love, as the term "passion" with its reference to Jesus Christ's suffering suggests. Accordingly, Klingsor's style of painting is characterized as being "lodernder Flammenstil" (a style full of blazing flames) analogous to van Gogh's expressionism. Furthermore, red appears both as an epitheton ornans and a noun attribute characterizing the "rote Königin der Gebirge" (red Queen of the Mountains) who is Ruth Wenger. She was dressed all red, "eine rote Flamme", when she cut bread and served wine. This analogy to the Last Supper is a subtle reminder of Klingsor's "last" summer, his imminent death. It was on a hot day in "Kareno" (that is, Carona near Lugano) when Ruth had put on indeed a "feuerrotes Kleid" (a fire red robe), as Hesse reports to Louis Moilliet.

Similar examples of color symbolism can be found in the novella "Klein und Wagner" in which yellow dominates. The "Yellow" or "Blonde" one is the name of Klein's young mistress, Teresina. Yellow signifies also the hair color of the Great Mother as well as of Demian's and Goldmund's mother and many other female figures in Hesse's works.

One subtle observation of Karalashvili may have eluded most Hesse readers and researchers. For sure, Klein's suicidal death in the lake is depicted archetypically as a return into mother's womb. But it is accompanied by a vision in which all opposites, also of contrasting colors, dissolve in view of a "transparent dome of sound" in the midst of which God sits, "a bright star, invisible from sheer brightness (...), the quintessence of light" (V, 143) That which before — Feats of light! — had disintegrated into the different colors of the rainbow is now being unified in the pure, undivided light of God. (XIII,283)

There is, in the final analysis, no discrepancy between Hesse's painting and writing, for in both closely related arts, Hesse was always concerned not with "naturalistic", but with "poetic truth." (III,106)  Which truth, however?

A reflection on a possible answer of this intriguing question is given to us by Albert Schweitzer. In his chapter on "Poetic and Pictorial Music" as part of his book on J.S.Bach, he writes about the complexity of every artistic idea and claims that neither in painting, nor in music, nor in poetry is there such a thing as "absolute
art". For in every artist dwells another who wishes to have his own say, the difference being that in one his activity is obtrusive, in another hardly noticeable. Therefore, Schweitzer seems to be close to a solution by stating that "art in itself is neither painting nor poetry nor music but an act of creation in which all cooperate." (XIII,8)


***


_____________________________________________________________________

Notes

This essay is the revised version of my chapter on "Der Maler", in C.I.Schneider, "Hermann Hesse", Munich: C.H.Beck, 1991, pp. 151-160. Translated with permission of the publisher by Christian I. and Sylvia L. Schneider. The Roman numbers refer to the book titles below, the Arabic ones to the pages quoted from. Unless specified, the English translations are our own. CIS.

The essay is reprinted by the Hermann Hesse Page with the author's permission. GG

Consulted Literature and Bibliography


I. H.H. Autobiographical Writings. Edited by Theodore Ziolkowski and translated by Rika Lessler. New York, N.Y. (Farrar, Straus & Giroux) 1972.


II. H.H. Gesammelte Briefe. In Zusammenarbeit mit Heiner Hesse herausgegeben von Ursula und Volker Michels.
Frankfurt, Main (Suhrkamp) 1979, Bd. 2

III. H.H.als Maler. 24 Aquarelle. Ausgewählt von Bruno Hesse und Sandor Kuthy mit Texten von H.H. Frankfurt, Main (Suhrkamp) 1977.

IV. Begegnungen mit H.H. 3.Internationales H.H.-Kolloquium in Calw 1984. Herausgegeben von Friedrich Bran und Martin Pfeifer. Bad Liebenzell (Verlag B.Gengenbach) 1984.

V. H.H. Klingsor's Last Summer. Translated by Richard and ClaraWinston. New York, N. Y. (Farrar, Straus & Giroux) 1970

VI. H.H., Pictor's Metamorphoses and other Fantasies. Edited by Th.Ziolkowski and translated by Rika Lessler. New York, N.Y. (Farrar, Straus & Giroux) 1982.

VII. H.H., Die Gedichte. Erweiterte Ausgabe von V. Michels. Frankfurt, Main (Suhrkamp) 1980, Bd.1.

VIII. In: H.H.als Maler. 80 Aquarelle. Milano (Edizioni G.Mazzotta) 1996. Italian-German translation by Hellmut Riediger.

IX. H.H., Pictors Verwandlungen. Frankfurt, Main (Insel Verlag) 1975.

X. For the Italian edition, see above under VIII. Furthermore: Les Promenades de H.H. Texte: Jean-Philippe de Tomac. Photographies: Daniel Faure. Aquarelles: H.H. Paris (Editions du Chene) 1996. H. Hesse. Tokyo (Mainichi Newspaper Co.). 1995.

XI. Reso Karalaschwili, H.Hesses Romanwelt. Köln (Bohlau Verlag) 1986.

XII. "Die Taten des Lichts", in: R.Karalaschwili, H.H.Charakter und Weltbild. Frankfurt, Main (Suhrkamp), 1993, pp.274-284.

XIII. Albert Schweitzer, J.S. Bach. Translated by Ernest Newman, London, G.B.(A.& C.Black Limited) 1938, vol. ll.

****

Der obige Beitrag ist wegen seiner Aktualität

aus einem genehmigten, früheren Abdruck im

Hermann-Hesse-Page Journal

übernomen worden.

Source: HHP 1998


15. August 2012

 

 

[Image of Hermann Hesse by copyright © Koester, 2012.  Published by HHP with the kind permission of the artist)

[Image of Hermann Hesse by Copyright © Dr. Georg Koester, 2012.

Published by HHP with the kind permission of the artist]

 

Nicht nur Dichtung, sondern auch Eucharistie

von Christian Schärf

 

Zu Hermann Hesses fünfzigsten Todestag erschienen gleich vier Bücher, darunter zwei herausragende Biographien. Heimo Schwilk und Gunnar Decker heben den Hesse-Mythos auf eine neue Stufe: Beide erkennen, dass Hesse schreiben musste, weil er litt - unter sich, seiner Zeit und seiner Herkunft.

 

Seinem Freund, Tessiner Nachbarn und ersten Biographen Hugo Ball teilt Hermann Hesse in Oktober 1926 mit: "Soweit meine Biographie einen Sinn hat, ist es wohl der, dass die persönlich unheilbare, doch notdürftig bemeisterte Neurose eines geistigen Menschen zugleich Symptom ist für die Zeitseele."

Es zeugt nicht gerade von schlechtem Selbstbewusstsein, in der eigenen krisenhaften Individualität einen Maßstab für den psychischen Zustand der Epoche zu sehen. Doch steht hinter dieser Aussage etwas anderes als subjektive Selbstüberhebung. In dem ebenfalls aus dem Jahr 1926 stammenden Essay: "Der Künstler und die Zeitkrankheit" liefert Ball selbst das gedankliche Konzept dieser Haltung, zweifellos mit Hesse als Beispiel vor Augen: "Ein allgemeines Ideal scheint in Scherben gegangen zu sein; ein hohes, selbstloses, zärtliches Ideal. Jeder gehe seinen Bekanntenkreis durch und staune über die Fülle von unerklärlichen Gereiztheiten und Bindungen; über die Zerwürfnisse in Ehen und Geschäften; über alle die Ausbrüche, Selbstmorde, Melancholien und Tränen."

Die Zeit selbst ist krank, sie ist zu einer Krankheit geworden, und es ist der Künstler, an dem sich die Symptome des Leidens zeigen, an dem sie sich studieren lassen. Davon waren Hesse und Ball überzeugt. Der Herbst 1926 ist denn auch der Zeitpunkt der Entstehung des eigentlichen Zeitkrankheits-Dossiers aus der Feder Hermann Hesses, des Romans "Der Steppenwolf". Der auf seinen fünfzigsten Geburtstag zusteuernde Dichter versucht darin mehr als nur die späte Midlife-Crisis eines so nervösen wie weltfremden Intellektuellen zu Papier zu bringen. Jede Zeile im "Steppenwolf" dokumentiert den schmerzhaften Konnex von subjektiver und objektiver Neurose, mit dem der Autor glaubt, in einem letzten verzweifelten Akt sein eigenes unstillbares Leid dem Publikum vor die Füße werfen zu müssen. Selbstmord ist die Signatur, mit der Hesse seine literarische Produktion nicht nur beim "Steppenwolf" gekennzeichnet hat. An Hugo Ball wiederum schreibt er zum Abschluss des "Steppenwolfs": "Wenn ich damit fertig bin., hoffe ich, die Courage zu haben, mir den Hals durchzuschneiden, denn das Leben ist mir unerträglich, und das äußert sich auch in beständigem körperlichem Wehgefühl."

Wie bei keinem anderen Autor der Moderne scheint bei Hesse die Vorstellung von der Korrespondenz zwischen Künstler und Zeitkrankheit durchschlagende und lang anhaltende Wirkung gezeitigt zu haben. Hesse verstand es, diese gedankliche Struktur in seinen literarischen Werken und in seiner zeitgeschichlichen Gestalt plausibel zu vermitteln. Gerade junge Menschen in allen nachwachsenden Generationen konnten sich in diesem Modell wiedererkennen, wobei wohl niemals zu klären sein wird, was früher da war: die Zeitkrankheit, die sich in Hesse abspiegelte, oder Hesse, der die Zeitkrankheit erst zu einem erkennbaren und damit massenkompatiblen Phänomen stilisierte. Hesses unglaublicher Erfolg beruht auf der Möglichkeit aller Menschen, egal, woher sie kommen, sich bei der Lektüre praktisch jedes seiner Bücher selbst als den Künstler mit Zeitkrankheit zu erkennen.

Hier lag eine Geschichte an der kulturellen Basis des zwanzigsten Jahrhunderts, die in Gänze noch erzählt werden musste, deren Struktur noch nicht durchsichtig gemacht worden war und deren Handlungsmuster sich der Analyse zu verweigern schien. Dass diese Geschichte jetzt gleich zweimal und zweimal in so inhaltlich faszinierender wie literarisch überragender Art und Weise erzählt wird, liegt nicht zuletzt daran, dass der Mythos Hesse so lange unentziffert weitergetragen wurde und dabei einen ganzen Katalog inzwischen alteingewachsener Vorurteile entstehen ließ. Zwei Parteien standen sich dabei jahrzehntelang unversöhnlich gegenüber, die Hesse-Jüngerschaft, die meist außerakademische Leserkreise umfasste, auf der einen Seite und die Fraktion der Hesse-Verächter, die meist dem akademischen Milieu entstammte, auf der anderen. Die zum fünfzigsten Todestag Hesses erschienenen Bücher von Heimo Schwilk und Gunnar Decker gehören keiner Partei an, und eben deshalb können sie leisten, was noch keiner deutschsprachigen Hesse-Biographie bisher gelungen ist. Sie heben den Mythos auf eine neue Stufe, indem sie ihn analytisch durchdringen. Sie zeigen, dass man der Literatur und ihren Protagonisten ihr Geheimnis lassen und sie dennoch kritisch reflektieren kann. Beide erreichen das auf unterschiedliche Weisen.

Für Heimo Schwilk ist Hesses Leben eine Legende der Entgegensetzung von Eigen-Sinn und Herden-Sinn. Die erklärte Absicht des Autors ist es, "das eigentlich Faszinierende an Hesse herauszustellen", und das besteht im antiideologischen Misstrauen gegenüber jeder Normierung des Ichs. Schwilk erzählt die Geschichte eines radikalen Individualismus, der zur Jahrhundert-Geste geronnen ist. Alles an Hesse ist bis ins Extrem getriebener Eigensinn, der schließlich Formen der Totalverweigerung bis zur notorisch geäußerten Lebensfortsetzungsverweigerung erreicht, die dann in einem literarischen Werk ihr Ventil suchte und so die Fortsetzung des Lebens gerade ermöglichte. Schwilk gefällt es, diese unikate Figur des zwanzigsten Jahrhunderts in ihrer Unverwechselbarkeit kenntlich zu machen. Dazu bietet er ein Höchstmaß an erzählender Virtuosität auf. Er zeigt, dass Hesse jeder Vereinnahmung widerstand; auch vor dem Nobelpreis, den er als Albernheit abtat, machte er nicht halt und schickte seine Frau zur Verleihung nach Stockholm. Hesse wird in Schwilks Lesart zu einer personifizierten Schweiz. Sein Leben im Land der Eidgenossen, das er nach 1912 kaum noch verließ, bildete geradezu die Voraussetzung dafür, das Hesse seine erratische Existenz als neutraler Neurotiker des Zeitgeistes bis zum Höhepunkt steigern konnte, bis zur Weltabwendung im kastalischen Mönchstum des "Glasperlenspiels". Die Verwerfung der Gegenwart als "feuilletonistisches Zeitalter", ein Begriff, dessen zeitkritisches Potential man von heute aus als eher bescheiden einstufen müsste, und die Vision von der Entstehung einer neuen Kaste abendländischer Mandarine ließ Hesse endgültig zum Weisen von Montagnola werden, denn, so Schwilk: "'Das Glasperlenspiel' will nicht nur Dichtung sein, sondern Eucharistie."

So geschickt Schwilk sich als Erzähler jedes Urteils enthält, so deutlich wird aus seiner sachlichen Legende das Hochproblematische, das Hesse im Zwischenmenschlichen auszeichnete. Schwilk erzählt, wie schroff der Dichter mit seinen Ehefrauen umgegangen ist, dass er Nähe nur schwer ertragen konnte, dass Sexualität lebenslang ein für ihn unlösbares Problem darstellte, dass er die Einsamkeit immer der Geselligkeit vorzog und dass er in seiner Weltsicht zeitlebens vom schwäbischen Pietismus durchdrungen blieb und von seinen moralischen Forderungen psychisch gequält wurde. Schwilk erzählt, aber er deutet nicht. Das ist die Stärke seines Buchs, denn sein Erzählen kommt aus einer großen inneren Nähe des Biographen zu seinem Gegenstand, die Distanz und Kritik nicht nur mit einschließt, sondern zum Fundament macht.

Im Gegensatz dazu legt Gunnar Decker eine Hesse-Biographie vor, in der diese Aspekte teils noch ausführlicher als bei Schwilk dargelegt und dabei herzhaft interpretiert werden. Decker schreckt nicht davor zurück, den Calwer Pietismus des Dichters zu dem psychischen Katastrophenszenario zu machen, das er für Hesse tatsächlich gewesen ist. Er weigert sich nicht, Hesses Beziehungen zu Frauen als „eine Art Jungfräulichkeitskomplex, eine Keuschheitsneurose", zu bezeichnen und das im Prozess seiner Darstellung immer genauer zu erläutern - ja nicht einmal Hesses beachtlichen Weingenuss lässt Decker unkommentiert und entdeckt im Wein etwas, das dem Dichter nichts auf der Welt, auch nicht die Liebe und der Erfolg, ersetzen konnte: „ein Schmecken des Transzendenten, ein Genuss des Schweigens, das tief innen von Geheimnissen flüstert".

Decker interpretiert schlichtweg alles, und er tut dies in seltener intellektueller Brillanz. Sein Buch leuchtet nicht nur Hesses Leben bis in die kleinsten Winkel aus (Was hat es eigentlich gekostet, den entflohenen Klosterschüler unter Einsatz von Landjägern und Amtsdienern wieder nach Maulbronn zurückzubringen?), sondern erreicht dabei immer wieder die Grenze zwischen subjektiver und objektiver Neurose und überschreitet diese ständig in beide Richtungen. Wer einen intellektuell und sprachlich ausgereiften Essaystil schätzt, wird dieses Buch mögen. Nebenbei streift der Autor sachkundig und kritisch die zahlreichen Wissensgebiete, die für Hesse Wichtigkeit erlangten, und legt dar, welche Bedeutung ihnen in diesem Lebenslauf zukommt.

Beide Biographien machen deutlich, dass Hesse schreiben musste, weil er litt - unter sich und unter seiner Zeit, zumal unter seiner Herkunft und unter den Defekten, die sie bei ihm hinterlassen hat. Und sie demonstrieren, wie konsequent lebensrettend der Autodidakt auf die Literatur zugegangen ist, wie unbeirrbar er die therapeutische Dimension seines Schreibens erschlossen und ausgebaut hat.

Nach der Lektüre der beiden Werke wird klar, dass Hesse tatsächlich eine Jahrhundertgestalt ist, und zwar nicht, weil er einen anhaltend wirksamen Diskurs gestiftet hätte, sondern weil er in seiner radikalen Beharrung auf der Eigenheit des Ichs einen Leuchtturm in der Epoche der kollektiven Verblendungen errichtet hat, der bis heute sein Licht an so manchen verirrten Navigator der Jetztzeit aussendet.

Wenn man Hesses Leben mit Decker und Schwilk kennengelernt hat, so wundert man sich nicht, dass im Gedenkjahr den beiden Biographien ein Buch an die Seite tritt, das sich mit "Hesses Frauen" beschäftigt. Die Berliner Autorin Bärbel Reetz hat eine umfassende erotische Biographie des Dichters vorgelegt, deren Reiz daraus entspringt, dass Hesse zeitlebens ein höchst ambivalentes Verhältnis zum real existierenden Liebesleben unterhielt. In allen drei von Hesse geschlossenen Ehen, mit Maria Bernoulli, Ruth Wenger und Ninon Dolbin, scheint es so, als seien die Frauen die treibenden Kräfte gewesen, die den Dichter zum Heiraten bewogen. Hesse gab sich zeitlebens als unbeugsamer Verächter der Ehe, den äußere Umstände (und manchmal auch eigene Interessenlagen, wie der Wunsch, die Schweizer Staatsbürgerschaft zurückzuerhalten) immerhin dreimal in eine Lage gebracht haben, der er jeweils nur schwer gerecht werden konnte.

Am unglücklichsten verlief auf den ersten Blick die Beziehung zu Ruth Wenger, einer Industriellentochter aus Basel, die sich vor allem für Mode und Haustiere interessierte und den rückzugssüchtigen Dichter regelmäßig zur Verzweiflung brachte. Nach der Eheschließung fühlte sich Hesse geradezu überrumpelt. Am Hochzeitstag, dem 11. Januar 1924, gab er seiner frisch Angetrauten eine Warnung mit auf den Weg: „Vergiss auch nicht, dass ich nicht bloß ein Quälgeist und nicht bloß ein armer Schizophrener ..., sondern auch ein König und magischer Großfürst bin." Gravierender zeigt sich Hesses Egozentrik in der Ehe mit Maria Bernoulli. Mit seiner Unausgeglichenheit, seinen Nervenkrisen und seinem Rückzugsverlangen trieb er auf die Dauer auch seine Frau in die nervliche Zerrüttung. So jedenfalls kommt es bei Bärbel Reetz zur Darstellung. Man kann ihr nicht vorwerfen, dass sie sich nicht an die Tatsachen hielte. Doch die Reduktion des literarischen Werks als Belegmodell für lebensgeschichtliche Krisen lässt den Schriftsteller Hesse dann doch aufs Format eines nervenkranken Familienphobikers schrumpfen. Den Roman „Roßhalde" etwa als literarisches Muster für tatsächliche Eheprobleme zu lesen wirkt zu eindimensional. Hesse war nicht nur ein paranoider Anerotiker und katastrophaler Ehemann; daher legt das Buch von Bärbel Reetz die Frage nahe, ob es sinnvoll ist, das Leben eines Künstlers vornehmlich im Fokus seiner Ehen und Liebesbeziehungen zu lesen. Der analytische Ertrag von Gunnar Deckers Biographie ist hinsichtlich der Fragen nach Liebe und Sexualität bei Hesse weitaus größer als die Aufhäufung zwischenmenschlicher Fehlleistungen, die Bärbel Reetz liefert.

Wer jenseits dieser Verwerfungen Lust hat, den Dichter einfach nur zu feiern und im Hesse-Universum zu schmökern, dem sei der von J. Ulrich Binggeli herausgegebene Band „Heimweh nach Freiheit". Resonanzen auf Hermann Hesse" ans Herz gelegt. Darin werden unter unterschiedlichsten Aspekten aus Hesses Schaffensräumen seine eigenen Texte mit denen seiner literarischen und akademischen Kommentatoren gekreuzt. Dass sich die oft kurzen Texte gegenseitig potenzieren, ist selbst eine poetische Leistung des Buchs, das in seiner Gesamtanlage eine besonders interessantes Experiment darstellt. Kapitel wie „Von Bäumen und Menschen", „Im Süden I - Märchen", „Im Süden II - Ekstase" oder „Im Süden III - Liebe" lassen den Dichter und den Menschen Hermann Hesse in einem höchst angenehmen Licht erscheinen. Beschäftigte man sich nur mit diesem Band und ließe die Biographien außer Acht, schaffte man es vielleicht sogar als älterer Zeitgenosse, die etwas naive Begeisterung für Hesse zurückzugewinnen, die den jugendlichen Leser eine Zeitlang getragen hat. Was sich bei der Lektüre des so anregenden und klug zusammengestellten Bandes bestätigt, ist die Tatsache, dass die poetische Welt, in die Hesse sich und seine Leser entführt, ihre besänftigende, träumerische und dann auch wieder aufrüttelnde Dimension vor dem Hintergrund einer unerträglichen lebensgeschichtlichen Erfahrungssubstanz ausbreitet. Die Literatur war sein unverzichtbarer Fluchtpunkt, und so sehr die Menschen in seiner Nähe unter Hesses zerrissenem Wesen gelitten haben, so viel an imaginativer Kraft strahlen seine Texte bis heute aus.

© CHRISTIAN SCHÄRF, 2012

 

Dieser Beitrag erschien iim Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Seite 30, vom 9. August 2012.Nr 184

Er ist in der HHP abgedruckt mit freundlicher Genehmigung des Verfassers

Quelle: Suhrkamp Archiv


10. Agust 2012

 

Foto Hannes Röst, 2010

 


Blumen für Hermann Hesse

Von Elke Minkus

Als Hermann Hesse heute vor 50 Jahren in dem Tessiner Dorf Montagnola starb, war er in Japan und den USA populär, nicht aber im deutsch-sprachigen Raum. Der Autor von Unterm Rad faszinierte die japanische Jugend; der Autor des Demian, Siddhartha und des Steppenwolf fesselte die jungen Amerikaner. In Japan fühlten sich Schüler und Studenten durch ein unbarmherziges Erziehungssystem unterm Rad, genau wie Hans Giebenrath in Hesses Frühwerk. In Amerika wollten sich die jungen Leute nicht dem Establishment unterwerfen, sie begehrten auf, suchten Individualität und Unabhängigkeit. Genau dies verkörpern die Figuren in Hesses Romanen. Und als sich Amerika immer mehr in den unseligen Vietnam-Krieg verstrickte, haben die jungen Menschen eine gewaltlose Verweigerung betrieben, auch inspiriert von Hermann Hesse.

Ein Boom entstand und die Welle der Hessebegeisterung schwappte schließlich von Amerika nach Deutschland zurück. Doch bis sie hier Fuß fasste dauerte es noch einige Jahre, denn hier hielt man Hesse bisher der Einfachheit halber für einen harmlosen Romantiker. Einen hämischen Beitrag dazu lieferte 1958 DER SPIEGEL mit seiner Titelgeschichte „In der Gartenlaube“. Mit Hesse sei kein Blumentopf mehr zu gewinnen, hieß es dann in einem Nachruf 1962. Einflussreich im negativen Sinne war auch der Kritiker Marcel Reich-Ranicki, der während seiner ganzen Karriere keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber Hesse machte. Heute sieht die Welt ganz anders aus. Laut Verlag sind 150 Millionen Hesse-Bücher weltweit verkauft, sein Werk ist in 70 Sprachen übersetzt. Was führte letztlich doch zu dem Erfolg dieses Autors, der immer zurückgezogen gelebt hatte?

Er scheute nie ein Risiko, weder persönlich noch in seinem Werk. 1877 in dem kleinen Städtchen Calw geboren, sollte Hermann die Erwartungen seiner dem Pietismus verfallenen Eltern erfüllen. Er sollte als Lehrer und Erzieher das missionarische Werk der Eltern fortführen, doch schon früh zeigte sich, dass er sich nicht vereinnahmen ließ. Er begehrte auf, er rebellierte, er wollte „Dichter werden oder gar nichts“, wie er 13-jährig bekannte. Nach langen Leiden, Wirrungen und Fehlleitungen klappte es: 1904 erschien sein Roman Peter Camenzind, der ein Erfolg wurde und ihm finanzielle Unabhängigkeit bescherte.

Er konnte es sich erlauben in ein altes Bauernhaus nach Gaienhofen am Untersee zu ziehen, er konnte heiraten, er konnte eine Familie gründen, und er konnte schreiben. Hier etablierte er seine schriftstellerische Tätigkeit und pflegte trotz der Abgeschiedenheit zahlreiche Kontakte zu anderen Autoren. Der Erfolg hielt an und Hesse konnte nun mit seiner Frau in dem kleinen Dorf sein erstes eigenes Haus bauen. Er liebte das Landleben, die Ruhe, seinen Garten und den See. Doch – typisch Hesse – es ging ihm alles zu glatt, er wurde unruhig und sehnte sich nach Neuem. Scherzhaft drastisch drückte er es selbst aus: „Kunst – bringt Gunst. Gunst - verhunzt.“

Ein neuer Abschnitt in Hesses Leben begann, eine neue Stufe. Wie seine Romanhelden, so war auch Hesse immer unterwegs zu sich selbst. Oft mußte er dafür viele Umwege gehen. Der nächste führte ihn mit seiner Familie nach Bern, wo er in das Haus seines verstorbenen Freundes Albert Welti zog. Dies war nach Gaienhofen eine weitere Idylle, die nur kurz währte. Eine Gemütskrankheit seiner Frau erzwingt die Trennung von seiner Familie. Dann der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, auf den Hesse zunächst wie alle die Hoffnung setzte, er werde Deutschland „aus dem blöden Kapitalistenfrieden“ herausreißen. Doch bald schon, schneller als all seine Schriftstellerkollegen, erkannte er den Trugschluss und schrieb als einer der ersten öffentlich gegen den Krieg und warb für Verständigung unter den Völkern. Woraufhin er erstmals gegen Anfeidungen zu kämpfen hatte. Als „vaterlandsloser Gesell“ wird Hesse diffamiert. Es brodelt in ihm und literarisch wird ein neuer Hermann Hesse geboren. Mit der Flugschrift Zarathustras Wiederkehr wandte sich der nunmehr 41-jährige anonym an die deutsche Jugend mit dem Plädoyer für den Einzelnen gegen den Herdentrieb, für Individualität gegen Massenbewegungen. In dieser Schrift, 1919 erschienen, einhergehend mit einem erneuten Ortswechsel, diesmal ins Tessin, deutet sich der Autor des Demian, des Siddhartha und des Steppenwolf an, des Autors, der Jahre später die Jugend in ihren Bann ziehen sollte.

Bis heute haben diese Romane nichts an ihrer Aktualität verloren, sie sind so modern, weil sie zeitlos sind, weil sie mutig sind, visionär und weil sie unabhängig von Kulturen und Epochen verstanden werden können. Seltsam, dass Hesse seine revolutionärsten Werke in der völligen Abgeschiedenheit eines Tessiner Dorfes geschrieben hat. Entfernt vom Tumult der Welt, trifft er den Nerv der Zeit.

Die immerwährende Frage nach Hesses Aktualität beantwortet sich spätestens in diesem Jahr von selbst. Hunderte Veranstaltungen zu Hesse gibt es 2012, Ausstellungen werden eröffnet, Komponisten, Theatergruppen, Produzenten und Regisseure nehmen sich seines Werkes an. Schriftsteller und Journalisten äußern sich zu Hesse, der Blätterwald rauscht gewaltig.

Hesse selbst mäße dem wenig Bedeutung bei. Als ihm 1946 der Nobelpreis verliehen wurde, reiste er nicht nach Stockholm, er schrieb vielmehr in einem Brief an Gunter Böhmer: „Heut ist in Stockholm der Klimbim, erst Nobel-Gedenkfeier in großer Gala, dann Bankett, wobei auch ein Spruch von mir verlesen werden soll.“ Jegliche Hyperbole, ob im Positiven oder im Negativen, war ihm zuwider. Er liebte die Bescheidenheit, die kleine Geste.

Hermann Hesse wurde 1962 auf dem kleinen Friedhof San Abbondio nahe Montagnola beigesetzt. Es ist eine bescheidene Grabstelle, sein einziger „Grundbesitz“, wie er sagte. Vor 30 Jahren besuchte ich als junge Frau auf dem Friedhof diesen „Grundbesitz“. Ein schlichtes Grab, auf dem frische Blumen lagen. Heute legen wir wieder einen kleinen Strauß bunter Blumen nieder.

Dieser Beitrag erschien am 9. August 2012 im Südkurier

Wir übernehmen ihn hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

 

Quelle: Minkus


25. Juni 2012

 

FOTO Minkus, HHP 2012

 

„Wo Ratio und Magie eins werden.“

Die 13. Silser Hesse-Tage

im Hotel Waldhaus beschäftigten sich

mit dem Thema der "Musik in Hesses Werken"

Von Elke Minkus

Unter dem Motto „Musik, die Seele aller Künste“ fanden vom 13. bis 16. Juni in Sils Maria die 13. Silser Hesse-Tage statt. An der wie jedes Jahr im Hotel Waldhaus stattfindenden Tagung nahmen sich neun Referenten des Themas an. Jeder hatte sich einen bestimmten Aspekt in dem Verhältnis von Hermann Hesse und der Musik ausgewählt und diesen dem Tagungspublikum vorgetragen.

Natürlich wurde nicht nur theoretisch über Musik gesprochen, sie wurde auch aufgeführt. So gab es großen Beifall für einen Liederabend mit Hesse-Vertonungen. Der Komponist Adolph Kurt Böhm begleitete am Klavier den Sänger Florian Prey. Und ein vielbeachtetes Experiment wagten die Veranstalter mit einer Beethoven-Nacht. In der Halle des Hotels und benachbarten Räumen spielten 12 Pianisten von 9 Uhr abends bis 10 Uhr früh sämtliche Beethoven-Klaviersonaten. Die ungewöhliche Veranstaltung erhielt großen Zulauf. Etwa 300 Gäste haben sich in dieser Nacht von dem großen Können der Musiker überzeugt.

Unter den Referenten haben Musiker, Schriftsteller und Literaturwissen-schaftler in ihren Vorträgen das Thema von unterschiedlichen Seiten beleuchtet und so den Tagungsteilnehmern einen komplexen Eindruck vermittelt, wie die Musik Einfluss in Hesses Werk gewann, wie sie in seiner Lyrik und Sprache mitschwingt und wie Hesses Verhältnis zu Musikern und Komponisten sowie die Vertonungen seiner eigenen Werke war.

Der Eröffnungsvortrag war in diesem Jahr Ilma Rakusa vorbehalten. Rakusa hat Slawistik und Romanistik studiert und als Schriftstellerin bereits mehrere renommierte Literaturpreise erhalten. In ihrem Vortrag „Musik der Töne, Musik der Worte – Hermann Hesse und die Magie des Klanges“ interpretierte sie einige Gedichte Hesses mit poetologischen Mitteln. An ausgesuchten Beispielen aus Hesses Lyrik zeigte sie in ihrer Interpretation die Kongruenz zum Volkslied, z. B. In Hesses Gedichten Die leise Wolke, Traum, Liebeslied und Im Nebel.

Nach dem wissenschaftlichen Nachweis von Hesses volksliedhafter Poesie wählte der Organist, Komponist und Auslandsgermanist Christian Immo Schneider spontan einen anderen Weg, um die Musikalität in Hesses Werk nachzuweisen. Schneider, der seinen Vortrag nach einem Zitat Hesses unter das Motto „Wo Ratio und Magie eins werden“ stellte, erläuterte dem Publikum, dass Rakusa bereits alles Wichtige zu dem Thema gesagt habe; er verkürzte deshalb seinen Vortrag stark und ließ stattdessen eine von ihm komponierte Vertonung von Hesses Gedicht „Orgelspiel“ hören. Er nannte seine Komposition auf der Orgel eine „symphonische Fantasie“. Das Publikum erhielt den Text des Gedichts in die Hand, sodass es, wie Schneider beabsichtigte, Text und Musik gleichzeitig erleben könne. Leider aber verlor das Publikum mit der etwa halbstündigen Komposition und Hesses langem Gedicht bald den Faden. Hätte Schneider zum Beispiel von vornherein einzelne Phasen ausgewählt und die Beziehung zu der entsprechenden Textstellen hergestellt, wäre die spontane Änderung seines Referats effektiver gewesen und hätte sicherlich die ganze Veranstaltung um eine neue Facette bereichert.

Der Vertonung des Gedichts Orgelspiel folgte der Vortrag Volker Michels´, der sich des Themas theoretisch annahm und das Publikum erneut durch sein detailliertes Wissen beeindruckte. Etwa 5000 Lieder, wußte Michels, seien nach Hesses Texten komponiert worden. Was nicht verwundere, denn Hesses Gedichte seien fast alle gereimt und musikalisch. Seine Lyrik sei wie der Stil seiner Prosa: Hesse sei immer bestrebt gewesen, das Komplizierte einfach auszudrücken, was ein erfolgreiches Merkmal seiner Kunst wurde. Zunächst seien seine Gedichte, wie seine Aquarelle, spontan enstanden als „Schrei oder Entladung“, so Michels. Erst danach habe er die spontanen Einfälle überarbeitet. Aber immer wollte er „musikalisch suggerieren, nicht metaphorisch oraklen“, sagte Michels. Deshalb habe Hesse auch interessanterweise behauptet: “Wenn ein Gedicht die Vertonung nötig hat, so ist es wenig wert.“ Seine Gedichte hatten die Vertonung nicht nötig, sie waren, wie Ilma Rakusa in ihrem Vortrag es herausstellte, selbst Musik.

Hesse liebte die Musik, war im Elternhaus mit ihr von klein auf verbunden, er hatte Sänger und Komponisten zu Freunden, und er besuchte Konzerte wann immer es ihm möglich war. Thomas Feitknecht untersuchte in seinem Vortrag Hesses Verhältnis zur Technik, die Töne überträgt, wie das Radio und der Plattenspieler. Im Steppenwolf“ (1927) schimpft der Protagonist auf den Radioapparat, der eine „Mischung aus Bronchialschleim und zerkautem Gummi“ ausspucke, und er wird dafür vom imaginären Mozart ausgelacht, denn das Wesentliche, das Göttliche und der Urgeist der Musik, wie dieser im Roman sagt, bleibe immer erhalten. So zwiespältig wie in dem Roman, habe Hesse auch in der Realität den technischen Übertragungen von Musik gegenübergestanden. Trotzdem, so Feitknecht, habe Hesse später nach Fortschritten in der Wiedergabetechnik abends andächtig im Radio ein Konzert gehört oder in seiner Bibliothek Schallplatten abgespielt. Feitknecht erläuterte, es sei in Hesses im Alter wohl die mangelnde Mobilität gewesen und die Abgeschiedenheit Montagnolas, die ihn so häufig auf den Rundfunk zurückgreifen ließen.

Den Schlusspunkt der dreitägigen Veranstaltung im Silser Grandhotel setzte der Schriftsteller und emeritierte Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, Adolf Muschg. Er verglich Hermann Hesses Glasperlenspiel mit Thomas Manns Dr. Faustus. Muschg nutzte sein Manuskript kaum, was seinem Vortrag leider nicht zuträglich war, aber für sympathische Unmittelbarkeit sorgte. Der Vortragende verleitete sich durch seine große Erfahrung und sein profundes Wissen selbst zu Gedankensprüngen, und konnte den roten Faden seiner Untersuchung über das Verständnis der Musik im Faustus und im Glasperlenspiel nicht bis zu Ende führen. Muschg befand, dass für Hesse Musik und Sinnlichkeit dasselbe seien, für Thomas Mann aber ein Widerspruch, dass insgesamt die Musik in beiden Romanen „Schlüsselmedien“ seien, aber jeweils in verschiedene Räume führen und für beide Autoren etwas „radikal Verschiedenes“ sei. Muschg sprang von der Musik in den Romanen zu den Biografien der Dichter, zu philosophischen und zeitkritischen Betrachtungen. Im freien Gedankenflug interpretierte er charmant und intelligent das Musikverständnis der Protagonisten in den beiden Romanen und er wirkte damit unmittelbar und stark aufs Publikum. Der Ansatz von Muschgs Vortrag war hochinteressant und hätte, wie im Silser Programm angeführt, noch zu einer lebhaften Schlussdiskussion führen können.

So fiel die Schlussdiskussion einem – auch von der unmittelbar vorangegangenen Beethoven-Nacht – erschöpftem Tagungspublikum zum Opfer. Aber sicher haben die meisten aus der inspirierenden Atmosphäre des Hotels Waldhaus und den qualitativ durchweg sehr guten Vorträgen viele Anregungen zum Nachdenken und vielleicht zum Nach- und Wiederlesen mit nach Hause genommen.

***

 

Quelle: Minkus, HHP


Posted:

21. Juni 2012

 

[Foto Copyright © Hesse Editionsarchiv Volker Michels, 1979]

Mit Thomas Mann im Februar1932 vor der Chantarella bei St. Moritz

Foto Copyright © Hesse Editionsarchiv, 1979

 

"Wer innerhalb gewisser Grenzen

die edle Poesie betreibt,

bedenkt oft nicht die Konsequenzen,

die er auf sich herniederschreibt."

Scherzgedicht Hermann Hesse

 

 

Prügel für den Steppenwolf:
Marcel Reich-Ranicki und Hermann Hesse

Von Volker Michels

Wir hatten uns doch so an ihn gewöhnt, den temperamentvollen Bescheidwisser und eloquenten Tausendsassa, der immer so genau weiß, wo es lang geht. Seit ein Millionenpublikum seine Auftritte im „Literarischen Quartett" entbehren muss, ist es um die makabre Lust gebracht, Augenzeuge von Schauprozessen und Hinrichtungen zu werden. Doch ist nicht zu bestreiten, dass dieser Mann, der den größten Teil seines Lebens mit der Lektüre belletristischer Literatur verbracht hat, dabei - wie sollte es anders sein - stets mit einem überdurchschnittlichen Maß an Kenntnissen aufwarten konnte. Kein Wunder, dass ein Publikum, das kaum über diese Belesenheit verfügen kann, nur allzu geneigt war, vom emphatisch vorgetragenen Einzelfall auf die Stimmigkeit aller seiner Werturteile zu schließen, auch dort, wo es kaum in der Lage war, deren Stichhaltigkeit zu überprüfen. Nun kann man ja nicht erwarten, dass ein noch so beschlagener Journalist Sensorien für alle Bereiche der Literatur besitzt, die so unerschöpflich sind wie das Leben selbst. Jeder Leser hat andere Schicksale, Bedürfnisse und Liebhabereien, die seine Empfänglichkeit ausmachen, aber auch begrenzen. Wie sollte es bei Reich-Ranicki anders sein, auch wenn er sich aufführt, als wäre es nicht so und er selbst das Maß aller Dinge, indem er auf fatale Weise die deutsche Anfälligkeit für autoritäres Führergebaren bedient.

Sein Hausgott ist Thomas Mann – ein ausgezeichneter Kompass also. Und gerne wollen wir es würdigen, dass er sich um dessen Popularisierung außerordentlich verdient gemacht hat. Wer sich noch an die beiden Nachkriegsjahrzehnte in Deutschland und die in weiten Kreisen ihres restaurativen Kulturbetriebs verbreitete Aversion gegen Thomas Mann erinnert, kann Reich-Ranickis ausdauernde und erfindungsreiche Gegensteuerung nicht hoch genug einschätzen. Nur dass sie ausgerechnet auf Kosten Hermann Hesses erfolgte, ist unbegreiflich, den Thomas Mann als den ihm „nächsten und liebsten" unter seinen deutschen Schriftstellerkollegen bezeichnet hat und seit 1931 keine Gelegenheit ausließ, für seine Auszeichnung mit dem Nobelpreis zu plädieren.

Reich-Ranickis schärfste Angriffe auf Hermann Hesse setzten ein, als seit Beginn des Vietnamkrieges eine ganze Generation amerikanischer Wehrdienstverweigerer diesen Autor für sich entdeckte, eine opponierende Jugend, die es mit der Hippie-Devise „make love, not war" immerhin erreicht hat, dass 1973 in den USA die Wehrpflicht abgeschafft werden musste. Doch die daraufhin rund um den Globus einsetzende Hesse-Renaissance, die Verbreitung seiner Werke in mehr als 70 Sprachen mit bereits damals mindestens 100 Millionen Exemplaren war unserem Thomas-Mann-Apologeten ein solches Ärgernis, dass er fortan bis auf den heutigen Tag nichts unterließ, um dieses noch vor der Globalisierung auftretende Kultur-Phänomen mit allen in seiner Macht stehenden Mitteln zu torpedieren. Und die waren erheblich, seit man ihn von 1960 bis 1974 als Literaturkritiker der Wochenzeitung „Die Zeit" und dann weitere 15 Jahre als Chef des Kulturteils der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" verfahren ließ, wie es ihm beliebte. Das machte ihn zum unumschränkten Machthaber und apostolischen Zensor im deutschen Literaturbetrieb. Wo aber Macht ist, da wird sie in der Regel auch missbraucht, nicht nur von Politikern. Reich-Ranickis Umgang mit Hermann Hesse ist nur ein Beispiel unter vielen, wenn auch ein besonders eklatantes. Woher nur diese Aversion?

Dass neben Thomas Mann ein deutlich bescheidener auftretender deutscher Autor, dem es die Mandarine unseres Kulturbetriebs zuallerletzt zugetraut hätten, plötzlich eine so spontane grenzen- und generationenübergreifende Weltgeltung bekommen hatte, war ihm ein Dom im Auge, zumal sie nicht auf journalistische und akademische Nachhilfe angewiesen war, sondern von der Basis, der Jugend und einer internationalen Leserschaft ausging. Statt aber den Ursachen für dieses in der deutschen Literaturgeschichte einzigartige Phänomen nachzugehen, bestreitet er es bis heute nach dem Motto: Was mir nicht passt, darf auch nicht wahr sein! So wird er nicht müde zu behaupten, dass dieser Autor ein „einstmals vielgelesener Schriftsteller" sei. Tatsache aber ist, dass sich auch hierzulande die Auflage seiner Bücher verfünffacht hat und zwar erst nach Hesses Tod. Als sie sich 1973 der 10-Millionen-Grenze näherte, nahm er die Publikation des ersten Bandes von Hermann Hesses Gesammelten Briefen zum Anlass, nicht etwa deren Inhalt zur Kenntnis zu nehmen, sondern um diesen Autor zu marginalisieren. Unter dem herablassenden Titel „Unser lieber Steppenwolf - Ein Beitrag zur deutschen Sentimentalität" gab er zum Besten: „Der schwärmerisch singende Asket in kurzen Hosen [kein einziges Photo von Hesse überliefert ihn in dieser Bekleidung! VM], der jugendbewegte Klassiker der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, ihr biederster Rebell und sentimentalster Anarchist, unser lieber, wackerer Steppenwolf, gehört zu jenen Schriftstellern, die sich leicht und nicht zu Unrecht verspotten lassen ... Für die heutige Jugend ist Hesse zu deutsch ... Mit seiner anachronistischen und weltfremden Literatur hat er oft Unheil angerichtet." Belegen braucht er solche Behauptungen nicht, denn Päpste argumentieren mit Dogmen, wo Beweise fehlen. Dabei ist er Atheist und reagiert allergisch auf alles Humanistische und Ethische in der Literatur. Begriffe wie „Seele" sind ihm verhasst. Wenn er das Wort Seele höre, dann wittere er allemal Schmus, schreibt er in seinem ersten Verriss von Hesses Briefen. Über die Briefe selbst und Hesses frühe Distanzierung von Deutschlands imperialem Größenwahn und dass er mit seiner Übersiedlung in die Schweiz nicht bis zu Hitlers Machtergreifung gewartet, sondern sie bereits zwei Jahre vor dem Ersten Weltkrieg vollzogen hat, kein Wort, bis auf den Satz: „Es steht in diesen Briefen viel Vernünftiges und Richtiges, sie nötigen oft ehrlichen Respekt ab [...] nur dass ich dabei gähnen musste. Denn Hesse offeriert hier, um es kurz und grob zu sagen, gute Gesinnung und wenig Geist."

Wir wollen jetzt nicht das leichtfertige Ausspielen von Geist gegen humanitäre Gesinnung hinterfragen, die ja bei Hesse alles andre als Lippenbekenntnis war, sondern praktiziert wurde wie von wenigen seiner Künstlerkollegen (u.a. im Ersten Weltkrieg mit der Gründung und seinem vierjährigen Einsatz in der Berner Zentrale für Kriegsgefangenenfürsorge, während der NS-Jahre mit Hilfsleistungen für unzählige in die Schweiz geflohene Emigranten, u.a. seinen Interventionen bei der dortigen Fremdenpolizei, und in den beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Versand hunderter Lebensmittelpakete an bedürftige Kollegen und Freunde in beide Teile Deutschlands). Auch wollen wir nicht untersuchen, ob angesichts der zeitgeschichtlichen Katastrophen zungenfertiger Esprit oder politischer Weitblick und hilfsbereites Verhalten ersprießlicher gewesen wären. Denn das sind ja nicht unbedingt Kriterien für die Qualität literarischen Schaffens, aber doch ein Indiz für die konstruktive Tendenz dessen, was ein Autor publiziert.

Dass Thomas Mann ein Genie sei, Hesse dagegen allenfalls „ein Talent mit bedenklichen Neigungen", wie Reich-Ranicki immer wieder verkündet, sei dahingestellt. Auf ganz unterschiedliche Weise erreichen beide Autoren, wie auch der von ihm ähnlich diskreditierte Stefan Zweig (auf dessen Kosten er den viel zeitgebundeneren Joseph Roth glorifiziert), in aller Welt ein Millionenpublikum. Und das also soll sich nun schon seit mehr als drei Generationen irren? Mag das Werk Thomas Manns intellektueller und welthaltiger sein und Hesses thematischer Radius begrenzter, an Eindringlichkeit oder, wie Thomas Mann es formulierte, an „Vielschichtigkeit und Beladenheit mit den Problemen von Ich und Welt" steht Hesse ihm nicht nach. Denn auch sein Lebenswerk plädiert für „das Vernünftige, Notwendige, Lebensfreundliche und Menschenwürdige", Eigenschaften, die für Thomas Mann Inbegriff der besten deutschen Traditionen sind, die er wie Hesse fortgesetzt hat. Dass Hesse von den Lesern geliebt, Thomas Mann dagegen eher respektvoll geschätzt wird, wurmt Reich-Ranicki und dagegen vorzugehen, ist ihm jedes Mittel recht, wie auch in anderen Fällen, wenn sie ihm abträglich für das Primat seines Idols vorkommen, dessen „Zauberberg" er in den fünfziger Jahren noch als das Werk eines „irrenden Ideologen" glaubte abtun zu können.

Das spektakulärste Beispiel dafür ist Martin Walser. Dass der sich nicht - wie Reich-Ranicki es offenbar jedem seiner Besucher abverlangt - vor der Thomas Mann-Büste in seiner Wohnung verneigt und es gewagt hatte, öffentlich auch Vorbehalte gegen die Ironie dieses Autors, seine karikierenden Personenschilderungen, Manierismen seines Stils oder der Goethe-Darstellungen nach seinem Ebenbild zu äußern, machte auch Martin Walser zur Zielscheibe von Entladungen, die so cholerisch sind wie Reich-Ranickis Unterschrift. Interessant an dessen Entgegnungen ist, wie er dabei vorgeht. Denn nie argumentiert er gegen die Einwände, sondern reagiert seinen Ärger lieber an den Neuerscheinungen der jeweiligen Thomas-Mann-Kritiker ab.

Bei Hesse, von dem er im Gegensatz zu Martin Walser und Peter Handke, den er gerne als „dümmlich" klassifiziert, nichts mehr zu befürchten hat, gerät seine Obstruktionslust auf die merkwürdigsten Abwege. Um dessen Unzurechnungsfähigkeit zu belegen, gab er in einem mehrfach publizierten Interview der Frauenzeitschrift „Elle" zum Besten, dass im Roman „Narziß und Goldmund" eine Frau im Chausseegraben geschwängert werde und daraufhin fünf Kinder geboren habe. Das sei doch verblüffend, kommentiert MRR mit gespielter Verwunderung, da man nach einem Geschlechtsverkehr doch nicht mehrere Kinder bekommen könne. Nichts davon stimmt. Weder kommt in dem Roman eine Begattung im Straßengraben vor, geschweige denn die behaupteten Folgen. Man muss schon sehr unverfroren oder in Beweisnot sein, um auf solche Methoden der Diskriminierung zu verfallen.

Aber mit derlei Infamitäten hatte es keineswegs sein Bewenden. Seit er im Kulturteil der FAZ das Sagen hatte, mussten sich alle, die seine Obsession gegen Hesse nicht teilten, auf spöttische Verachtung gefasst machen. Unvergesslich bleibt mir unsere erste Begegnung bei einer Verlagsveranstaltung. Als ich ihm 1970 als junger Suhrkamp-Lektor von Fritz J. Raddatz, dessen DDR-Literaturgeschichte ich gerade betreute, vorgestellt wurde, interessierte er sich für meine künftigen Projekte. Auf meine Antwort, dass es nun höchste Zeit sei, den ebenso reichhaltigen wie substanziellen Nachlass Hermann Hesses zu erschließen, insbesondere die zahlreichen noch nicht in Buchform erfassten politischen Publikationen wie auch seinen gleichfalls nur in Zeitungen und Zeitschriften auffindbaren Jahrzehnte langen Einsatz für das literarische Schaffen seiner Kollegen, meinte er mit zynischem Mitleid, dann könne ich mich ja gleich mit Ganghofer beschäftigen. Nicht immer hatte er damit Erfolg, zumeist aber leider doch. So glückte es ihm, Golo Mann, dem ich das Manuskript der tausendseitigen Edition von Hesses zeitkritischen Schriften „Politik des Gewissens" geschickt hatte, von seiner Zusage abzubringen, das Vorwort zu schreiben. Denn wer will sich schon die Möglichkeit verscherzen, weiterhin von Deutschlands meinungsbestimmendem Blatt hofiert und publiziert zu werden? Es wird wohl erst postum zum Vorschein kommen, wie er in seiner Korrespondenz und bei der Vergabe von Aufträgen die Adressaten nach seinen Vorlieben fernzusteuern versucht hat.

Als er für seine Artikelserie „Bücher von gestern, heute gelesen" den Schriftsteller Horst Krüger einlud, über ein Buch seiner Wahl zu schreiben, kam es einmal mehr zum Konflikt. Denn der wagte es, zu Reich-Ranickis Entsetzen, sich für Hesses „Demian" zu entscheiden, weil dieses Buch den jungen Horst Krüger davor bewahrt hatte, sich vom Nationalsozialismus infizieren zu lassen. Immerhin wurde sein Beitrag gedruckt, wenn auch nicht unter Krügers eigenem Titel, sondern redaktionell verändert in „Unendliche Lust an der privaten Revolte". Seine ehemalige Freundschaft mit MMR, klagte mir Krüger, sei anlässlich dieses Artikels fast in die Brüche gegangen.

Seine Vorgehensweise beim Lancieren subjektiver Vorlieben kann man sehr schön studieren an den Tiefdruckbeilagen, die MRR anlässlich der 100. Geburtstage namhafter Schriftsteller in der FAZ konzipiert hat. So wurden 1975 bei Thomas Mann alle Hebel in Bewegung gesetzt, um prominente Gegenwartsautoren zu Hymnen zu animieren sowie Forscher und profunde Kenner seines Werkes zu Wort kommen zu lassen. Zwei Jahre später im Centenarjahr Hermann Hesses ist das alles unterblieben. Keinem einzigen Kenner wurde das Wort erteilt, geschweige denn Gegenwartsautoren wie Henry Miller, Peter Weiss, Hilde Domin, Robert Jungk, Horst Krüger, Hermann Burger, Adolf Muschg, Gabriele Wohmann befragt, von denen er wusste, dass sie Hermann Hesse schätzten. Einzig der mehr als andere von seiner Gunst abhängige Wolfgang Koeppen durfte sich äußern, jedoch nur auf erwünschte Weise. Für Koeppen ein qualvoller Eiertanz. Hatte Hesse doch als erster prominenter Autor bereits 1935 seinen frühen Roman „Die Mauer schwankt" auf eine Weise empfohlen, die Koeppen sehr zugute kam.

Stärker noch als die freien Mitarbeiter waren Reich-Ranickis Redaktionskollegen seinem Einfluss ausgesetzt. Jeder der vorgab, mit Hesse nichts anfangen zu können, hatte bei ihm einen Stein im Brett. Natürlich konnte es ihm nicht entgehen, wie ungehalten die Leser auf seine Ausfälle gegen diesen Autor reagierten und dass er damit auch Wasser auf die Mühlen des Antisemitismus leitete. Deshalb hat er - um einen vielstimmigen Konsens der Geringschätzung vorzutäuschen - auch die meisten der von seiner Gunst abhängigen Redaktionskollegen dazu gebracht, sich in seinem Sinne über Hesse zu äußern. Oder kann es ein Zufall sein, dass im Verlauf von drei Jahrzehnten in der FAZ nur Abträgliches über Hesse zu lesen war, und zwar nicht allein von Kollegen wie u.a. Franz Josef Goertz, Hannes Stein, Jens Jessen, Hubert Spiegel, ja selbst vom FAZ-Herausgeber Joachim Fest, sondern auch von den freien literaturwissenschaftlichen Mitarbeitern wie Peter Wapnewski, Rolf Hochhuth, Sigrid Loeffler (in Interviews), Helmut Koopmann, Hermann Kurzke und Peter von Matt? So konnte sich aus dem Olymp von Deutschlands tonangebender Zeitung sein Affekt gegen Hesse im Lauf der Jahre zu einem Virus entwickeln, der nicht nur unsere gesamte Medienlandschaft, sondern leider auch die Universitäten der deutschsprachigen Länder infizierte.

Ein einziges Mal jedoch schien sich eine wundersame Wandlung abzuzeichnen, als er sich im Jahr 2001 anschickte, einen 20-bändigen Kanon der besten deutschen Romane publizieren zu wollen. (Nebenbei gesagt: Wer benötigt schon einen Kanon des längst Etablierten? Wer derlei vorlegt, meint damit ja immer auch einen Index, um das ihm Fremde zu exkommunizieren). Dafür brauchte er einen Verleger. Als er Siegfried Unseld sein Konzept vortrug und dieser feststellen musste, dass kein Titel seines weltweit meistgefragten Autors dabei war, weigerte er sich, das Projekt zu verwirklichen. So kam es, dass unser Berufsnörgler sich wohl oder übel dazu durchgerungen hat, Hesses frühen Roman „Unterm Rad" in die Reihe aufzunehmen und sich darüber zu verlautbaren, als habe er sich plötzlich eine Kreide-Diät auferlegt. Doch dieser Sinneswandel war nicht von langer Dauer. Schon bald nach Siegfried Unselds Tod 2003 kam er auf die Idee, eine neue Artikelserie in die FAZ zu lancieren, die unter der Überschrift „Gute Bücher, die wir hassen" bekannte Werke, die ihm ein Dorn im Auge waren, disqualifizieren zu lassen. Die unpopuläre Kolumne brachte es zwar nur auf zwei Folgen. Aber seinen Hauptzweck, darin Hesses „Steppenwolf`, den selbst die von ihm verehrte Ulrike Meinhof beeindruckt hat, zum Abschuss freizugeben, war damit immerhin erreicht. Auch dass Peter Suhrkamp ohne die Initiative Hesses niemals den progressivsten deutschen Nachkriegsverlag hätte gründen können und dass sein Nachfolger Siegfried Unseld, den MRR zurecht als Deutschlands bedeutendsten Verleger bezeichnet hat, von Hesses Weltbild geprägt war und ihm seine Position verdankte, hat MRR offenbar nie zu denken gegeben.

Selbst noch im unfreiwilligen Ruhestand scheint sein Einfluss auf Deutschlands maßgebliche Zeitung offenbar ungebrochen. So ließ er die 2005 abgeschlossene erste Gesamtausgabe von Hesses Werken durch Hubert Spiegel unter der Schlagzeile „Wer braucht 14000 Seiten Hermann Hesse?" für überflüssig erklären und mit einer halbseitigen Karikatur garnieren. Sie zeigt den Dichter im Alter von 70 Jahren, gekleidet im Matrosenanzug eines Kleinkindes beim Spiel mit Zinnsoldaten, die aus einer Spielzeugkanone mit Glasperlen auf Stubenfliegen zielen. Da brauchte man den Artikel gar nicht erst zu lesen, um schon auf den ersten Blick zu erkennen, was man von diesem Autor und den 20 Bänden seiner „Sämtlichen Werke" zu halten habe. Einzig Frank Schirrmacher hat sich dagegen als immun erwiesen, indem er die Ausgabe im Monat darauf als Weihnachtsgeschenk-Empfehlung der FAZ aufführte.

Lassen wir es bei dieser knappen Auslese von Beispielen bewenden und den Versuch unternehmen, weiteren Gründen für Reich-Ranickis Invektiven auf die Spur zu kommen. Ein tiefer greifendes Motiv für die Aversion dieses Franz Josef Strauß unsres Kulturbetriebs nicht allein gegen Hesse, sondern gegen eine ganze literarische Richtung, die auf eine Humanisierung des Menschen abzielt, ist seine Allergie gegen alles Konstruktive und Ethische. Bezeichnend dafür ist das merkwürdige Wohlbehagen, das ihn immer dann überfällt, wenn einem der von ihm gepriesenen Autoren eine charakterliche Niederträchtigkeit nachgesagt werden kann. Das gibt ihm Gelegenheit, eine seiner Lieblingsthesen zu verbreiten, nämlich, dass gute Literatur mit amoralischem Verhalten ihrer Verfasser durchaus vereinbar sei. In dieser Beziehung freilich ist bei Hesse nichts zu holen. Auch gibt es bei ihm keine erotischen Pikanterieen, keine Karikaturen und scharfzüngigen Sottisen, weil Hesse sich lieber über sich selbst als über andere lustig macht. Stattdessen versucht Hesse in seinen Büchern auf vielfältigste Weise, das Positive im Menschen zu ermutigen und das zu reaktivieren, was unsere unverwechselbaren und besten Eigenarten ausmacht: Kreativität, Fleiß, Zuverlässigkeit, emotionalen Tiefgang und die Stärkung individueller Entfaltung gegen den Anpassungsdruck von außen. Dass die damit verbundenen idealistischen Potentiale des deutschen Naturells in der ersten Hälfte des zurückliegenden Jahrhunderts von skrupellosen Politikern verfälscht und missbraucht wurden, steht auf einem anderen Blatt. Und gerne wollen wir Reich-Ranicki, der im Warschauer Ghetto unter Lebensgefahr den Folgen dieser Perversionen ausgesetzt war, zugestehen, dass die Erfahrungen, die er mit den damaligen Machthabern machen musste, nicht dazu angetan waren, das Vertrauen in das deutsche Gemüt zu fördern. Was das aber mit Hermann Hesse zu tun haben soll, der seit jeher die falsche Romantik des Nationalismus und bereits 1922 den Antisemitismus bekämpfte, der nicht müde wurde, die Rückständigkeit des patriotischen und konfessionellen Partikularismus zu thematisieren, der andere Kulturen nicht als Bedrohung, sondern als Ergänzung und Bereicherung unseres Weltbildes verstand und mit kosmopolitischem Weitblick den Eurozentrismus überwand, indem er vom „Siddhartha" bis hin zu dem für MRR „unerträglichen Glasperlenspiel" Antitoxine gegen die Falschmünzer des deutschen Idealismus entwickelt hat, ist unbegreiflich. Dabei sind Hesses Gegenwelten in so bewegende Handlungsverläufe gekleidet, so klar, eingängig und unverschlüsselt formuliert, dass aus seinen Werken das Lebenswichtige nicht mühsam am Tropf von Interpreten herausdestilliert zu werden braucht, wie bei anderen Favoriten unserer Literaturwissenschaftler.

Das alles mag Thomas Mann im Auge gehabt haben, als er anlässlich Hesses 60. Geburtstag schrieb: „So recht von Herzen können wir uns wieder einmal als Deutsche fühlen, ja sagen zum Deutschtum und uns in tiefem, verschlagenen und komplizierten Stolze als Deutsche fühlen in dem alten, frohen und geistigen Sinn, dem der deutsche Name seinen besten Ruhm, dem er die Sympathie der Menschheit verdankt." Denn auch in seinem Handeln und Schreiben vereinbaren sich Ethik und Ästhetik. Marcel der Mäkler dagegen konstatiert in frivoler Retourkutsche: „Für die heutige Jugend ist Hesse zu deutsch", wie er auch zu Eichendorffs Lyrik bemerkt: „Wer eines seiner Gedichte kennt, der kennt sie alle". Würde im Gegenzug jemand die Abstammung dieses Kritikers für ein Argument halten, der hätte bald die abwegigste Antisemitismuskampagne am Hals. Denn wer immer es wagt, sich seiner apodiktischen Hybris in den Weg zu stellen, muss damit rechnen, von ihm als Antisemit bezichtigt zu werden. Vielleicht lassen wir es uns deshalb in ängstlicher Duldungsstarre gefallen, wenn er die deutsche Kultur in einem unsrer integersten und wirkungsmächtigsten Schriftsteller auf eine Weise niedermacht, dass sich kaum jemand in dem ja wahrhaft nicht unterbelichteten Kulturbetrieb unsrer vergangenheitsbelasteten 80-Millionen-Nation traut, dagegen Einspruch zu erheben. Hypnotisiert wie Kaninchen vor der Schlange, lassen wir uns auch seine fragwürdige Manie gefallen, das Urbane gegen das Regionale auszuspielen.

Das letzte und vielleicht ausschlaggebende Motiv dieses mit in- und ausländischen Ehrenprofessuren und -doktoraten Überhäuften, einen Autor wie Hesse aus der Literaturgeschichte herauskatapultieren zu wollen, ist sein völlig anderes Verständnis von Literaturkritik. Wie Reich-Ranicki hat auch Hesse ein Leben lang die Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt verfolgt und tausende Bücher besprochen. Doch seine Kritik war konstruktiv und brauchte sich nicht auf Kosten anderer zu profilieren. Was ihn legitimierte und zu einem begehrten Rezensenten machte, war sein literarisches Werk. So konnte er es sich leisten, vor allem das zu empfehlen, was ihm gut und zukunftsfähig erschien. Erledigt sich doch das Minderwertige, seines Erachtens, früher oder später von selbst. Die Fälle, bei denen sich Hesse zu abschätzigen Besprechungen hinreißen ließ, sind an den Fingern einer Hand abzuzählen. Sein Standpunkt war: „Urteile sind nur wertvoll, wenn sie bejahen. Wirklich wahr sind wir nur, wo wir anerkennen. Das Feststellen von ,Fehlern', und klinge es noch so fein und geistig, ist nicht Urteil, sondern Klatsch". Diesen Klatschfaktor hat unser Hans Dampf in seinen Verlautbarungen reichlich bedient und auf die Frage, welche Bühnenrolle er am liebsten spielen würde, mit entwaffnender Ehrlichkeit den Mephisto genannt. Da aber die Polemik in der Regel größeren Unterhaltungswert hat als die Wertschätzung, erreichte er durch das Fernsehen eine im deutschen Kulturbetrieb noch nie dagewesene Einflussmöglichkeit, um Millionen von Leser verächtlich zu machen, die offenbar unbedarft genug sind, das zu schätzen, wofür ihm die Antennen fehlen.

Dass wir Reich-Ranicki auch zahlreiche fundierte Würdigungen von Autoren verdanken, die seinem Naturell näher liegen, sei gerne eingeräumt, auch, dass seine Leidenschaftlichkeit der Literatur eine mediale Beachtung verschafft hat, die sie früher nicht hatte. Doch entschuldigt es nicht die Methoden, mit welchen er jene niedermacht, die nicht in sein materialistisches Weltbild passen. Seine Devise: „Das Leben ist schön, aber es hat keinen Sinn", hätte auch sein Lieblingsautor Thomas Mann wohl schwerlich geteilt.

***

(Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Verfassers, © Volker Michels, © HHP, Juni 2012

Die Darstellung und Formulierungen von Volker Michels spiegeln nicht notwendigerweise die Meinung der HHP zu diesem Thema. Editors HHP, Juni 2012)


Quelle: Hermann-Hesse-Editionsarchiv, Offenbach a.M.


21. Juni 2012

Montagnola

Casa Rossa

 

Hesses Wohnhaus von 1931 bis zu seinem Tode

" [...] Der Themenweg, der Hesse gewidmet ist, ist aus landschaftlicher Sicht wohl der schönste Platz auf dem gesamten Hügel, außerdem war dieser Ort lange Zeit Lebensmittelpunkt von H. Hesse. Mit der geplanten baulichen Aktion würde ein wesentlicher Teil aus dem Andenken an das Leben des Schriftstellers aus Montagnola verschwinden. Die Villa würde zwischen einem Komplex aus Beton eingequetscht werden und jegliche touristische Attraktion verlieren.[...]"


(Zitat Dr. Franco Denti, Anfrage an den Kantonsrat, siehe Link oben)

 

Quelle: Jean Olaniszyn


 

13. Mai 2012

[Foto: Hesse stehend in der Bibliothek, © H.Hesse Editionsarchiv, Volker Michels, Offenbach a.M.]

Foto: Editionsarchiv

 

Ist das Zen oder Zauberei?

Die erste Lektüre Hermann Hesses ist wie der Sprung auf ein ablegendes Schiff, das nie in den Heimathafen zurückkehren wird, und das heißt "Eigenes Leben".

Von Michael Kleeberg


Zugegeben, ich streite mich gern und wähne, um es thomasmannsch auszudrücken, Menschen, die sich meinen Ansichten verschließen, in der Fehlhalde. Dies vorausgeschickt, habe ich immer gefunden, dass die Nennung des Namens Hermann Hesse ein perfekter Lackmustest ist, um Selbstdenker von Dummköpfen zu scheiden, die sich mit den Ansichten anderer als Distinktionswaffen im Eitelkeits-Darwinismus des Kulturbetriebs zu positionieren suchen.

Und diese Ansichten über Hesse stammen seit Jahrzehnten bevorzugt von Zwergen, die gar nicht bemerken, welch komischer Anblick es ist, wenn sie weit ausholend dem Jahrhundertschriftsteller Dreck gegen die Hosenaufschläge werfen mit ihren Schäufelchen, auf denen solche Eti-ketten kleben wie „Kitsch", „Esoterik", „Epigonentum" oder „Weltflucht". Stellvertretend für all die Akrobaten der Häme, die einen Künstler von oben herab anspucken wollen, dem sie nicht mal bis zum Knie reichen, sei der fatale „Spiegel"-Artikel von 1957 erwähnt, betitelt „Im Genüsegarten", ein Schulbeispiel verlogenen Denunziationsjoumalismus, der aber vielen sich als Intellektuelle Verstehenden lange Zeit das (feuchte) Pulver für ihre Hesse-Verachtung geliefert hat.

Doch auch geistig normal- oder sogar hochgewachsene Menschen schätzen Hesse oft gering, auch wenn sie auf Nachfrage zugeben müssen, vieles von ihm gar nicht und anderes seit ihrer Jugend nicht mehr gelesen zu haben. Aber, sagen sie dann, wurde er nicht der „Autor des individuellen Katzenjammers" genannt, sah Benn nicht einen „durchschnittlichen Ehe und Innenlichkeitsromacier" in ihm, oder bemerkte Musil nicht, perfide und neidisch wie immer, wenn ein Kollege beim Leser die Lektürehingabe entfachte, die er selbst noch mit seinen klügsten Sätzen nie zu erwecken vermochte, er habe die Schwächen eines größeren Mannes, als ihm zukomme?

Immer einmal wieder wacht ein Kritiker auf und stellt erstaunt fest, dass Hesse ja ebenso gut schreibt wie Musil (nach der Veröffentlichung des "Vierten Lebenslaufs Josef Knechts"); dass er ja politisch hellsichtiger war als Thomas Mann (nach der Veröffentlichung ihres Briefwechsels); oder dass er wie kein zweiter Deutscher die klassische chinesische Philosophie durchdrungen hat und nicht nur dekorative „Chinoiserien" hinstellte (nach der Veröffentlichung von Adrian Hsias Studie „Hesse und China"); ebenso, dass er zeitlebens ein unfehlbares Näschen für große Literatur besaß (der Vierzigjährige entdeckte als einer der ersten Deutschen die Größe von Kafka und Proust, der Achtzigjährige die von Frisch, Arno Schmidt und Peter Weiss). Aber ein paar Monate später ist das alles vergessen, und das alte Klischee vom Autor für Jugendliche kriecht wieder hervor.

Angesichts von so viel Gegenwind muss man wohl, mit Harold Acton zu reden, „a partisan of sinking ships" sein, um Hesse verteidigen zu wollen. Nur findet ein solcher Freund und Bewunderer sinkender Schiffe ja gar nicht, dass sie in Seenot seien. Er sieht das dialektischer: „Versinke denn, ich könnt' auch sagen, steige. S'ist einerlei." Und wem das nicht einsichtig ist, den wird vielleicht auch noch die Todesstunde neuen Erkenntnissen öffnen. Wohlan denn also, das Hesse-Liebhaber-Orchester spielt, bis die Wellen über allem zusammenschlagen.

Ein Lackmustest

Und wann wäre ein passenderer Moment dazu als jetzt, wo anlässlich seines 50. Todestags gleich zwei neue Biographien sich zu dem stattlichen Konvolut bereits vorhandener Lebenszeugnisse gesellen?

Will man beschreiben, worin genau Hesses oft übersehene Sprachkunst liegt, so beginnt man am besten mit dem Brief einer jungen schwäbischen Leserin, der ihm, glaube ich, in den fünfziger Jahren zuging und in dem es in etwa hieß: „Was so schön isch, des isch, daß bei Ihne immer g'nau da, wo ma schnaufa muß, a Punkt oder a Komma steht." Die Simplizität seiner Sprache sollte also nicht darüber hinwegtäuschen, dass das kein Zufall war, dass Hesse seine Leser nicht mit ostentativer Virtuosität zu beeindrucken suchte, um damit viele auszugrenzen und wenige sich besonders klug fühlen zu lassen, sondern ein Meister musikalischer Rhythmik und Harmonik.

Ein Beispiel dafür ist seine Erzählung „Kinderseele", in den letzten Tagen des Jahres 1918 entstanden, kurz nach Kriegsende. Im Bewusstsein, dass alles kaputt war, was seine Existenz im Privaten wie im Öffentlichen ausmachte, setzte er sich an den Schreibtisch und begann mit zwei kurzen Absätzen, abrupt einsetzend, in einem Allegro, das den Leser sozusagen im Vorbeirollen mit auf den Wagen hebt, ohne viel Umstände zu machen:

„Manchmal handeln wir, gehen aus und ein, tun dies und das, und es ist alles leicht, unbeschwert und gleichsam unverbindlich, es könnte scheinbar alles auch anders sein. Und manchmal, zu anderen Stunden, könnte nichts anders sein, ist nichts unverbindlich und leicht, und jeder Atemzug, den wir tun, ist von Gewalten bestimmt und schwer von Schicksal."

Hesse schert sich nicht darum, einen Fiktionsraum aufzubauen, es geht um eine autobiographische Anekdote und ihre geistige Einordnung. „Als ich elf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule her nach Hause ..." geht es denn auch unvermittelt weiter, es lohnt aber, noch eine Sekunde bei dem ersten Satz zu verweilen, der Hessen unauffällige Kunst schön demonstriert. Die dialektische Situation wird eben nicht einfach zweimal im selben Stil repliziert, sondern gespiegelt wie der „Krebs" in der Zwölftonmusik, in einer umgekehrten Reihenfolge der Adjektive und Betonungen. Liest man den Absatz laut, stellt man fest, man betont in der ersten Hälfte das Wort "leicht", in der zweiten an denselben Stellen das Wort "nichts". Das ist stilistische Feinstmechanik, kein Wort dürfte anderswo stehen, sonst griffen die Rädchens des Klangs nicht mehr ineinander.

Etwas anderes, was Hesse kann wie kein Zweiter, ist die Beschwörung der ersten Begegnung mit Kunst, der Überwältigung durch Kunst. Was da eigentlich geschieht, wenn ein sensibler junger Mensch plötzlich erschauernd erkennt, was Menschen schaffen können, aber auch welchen Tribut an Leib und Leben das fordert, das ist selten so nachvollziehbar dargestellt worden wie in der Passage von "Narziß und Goldmund", als der junge Streuner, vom Madonnenbildnis des Meisters Niklaus angefasst, lernt, was an Begnadung und was an Handwerk und Lebensopfer nötig ist, um dergleichen zu schaffen. Ganz anders, aber genauso unvergesslich die Schilderung, wie der junge Joseph Knecht am Harmonium vom alten Meister behutsam und spielerisch in die Welt der Musik geleitet wird.

Die einzige andere literarische Beschreibung dieses epiphanischen Moments, die damit Schritt hält, ist der Moment, in dem der junge Marcel in "Combray" angesichts der sich bewegenden Türme der Kirche in Martinville sein künstlerisches Erwachen erlebt. Und dass ich hier Proust nenne, geschieht nicht zufällig. Es gibt erstaunliche Parallelen. Nicht nur ist die erwähnte Erzählung "Kinderseele" das Psychogramm einer Pubertät, wie es ähnlich exakt und tiefgründig nur Proust zu gestalten vermochte, auch dessen Magie im Heraufrufen der Bilder und Düfte und Perspektiven der Kindheit findet sich in vielen Hesseschen Evokationen wieder, vorzugsweise in den späten Erzählungen, die mehr Vergangenheitsbeschwörungen als Fiktionen sind.

Und dies ist der Moment, einen Appell an Volker Michels zu richten, den großen Hesse-Herausgeber und seinen Hausverlag: Schenken Sie uns eine Sammlung "Späte Prosa"! Beginnen Sie mit dem Erinnerungstext an seinen verstorbenen Bruder Hans, nehmen Sie die "Beschreibung einer Landschaft" hinein, vor allem die wunderbaren Geschichten "Der Bettler" und "Schulkamerad Martin", wildern Sie in den "Gedenkblättern", und Sie werden uns einen 200-Seiten Band schenken, der allen Zweiflern und all denen, die glauben, nach dem "Glasperlenspiel" sei nichts mehr gekommen, schlagend beweisen wird, dass Hesses Prosa nie so vollendet, so schlackenlos, so intensiv, so warm leuchtend wie in seinen letzten Jahren war, dass er auf dem chinesischen Gipfel seiner Kunst angekommen war, wo ein Punkt und eine Linie auf weißem Papier eine ganze Welt erstehen lassen.

Ist das Zen oder ist das Zauberei? Tatsache ist, dass der Erfinder des "Magischen Theaters" etwas wusste von den verborgenen Kräften, die in einem Wort gebannt sind. Hat eigentlich in all den Poetikvorlesungen, die in Deutschland aus dem Boden sprießen wie Pilze nach dem Regen, jemals jemand über die magischen Aspekte der Literatur und vor allem die Magie von Titeln geprochen? Ich kenne keinen Schriftsteller, der so viele magisch klingende und verheißungsvolle Buchtitel gefunden hat wie Hesse, und manchmal, wenn ich mich nicht darauf konzentriere, dann empfinde ich plötzlich wieder, anstatt mich nur daran zu erinnern, dieses überwältigende, lampenfiebrige Gefühl damals gegen Ende der Schulzeit, in der Buchhandlung vor diesen blauen und grünen Suhrkamp-Taschenbüchern zu stehen, deren Titel wie Beschwörungsformeln klangen, wie Zaubersprüche, deren Aufsagen eine Initiation zur Folge haben würde, eine Reise ins eigene Innere, gefährlich und faszinierend.

Oh, noch einmal siebzehn sein (aber nur dafür) und noch nicht wissen, was sich hinter diesen Titeln verbirgt, von deren Legende man schon hat raunen hören: "Klingsohrs letzter Sommer", "Demian", "Das Glasperlenspiel", "Narziß und Goldmund" - und dann eines aufschlagen und spüren: Damit springst Du auf ein ablegendes Schiff, das nie in den Heimathafen zurückkehren wird, und das heißt: "Eigenes Leben", aber wohin es Dich tragen wird, das weißt du nicht.

Hinter der Formkulisse

So vieles müsste eine Biographie Hesses, wie ich sie mir wünsche, enthalten. So viele Missverständnisse, Halbwahrheiten und Klischees müsste sie richtig stellen. Beispielsweise über Hesse angeblich fehlenden Humor. Aus den ebenso herzerwärmenden wie herzerfrischenden Erinnerungen von Gunter Böhmer erfährt man nicht nur, dass Hesse viel gelacht hat, sondern auch, dass er offenbar über einen auf seine Umgebung urkomisch wirkenden Deadpan-Humor verfügte, die Gabe, mit unbewegten Gesicht plötzlich die irrwitzigsten Sätze loszulassen. Böhmer berichtet über einen späten Geburtstag, an dem er den vergrätzt wirkenden Hesse aufsucht, der all die Glückwunschbriefe und bunten Bildchen seiner Leser sortiert und auf einmal zwischen zusammmengebissenen Zähnen knirscht: "Schon wieder keine Geburtstagskarte von Picasso!"

Es ist auch Böhmer, der von seinem Bauchgrimmen angesichts von Hesses inflationärer Benutzung von Adjektiven wie hold und hübsch spricht. An anderer Stelle antwortet Hesse auf diesen Vorwurf und erklärt: "Der eine Vers, den Sie sich als konventionell angestrichen haben, ist mir grade lieb. Und bei Eichendorff ist es ja noch viel auffallender, wie er sich geradezu hinter einer Formkulisse versteckt, weil das Originellseinwollende ihm so verhaßt ist. Auf Eichendorff hin, der mit dem Apparat eines naiven Volkslieds die unglaublichsten Dinge sagt, finde ich eure ästhetisch einwandfreien Dichter mit den schönen ungebrauchten Reimen ... einfach affig."

Und damit wären wir auch bei den beiden neuen Biographien, denn dieses augenöffnende Zitat stammt aus dem Buch Deckers. Im Prinzip ist es ein mutiges Unterfangen, im Jahr 2012 eine weitere Lebensbe-schreibung vorzulegen, denn es ist ja nicht so, als herrsche ein Mangel daran. Wir haben natürlich Hugo Balls Buch von 1927, wir haben die beiden amerikanischen Biographien von Joseph Mileck und Ralph Freedman, es gibt Gisela Kleines "Zwischen Welt und Zaubergarten" als Doppelbiographie von Hermann und Ninon Hesse und natürlich Volker Michels wunderschönes "Leben in Bildern und Texten" sowie seine Anthologie "Hesse in Augenzeugenberichten". Und diese Liste ist weit davon entfernt, komplett zu sein.

Natürlich ist seit den achtziger Jahren eine Menge neues Studienmaterial dazugekommen, die Gefahr aber liegt in der zeitlichen Entfernung. Muss Hesses Leben und Streben in einer Epoche des postmodernen weltumspannenden Hedonismus (obwohl das globale Geplapper des Web 2.0 der Kritik des "feuilletonistischen Zeitalters" noch einmal eine ganz ungeahnte Aktualität verleiht) nicht völlig fremd wirken?

Heimo Schwilks Arbeit lesend, habe ich das Gefühl, das Sujet seiner letzten Biographie, Ernst Jünger, habe ihm doch innerlich nähergestanden und ihn stärker herausgefordert als Hesse. Deckers umfangreiches Werk hat mir viel Genuss und Vergnügen bereitet. "Ein hübsches Büchlein", hätte Hesse mit besonderer Betonung gesagt. Und das hätte in diesem Fall geheißen: ein akribisches, ehrliches, kein Feld aussparendes, streitbares und kenntnisreiches. Und vor allem getragen von der Überzeugung von Hesses Genius, an der auch die zwischendrin vorgebrachte und durchaus berechtigte Kritik an manchen Aspekten des Werks und des Menschen nichts ändert.

Man soll ein Buch ja nicht danach beurteilen, ob das darin steht, was man selbst erwartet und erhofft, sondern nach seinen eigenen Meriten. Aber "Der Wanderer und sein Schatten" leuchtet mir auch noch da ein, wo ich persönlich einmal nicht einverstanden bin.

Im Grunde "braucht" Hesse eine Biographie weniger als andere Schriftsteller, war sein ganzes Werk doch beständige Selbstanalyse, Spiegelung und Prüfung der eigenen Lebenssituation, Glasperlenspiel auf dem Thema der biographischen Konstellationen und magisches Theater seiner individuellen Entwicklung. Und so wird es auch immer Leser geben, die auf jder Lebensstufe, nicht nur in ihrer erstmals zur Suche aufbrechenden Jugend, von der Dynamik zwischen Ich und Welt in seinem Werk profitieren. Und es wird auch immer Menschen geben, denen Hesses beständige Infragestellung eines Ankommenkönnens und Angekommenseins im Leben ein Graus ist; und die, da man sich nicht selbst dafür geringschätzen mag, dass man irgendwann nicht mehr bereit ist zu Aufbruch und Reise, es Hesse anlasten, dass sie des Lebens Ruf an uns kein Gehör mehr zu schenken vermögen.

***

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors!

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung,
Sonntagszeitung, 18.3. 2012
Nr.11, S.28, Feuilleton

 

Quelle: FAZ, 18.3.2012


 

12. Mai 2012

 

[Hesse Editionsarchiv, Offenbach a.M.]

Conrad Haußmann

Unsignierte Portraitzeichnung 1911

 

Aufbegehren gegen den Nationalismus

Von Elke Minkus

Hermann Hesse, Conrad Haußmann.

Von Poesie und Politik.

Briefwechsel 1907-1922

Herausgegeben 2011 von Helga Abret

 

Das komplexe Werk Hermann Hesses werde mit diesem Band um eine neue Facette bereichert, sagte Silver Hesse, der Enkel Hermann Hesses, zu dem gerade erschienenen Briefwechsel zwischen dem Politiker Conrad Haußmann und dem Dichter Hermann Hesse. Eine neue Facette, denn Hesse, der von sich sagte, ihm liege alles Politische nicht, hat offensichtlich doch versucht während des Ersten Weltkriegs in das politische Geschehen einzugreifen.

Conrad Haußmann (1857-1922) war ein einflussreicher linksliberaler Politiker, der sich gegen das imperialistische, autokratische Regime Wilhelm II. stellte. Haußmann entstammt einer schwäbischen Demokratenfamilie, studierte Rechtswissenschaften und wurde 32jährig in den Württembergischen Landtag gewählt. Von 1890 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war er Mitglied des Reichstags, danach gehörte er der Nationalversammlung an und wurde dort 1919 zum Vizepräsidenten und zum Vorsitzenden des Verfassungsausschusses ernannt.

Hermann Hesse (1877-1962) war ganz Literat und lebte ausschließlich vom und für das Schreiben. Haußmann und Hesse waren unterschiedliche Charaktere. Der Politiker war aufgeschlossen, optimistisch und extravertiert, der Dichter war öffentlichkeitsscheu, introvertiert und neigte zu Depressionen. Haußmann entstammte einer weltoffenen Demokratenfamilie, Hesse dagegen einem streng pietistischen Elternhaus. Haußmann war fast zwanzig Jahre älter als Hesse, und trotzdem verband die beiden eine langjährige, aufrichtige Freundschaft.

Haußmann, der die Literatur liebte, selbst einen Band chinesischer Gedichte herausgab sowie unter einem Pseudonym Gedichte und hin und wieder literarische Essays veröffentlichte, bewunderte den Dichter Hesse. Hesse wiederum schätze Haußmann, weil er ein menschlich denkender und handelnder Politiker war, der gegen jegliche nationalisti-schen Tendenzen ankämpfte.

Kennengelernt haben sich die beiden 1908, doch schon vorher wußten sie voneinander, denn sie schrieben beide für die satirische Zeitschrift Simplicissimus. Hesse lieferte Lyrik und Prosa, Haußmann politische Beiträge. Über die Arbeit für den Simplicissimus, der sich gegen den preußischen Militarismus und gegen die Person des Kaisers richtete, wurde Hesses politisches Interesse geweckt. Deshalb hat Hesse auch zugesagt, Mitherausgeber der neuen Halbmonatsschrift März zu werden, die international ausgerichtet, sich auch für die Überwindung der deutsch-französischen Spannungen einsetzte. Diese links-demokratische, Grenzen überwindende Ausrichtung der Zeitschrift überzeugte sowohl Haußmann als auch Hesse. Hesse war für den kulturellen Teil, Haußmann für den politischen Teil des Blattes verantwortlich.

Von nun an entspannt sich ein regelmäßiger, freundschaftlicher Brief-wechsel. Viel ist zunächst von Literatur die Rede. Hesse schickt Haußmann seine jeweils neuesten Erzählungen, auch Gedichte und Romane. Haußmann fühlt sich in Hesses Geschichten ein und kommentiert sie in einer Art und Weise, die Hesse sehr schätzt. Viel ist auch von der Arbeit für den März die Rede, womit sich politische Aussagen verbinden. Bereits 1908 waren auch elsässische Schriftsteller und Politiker Mitarbeiter des März. Für den abgelegen am Bodensee lebenden Hesse war die Arbeit für die Zeitschrift die Verbindung zu kritischen, liberalen, international ausgerichteten Künstlern und Politikern. Hesse schätzte das und unterstützte diesen Geist, wo er konnte. Allerdings stieß er wie seine Kollegen an seine Grenzen. Die Realpolitik im wilhelminischen Deutschland sah nämlich anders aus. Die Linksliberalen hatten keine Chance ihre politischen Interessen durchzusetzen. Das deutsch-französische Verhältnis verschlechterte sich und ein Wettrüsten in Europa begann. Hesse, der 1912 in die Schweiz gezogen ist, zog im Jahr darauf enttäuscht seine Herausgeberschaft zurück, blieb aber weiter freier Mitarbeiter, und damit in Kontakt mit Conrad Haußmann und mit Theodor Heuss, der inzwischen Redakteur des März geworden war. Dieses Dreiergespann versuchte weiter gegen die immer häufigeren nationalistischen Hasstiraden weltoffene, liberale Tendenzen zu setzen. Doch 1917 konnte der März aus finanziellen Gründen nicht mehr erscheinen. Die Politiker Haußmann und Heuss konnten auf politischer Ebene weiterarbeiten. Hesse hatte sein Sprachrohr verloren.

Aber der Dichter hatte inzwischen eine andere Aufgabe gefunden. Hesse hatte in Bern mit dem Schweizer Roten Kreuz eine Bücherzentrale für deutsche Kriegsgefangene eingerichtet. Er versorgte die Gefangenen mit Büchern und Schreibmaterial. Bei dieser Arbeit für die Kriegsgefangenen in der Schweiz begegnete Hesse auch französischen Mittelsmännern, die hinter den Kulissen diplomatisch tätig waren und den Austausch mit den liberalen Kräften in Berlin suchten. Eine zentrale Rolle kommt dabei dem linksliberalen Schriftsteller und Journalisten Hermann Stegemann zu. Stegemann, in Deutschland geboren, im Elsass aufgewachsen und seit 1901 naturalisierter Schweizer, war Kriegsberichterstatter, dessen Artikel in Deutschland und im Ausland für deren zwar pro deutsche, aber ruhige und klare Darstellung geschätzt wurden. Stegemann bot eine beratende Funktion zwischen Bern und Berlin an. Woran der Schweiz sehr lag, denn nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Belgien lebte man in der Schweiz in der Furcht vor einer weiteren Neutralitätsverletzung. Auf deutscher Seite war Stegemanns Rat bei militärischen Aktionen willkommen, denn er konnte aufgrund seiner Sprachkenntnisse auch die Heeresberichte der kriegsführenden Mächte auswerten.

Hesse kannte seinen Schriftstellerkollegen bereits und es war ihm ein Leichtes, Stegemann in Bern zu treffen und diplomatisch hinter den Kulissen tätig zu werden. Die Informationen Stegemanns konnte Hesse unauffällig an Conrad Haußmann in Deutschland weitergeben. Ziel der Bemühungen war es Friedensgespräche zu initiieren. Doch bei der Obersten Deutschen Heeresleitung stießen die Vermittlungsversuche auf taube Ohren. Die Aussichtslosigkeit durch Diplomatie einen frühen Friedensschluss zu erreichen, veranlasste Hesse, 1917 seine politischen Bemühungen einzustellen. Haußmann, der Politiker, versuchte weiterhin, sich für einen Verständigungsfrieden einzusetzen, hatte aber auch den Glauben daran verloren. Hesse arbeitete weiter für die Kriegsgefangenfürsorge und versuchte wieder die Konzentration fürs Schreiben zu finden.

Der Briefwechsel mit Haußmann und gelegentliche persönliche Treffen werden fortgesetzt, aber zumindest in den Briefen reden die beiden nun wieder mehr über Literatur, denn über aktuelle politische Geschehnisse. Als einfühlsamer Leser kommentiert Haußmann zuweilen Hesses Publikationen und Hesse fühlt sich verstanden. Als Antwort auf eine solche Analyse schreibt Hesse 1921 an Haußmann: “Es gibt nicht viele, die mich so gut kennen wie Du.“ Den Politiker und den Dichter verband eine langjährige aufrichtige Freundschaft. Der Politiker, der großes Interesse für Literatur hatte, der außerordentlich belesen war und selbst schriftstellerisch und editorisch tätig. Der Dichter, der öffentlich immer betonte, unpolitisch zu sein, der aber durch den Einfluss Haußmanns einige Jahre lang, wenn nicht offiziell, so doch hinter den Kulissen, versuchte die Politik mitzugestalten.

Es ist ein spannender Briefwechsel, der tatsächlich eine neue Facette Hermann Hesses offenbart, und der zeigt, welche Bemühungen Einzelne vor und während des Ersten Weltkriegs unternahmen, um ein Zeichen zu setzen gegen die nationalistischen Hasstiraden und die versuchten mit ihren Mitteln dem grausamen Krieg ein Ende zu setzen. Und es ist ein Buch das hervorragend kommentiert ist. Helga Abret hat vier Jahre lang an diesem Buch gearbeitet. Sie hat ein Werk geschaffen, das dem Leser einen neuen Blickwinkel auf Hesse und sein politisches Engagement verschafft. Man kann sehr viel lernen, wenn man alle Fußnoten und Anhänge und vor allem das äußerst kenntnisreiche Vorwort von ihr liest. Es lohnt sich tatsächlich jede Zeile dieses Buches zu lesen. Helga Abret, die in Breslau geboren wurde und in Frankreich lebt, hat hier einen wichtigen Beitrag zur Hesse-Forschung geleistet, und sie hat eine herausgeberische Bravourleistung vollbracht.

***

Hermann Hesse, Conrad Haußmann. Von Poesie und Politik. Briefwechsel 1907-1922. Herausgegeben von Helga Abret.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 407 Seiten, 29,90 Euro.

 

Quelle: Elke Minkus, 2012


 

20. Juli 2011

 

Typisch Hesse?

Hermann Hesse als Archetyp im Werk Gunter Böhmers

 

In seinem Atelier in der Casa Camuzzi

Klappenfoto: © Rogge, 1986, in:

Gunter Böhmer illustriert Weltliteratur

Hgg.: 2011, Gunter-Böhmer-Stiftung, Calw

 

Gunter Böhmer (1911 – 1986), geboren in Dresden, besuchte nach dem Abitur zunächst die Dresdner Akademie und später die Kunstakademie in Berlin, wo er Schüler von Emil Orlik und Hans Meid wurde und dem Maler Max Slevogt begegnete. 1933 kam Gunter Böhmer auf Einladung von Hermann Hesse, mit dem er einen Briefwechsel begonnen hatte, nach Montagnola. Der junge Maler und Zeichner bezog das Dachgeschoss der Casa Camuzzi, in der zwischen 1919 und 1931 auch Hermann Hesse gewohnt hatte. Der Schriftsteller wurde dem jungen Künstler bald ein väterlicher Freund, und er war es auch, der Böhmer zu dessen erstem Illustrationsauftrag verhalf: 1933 konnte er für den S. Fischer-Verlag die Neuauflage von Hesses Jugendroman Hermann Lauscher illustrieren. Diese Aufgabe bedeutete für Gunter Böhmer eine grosse Anerkennung und war Auftakt von in den folgenden Jahrzehnten Hunderten von Illustrations- und Buchgestaltungsaufträgen verschiedenster Verlage, u.a. auch für Hesses Klingsors letzter Sommer, Der Steppenwolf oder Stunden im Garten.

Während seiner Tessiner Zeit studierte und arbeitete Gunter Böhmer längere Zeit in Paris und Italien. 1945 heiratete er die Teppichweberin Ursula Bächler, eine Nichte von Maria Geroe-Tobler. Von 1960 bis 1976 hatte Böhmer eine Professur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Abteilung Freie Graphik, inne. Im Alter erfuhr Böhmer zahlreiche Ehrungen; unter anderen erhielt er die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg und wurde Ehrengast der Deutschen Akademie Rom (Villa Massimo) sowie Ehrenmitglied der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.

Die enge, vielfach von Humor geprägte Freundschaft zwischen Hermann Hesse und Gunter Böhmer fand vielfältigen Ausdruck, beispielsweise in häufigen Besuchen Böhmers in der Casa Rossa oder in gemeinsamen Malausflügen. Hermann Hesse ließ keinen Zweifel daran, dass er an das Können und das Talent des jungen Böhmer glaubte, wie aus seiner Betrachtung Erinnerung an Klingsors Sommer, geschrieben 1938, hervorgeht: „Dieser junge Mensch [...] hatte sich auch in das Dorf Montagnola und die Landschaft Klingsors aus der Ferne so heftig verliebt, daß er am Ende dem Drang nicht mehr widerstehen konnte, seinen Traum zu verwirklichen und diese sagenhaften Gegenden aufzusuchen [...]. Seitdem hat Böhmer, mit einigen Unterbrechungen, Jahr um Jahr im Dorf Klingsors und in dessen Palazzo gehaust und hat wie Klingsor um den Geist dieser Landschaft und um den malerischen Ausdruck für diesen Geist gekämpft, asketisch und besessen wie sein Vorgänger.“ Gunter Böhmer formulierte die Bedeutung dieser Beziehung in seinen späteren Lebensjahren:

 

„Die Freundschaft, mit der mich Hesse beschenkte, war ohne jeden Vergleich diejenige, der ich die meisten Anstösse, Spiegelungen und Bestätigungen verdanke, die mich auf vielen Stufen verstehend, anregend, fördernd begleitete.“

Zum 100. Geburtstag von Gunter Böhmer (1911–1986) wird nun im Museum Hermann Hesse eine Auswahl größtenteils unveröffentlichter Blätter gezeigt, die in Zusammenhang mit Hermann Hesse stehen. Der Schriftsteller diente dem Künstler für Skizzen, Zeichnungen und Illustrationen als Vorlage, sowohl als Porträtierter als auch häufig als »Typ«. Die charakteristische Physiognomie Hesses wurde auch auf humorvolle Weise hervorgehoben, was auf eine große Vertrautheit zwischen den beiden Künstlern schliessen lässt. Neben Zeichnungen werden auch bisher unveröffentlichte Zeichenbücher zu sehen sein.

 

Ausstellungseröffnung im Museum Hermann Hesse Montagnola

Museum Hermann Hesse, 17. September 2011 – 1. Februar 2012

In Zusammenarbeit mit der Fondazione Ursula e Gunter Böhmer,
Collina d‘Oro.
Mit Unterstützung der Bank Julius Bär.

 

Quelle und Text: Hesse Museum, Montagnola


20. Juli 2011

 

[Foto aus: Hermann Hesse. Sein Leben in Bildern und Texten. Hrsg. Volker Michels. S.40.  © Suhrkamp Verlag 1979]

"Gerbersau"

 

Ausgewählte Veranstaltungen anläßlich

Hesses 50. Todestag am 9. August 2012

 

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. In Städten, Verlagen, Theatern, Sendeanstalten und in wissenschaftlichen Gremien laufen schon jetzt die Vorbereitungen für Veranstaltungen zu Hermann Hesses 50. Todestag im nächsten Jahr. Zahlreiche neue Publikationen und Veranstaltungen wird es zu Hesses Leben und Werk geben.

Die Planungen laufen zum Beispiel für eine internationale Tagung an der Universität von Szeged in Ungarn.“Hermann Hesse und die Moderne“, lautet der Titel der Konferenz, die Ende April/Anfang Mai 2012 stattfinden wird. Einen weiteren internationalen Kongress veranstaltet die Hermann-Hesse-Forschungsstelle der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf in Zusammenarbeit mit der Universität Bern und dem Schweizerischen Literaturarchiv. Die Referenten haben sich zur Aufgabe gestellt, das litererische und bildnerische Schaffen Hesses neu zu deuten und in die literarisch- und kunsthistorische Entwicklung der klassischen Moderne einzuordnen. Die Tagung findet vom 23.bis 26. März 2012 in Bern statt.

Einen ganz neuen Zugang zu Hermann Hesse unternimmt der Südwestrundfunk. Regisseur und Drehbuchautor Jo Baier verfilmt Hesses Erzählung Die Heimkehr. Verpflichtet hat er dafür deutsche Schauspielprominenz. Heike Makatsch spielt Katharina Entriß, August Zirner gibt August Schlotterbeck und Herbert Knaup verkörpert den Bürgermeister von Gerbersau. Die Geschichte spielt in Gerbersau, dem Synonym für Hesses schwäbische Heimatstadt Calw.

Kleinstädtisch und spießig geht es dort zu. August, der als Jugendlicher Gerbers-au verlassen hat, kehrt nach Jahrzehnten aus dem Ausland in seine Heimat zurück – und wird mit einer Mischung aus Mißtrauen und Ehrerbietung ob seines vermeintlichen Reichtums betrachtet. Die Erfahrungen, die August in England, Amerika und Rußland gemacht hat, sind nicht kompatibel mit den Ansichten der meisten alteingessessenen und angepassten Gerbersauer, die ihre kleine Stadt nie verlassen haben.  Doch lernt August eine Witwe kennen, die bei den Gerbersauern in  schlechtem Ruf steht und die von ihnen gemieden wird. August wirbt um sie und wird schließlich erhört.

Jo Baier hat sich dieser Geschichte angenommen und dreht sie ab August unter anderem in Schwäbisch-Gmünd. Man darf gespannt sein, wie der Regiesseur die Erzählung Hesses umsetzen wird. Ausgestrahlt wird der Film voraussichtlich im Frühsommer 2012 zur besten Sendezeit: um 20.15 Uhr in der ARD.

Elke Minkus

 

Quelle: Elke Minkus, Co-editor HHP, 2011


8. Juli 2011

 

Mitteilungen aus der Nähe

Freundschaft und Wertschätzung: Der Briefwechsel zwischen Hermann Hesse und

Hans Purrmann aus den Jahren 1945 bis 1965

 

Rezension von OLIVER BENTZ

 

[Foto dieses Purrmann Gemäldes war Teil einer Pressemitteilung des Hermann Hesse Museums in Montagnola. Keine Copyright-Angaben, kann Copyright-geschützt sein, HHp 2011]

Ausblick aus dem Hesse-Zimmer (Casa Camuzzi)

Foto eines Purrmann Gemäldes aus der Pressemitteilung des Hesse Museums Montagnola

 

Über zwei Jahrzehnte waren der Schriftsteller Hermann Hesse und der 1880 in Speyer geborene Maler Hans Purrmann in Montagnola im Tessin Nachbarn und Freunde. Während Hesse am Dorfrand die großzügige Casa Rossa bewohnte, hatte sich Purrmann im alten Ortskern in der pittoresken Casa Camuzzi niedergelassen. Obwohl sie nur wenige Gehminuten auseinander lebten und sich gegenseitig besuchten, wechselten der Schriftsteller und der Maler auch innerhalb des Dorfes über die Jahre zahlreiche Postkarten und Briefe, die den vertrauten Umgang der beiden Künstler, ihre geistige Nähe und die gegenseitige Wertschätzung und Anteilnahme am Werk des jeweils anderen widerspiegeln.

Eva Zimmermann und Felix Billetter legten jetzt den Briefwechsel der beiden aus den Jahren 1945-1965 in einem schön aufgemachten Band vor, der auch in den Briefen thematisierte Texte Hesses und Purrmanns zu Literatur und Kunst enthält.

1919 übersiedelte Hermann Hesse nach Montagnola, wo er zuerst in der Casa Camuzzi lebte, ehe er 1931 mit seiner dritten Frau Ninon in die Casa Rossa übersiedelte, eine Art Doppelhaus, dessen zwei Teile intern miteinander verbunden waren, in dem aber jeder der Partner seinen eigenen Lebensbereich gestaltete. Hans Purrmann, der seit 1935 Leiter des prestigeträchtigen deutschen Künstlerhauses Villa Romana in Florenz war, kam auf der Flucht vor dem Kriegsgeschehen 1943 nach Montagnola, wo er bis 1948 im Hotel lebte, ehe er in die Casa Camuzzi zog.

In ihrem Briefwechsel tauschten sich die beiden betagten Künstler über eine Vielzahl von Themen aus Politik, Kunst und Literatur aus. Sie erfuhren miteinander die Freuden eines abgeklärten, erfahrungsreichen Lebens, sowie die Sorgen des Alters - und sie teilten in einer für Kunstschaffende nicht gerade häufigen zutiefst ehrlichen und uneitlen Art die Freude über die jeweiligen Erfolge des anderen.

[© Foto Hans Purrmann Archiv München]

Foto aus einer Pressemitteilung des

Hermann Hesse Museums in Montagnola

So schrieb Purrmann anlässlich der Verleihung des. Nobelpreises für Literatur 1946 an seinen Nachbarn

„Daß ich heute Ihnen als einem Nobelpreisträger gratulieren kann, erfüllt mich mit aufrichtigster Freude. Ihr bewunderungswürdiges Werk so gekrönt zu sehen ist mir ein wunderbares Geschehen, so daß ich wieder Hoffnung fasse und wieder mehr an unsere Zeit zu glauben geneigt bin."

Und Hesse freute sich 1960 für Purrmann anläßlich des Erscheinens eines dicken Katalogbuches:

„Es ist mir immer eine Freude und Genugtuung, wenn ich sehe, wie Ihr grosses Œuvre geliebt und gefeiert wird (...). Ihr Werk hat ja nicht nur seinen ehrenvollen Platz in der Stilgeschichte der Malerei, es ist auch der Ausdruck einer unentwegten Lebensbejahung..."

Purrmann, der im Gegensatz zu Hesse bis zu seiner Erkrankung 1959 sehr viel reiste, berichtete dem Nachbarn auch davon. Etwa über seinen Besuch in Speyer, wo er 1951 anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerschaft die lokalen Honoratioren irritierte:

„Auch war ich in Speyer und musste dort in etwas allzu offizieller Feier den Ehrenbürgerbrief entgegennehmen. Es war gar zu feierlich, und da ich mit einigen Schulkameraden und Arbeitskollegen von früher anrückte, so wirkte ich bei den neuen Demokraten, als wenn ich die Dreigroschenoper hätte aufführen wollen..."

Als Hesse, der Purrmann auch immer wieder Lyrisches sandte, diesen 1953 im Gedicht Alter Maler in der Werkstatt verewigte, fand der Maler das Wesen seiner Kunst so tief getroffen, dass er dem Dichter in einem höchst emotionalen Schreiben antwortete:

„In meinem Leben ist mir noch keine Ehrung zu Teil geworden, die mich in innerster Seele gleich stark berührt hätte und auf die ich mehr Grund hätte stolz zu sein. Es wird mir auch niemals eine schönere Frucht von meinem Lebensbaume fallen können."

Nach dem Tod Hermann Hesses im August 1962 schrieb Ninon Hesse an Hans Purrmann:

„Ihr schöner Strauß roter Rosen lag auf dem Sterbebett Hermann Hesses - später auf dem Grab. Ich danke Ihnen sehr für diesen letzten Freundesgruß ... Dass Sie so sehr um ihn trauern, verbindet mich mit Ihnen."

***

LESEZEICHEN

Hermann Hesse - Hans Purrmann: Briefe 1945-1965; herausgegeben von Eva Zimmermann und Felix Billetter; mit ausgewählten Texten von Hermann Hesse und Hans Purrmann zu Literatur und Kunst; Edition A. B. Fischer; 176 Seiten; 19,80 Euro.

 

Text mit frdl. Genehmigung: Oliver Bentz und DIE RHEINPFALZ, Nr. 151. Samstag, 2. Juli 2011

Abbildungen: Bestandteil einer Pressemitteilung des Hermann Hesse Museums, Montagnola v. 30.3.2011


6. Juli 2011

 

"Verehrter großer Zauberer"

Der Dramaturg Peter Weiss und Hermann Hesse

 

[Foto "Peter Weiss in Montagnola, 1937", © Editionsarchiv Volker Michels, Offenbach a.M.]

Peter Weiss in Montagnola, 1937

 

Peter Weiss, Schriftsteller, Maler, Grafiker und Experimentalfilmer, wurde 1916 in der Nähe von Berlin geboren.  Nach häufigen Wechseln der Wohnorte ließ sich die Familie 1936 schließlich in der Tschechoslowakei nieder. Zu dieser Zeit war Weiss noch unentschlossen, ob er sich der Malerei oder eher dem Schreiben widmen sollte. Im Januar 1937 schrieb der Zwanzigjährige an Hermann Hesse, dessen Werke, insbesondere Die Morgenlandfahrt, ihn zur Selbstverwirklichung als Künstler ermutigt hatten:

 

„Ich weiss, dass ich Maler und Dichter bin oder einmal werde, aber es ist schwer, heute auf diese Art sein Leben zu verbringen, vor allem, wenn man weniger mit seinen Gedanken im heutigen Tun und Treiben mit all seinem Motorengedröhn und der Unterhaltungsmusik steht, als in romantischen Gefilden. Ich suche also nach einem Weg und kann ihn nicht finden. [...] Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen etwas vorklage [...] Aber ich schreibe Ihnen nur, weil ich so viel von Ihnen weiss - und weil Sie für mich der Meister sind."

Er erhielt vom Älteren eine wohlwollende Antwort:

 

„Begabung haben Sie ohne Zweifel, sowohl als Dichter wie als Zeichner. Ihre Zeichnungen scheinen mir schon reifer und selbständiger zu sein als das Geschriebene. Ich könnte mir denken, daß Sie als Zeichner rascher fertig werden, und auch Anerkennung finden, denn als Dichter [...]

 

Ich würde raten: versuchen Sie immer wieder [...] literarische Übungen, das Aufzeichnen von Erlebnissen, von Gesehenem, von Kunstwerken, das möglichst genaue, präzise, nüchterne Nachzeichnen durch Worte. [...] Gerade da Sie das Malen und Musizieren ohnehin üben, sollten Sie versuchen, im Dichten nicht mit dem Andeuten der Stimmung zufrieden zu sein, sondern ein richtiges Zeichnen und Bauen mit den Worten probieren, so bewußt und nüchtern wie möglich, man lernt da nie aus."

Im September des gleichen Jahres reiste Peter Weiss nach Montagnola und wohnte sechs Wochen in der Casa Camuzzi. Sein Roman Cloe, dessen Manuskript er Hesse nach seiner Abreise zusandte, reflektiert diese Zeit. Ein Jahr später, Weiss war inzwischen durch die Vermittlung von Hermann Hesse an der Prager Kunstakademie eingeschrieben, begab sich der junge Künstler zusammen mit seinen Freunden Robert Jungk und Hermann Levin Goldschmidt zu Fuss von Zürich aus erneut nach Montagnola, ein „fideler Bund der Morgenlandfahrer". Diesmal blieb er fünf Monate in der Nähe Hermann Hesses, und zwar im Haus von Olly Jacques in Carabietta. In dieser Zeit war er außerordentlich produktiv, malte, zeichnete und schrieb viel in seinem Atelier. Unter anderem illustrierte er Hesses Märchen Die Kindheit des Zauberers. Im Januar 1939 verliess Weiss das Tessin und kehrte zu seinen Eltern zurück, die inzwischen nach Stockholm emigriert waren.

Bis 1947 blieb für Weiss die Malerei das hauptsächliche künstlerische Ausdrucksmittel. In den folgenden fünf Jahren trat das literarische Schaffen in den Vordergrund, erst in schwedischer Sprache, danach auch auf Deutsch. Ab 1952 widmete sich Weiss dem Medium Film; es entstanden mehrere Dokumentar- und Experimentalfilme. Der Briefwechsel mit Hermann Hesse war von 1944 an unterbrochen und wurde erst 1961 anlässlich der Pubkation von Weiss' Roman Abschied von den Eltern wieder aufgenommen.

Hermann Hesse reagierte begeistert:

„Lieber Peter Weiß!

Daß wir wieder von Ihnen hören, ist an sich schon eine Freude, denn Sie sind bei uns unvergessen, und daß es mit diesem großartigen Buch Ihrer Jugendgeschichte geschieht, verdoppelt die Freude [...].

Und nun haben Sie [..] dies Buch gemacht, das jeden Leser ergreifen und tief bewegen muß. Rein literarisch betrachtet, ist es vollkommen."

1962, kurz vor Hermann Hesses Tod, besuchte Weiss seinen väterlichen Freund ein letztes Mal in Montagnola. Peter Weiss erlebte jedoch keine wirkliche Nähe zu dem immer noch „hochverehrten Meister", der Besuch hinterließ bei ihm Verwirrung und Traurigkeit, wie seinem Notizbuch zu entnehmen ist:

 

[...] ich war noch einmal der befangene Schüler, dem noch nichts gelungen war, der von vorn beginnen musste, und über dies alles konnte nicht gesprochen werden, Frau Ninon hielt während der Mahlzeit alles Beunruhigende von uns ab, sie wachte über den Alten, dessen rotentzündete Augen so vieles erschaut, dessen knotige Hände so viel Wahres niedergeschrieben hatten, und immer wieder fragte ich mich, warum bin ich hier, was will ich denn sagen, und dann war die Besuchszeit schon vorüber, seine Frau sorgte dafür, daß er zur Ruhe ging, und ich hatte nichts von dem, was ich sagen wollte, aussprechen können [...]."

Und an anderer Stelle heisst es: „Im Park von Lugano, beim Blick hinunter auf die Allee am Seeufer, waren mir die Tränen gekommen - war ein Besucher, zwischen tausenden."

Den internationalen Durchbruch erlangte Peter Weiss zwei Jahre nach dem Tod des Meisters" im Jahr 1964, mittlerweile Mitglied der »Gruppe 47«, mit dem Theaterstück “Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade.

In den folgenden Jahren gewann er zahlreiche Literaturpreise in Ost- und Westdeutschland sowie in Schweden. Bis zu seinem Tod 1982 trat Weiss vor allem als politisch engagierter Bühnenautor an die Öffentlichkeit, machte sich jedoch auch mit seiner Trilogie Ästhetik des Widerstands einen Namen.

Posthum wurden ihm der Georg-Büchner-Preis, der Bremer Literaturpreis und der Schwedische Theaterkritikerpreis verliehen.

 

Copyright © Regina Bucher,

Fondazione Hermann Hesse Montagnola
"Diese Texte stammen zum Teil aus dem Buch: Regina Bucher, Mit Hermann Hesse durchs Tessin, Insel Verlag, Berlin 2010.", falls nicht anders vermerkt.

Reprinted here with the kind permission of the author.

 

Tesssiner Zeitung, TZ-Sonderausgabe, Frühjahr 2011, S. 21

 

 

15.6.2011


6. Juni 2011

"Der Kareno-Tag"

 

[Watercolor by Hesse, 1926,© Editionsarchiv Volker Michels, Offenbach a.M., abgedruckt in der TZ Tessiner Zeitung, mit deren Genehmigung, HHP 2011]]

 

 

Hermann Hesse hielt sich in den ersten Tessiner Jahren sehr häufig in Carona auf. Kennengelernt hatte er dieses wunderschöne, idyllische Dorf gleich im ersten Sommer auf Wanderungen, die er von Montagnola aus zusammen mit Freunden unternahm. In zweierlei Hinsicht bedeutsam ist der Ausflug, den er am 24. Juli 1919 mit der Künstlerin Margherita Osswald-Toppi, deren Ehemann Paolo Osswald, sowie der Malerin Anny Bodmer und ihrem Mann, dem Arzt Hermann Bodmer nach Carona machte. Literarisch hat dieser Ausflug Hermann Hesse zu dem Kapitel „Der Kareno-Tag" in seiner Erzählung Klingsors letzter Sommer inspiriert, in der diese Personen in den Charakteren „Ersilia", „Agosto", „die Malerin" und „der Doktor" wiederzuerkennen sind.

Persönlich war dieser Tag folgenreich, weil Hesse in Carona seine spätere Frau, die zwanzig Jahre jüngere Ruth Wenger (18971994), die „rote Königin der Gebir-ge", wie er sie im Klingsor nennt, näher kennenlernte.

Auch heute noch ist die Ankunft in Carona, von Pazzallo und Carabbia kom-mend, ausserordentlich spektakulär, denn die Straße führt durch einen Torbo-gen direkt unter dem Kirchturm von San Giorgio hindurch und wird im Klingsor wie folgt beschrieben: »[...] da war das Ziel, plötzlich, unverhofft: ein dunkler Torgang, eine große, hohe Kirche aus rotem Stein, froh und selbstbewußt in den Himmel hinan geschmettert, ein Platz voll Sonne, Staub und Frieden, rot verbrannter Rasen, der unterm Fuße brach, Mittagslicht von grellen Wänden zurückgeworfen, [...] eine Steinbrüstung um weiten Platz über blauer Unend-lichkeit.«

Hermann Hesse hielt sich in Carona häufig im „Papageienhaus" auf, dem Wohn-haus der Famile Wenger im Dorfkern, oder in ihrem Gärtchen, von Hesse „blauer Stern" genannt, direkt hinter der Kirche San Giorgio. Oft unternahmen er und Ruth in Gesellschaft von Freunden, darunter Emmy Ball-Hennings und Hugo Ball, Spaziergänge in die umliegenden Wälder, zum San Salvatore oder nach Morcote oder sie besuchten Lisa Tetzner und Kurt Kläber in ihrer Casa Pantrovà. Beson-ders hatten es Hermann Hesse die Kirchen des Dorfes angetan. Am Ortsende, gleich beim Friedhof, liegt die mittelalterliche, später barockisierte Kirche Santa Marta, wo Hesse sich nicht nur aufhielt, wenn er Ruth Wenger besuchte. So führte er auch seine Schwester Adele während eines Tessinbesuchs im Mai 1921 hierher und schrieb an seine zukünftige Frau Ruth in Delsberg: „Weißt du, wo ich im Gras liege und dies schreibe? Ich komme mit dem Rucksack und mit meiner Schwester eben von der Madonna d'Ongero und liege bei Sta. Martha, unter mir Nagasaki, meine Schwester ist müd und ist eingeschlafen, ich schreibe unterdessen zwei Zeilen an dich [...]. Die Grillen singen. [...] Am Generoso gehen die Wolkenschatten, die Hummeln fliegen." Von der Bank vor der Ein-gangstür hat man auch heute noch einen wunderbaren Blick auf den Monte Generoso mit seinen bewaldeten Hängen.

Noch Jahrzehnte nach der Trennung von Ruth, schon 75 Jahre alt und längst mit seiner dritten Frau Ninon verheiratet, schien sich Hesse an diesen friedvol-len Ort zu erinnern, wie er in einem Brief berichtet: „Neulich Anfang März, hatten wir einen Besuch, dem wir versprochen hatten, ihn eine Stunde spazie-ren zu fahren. Wir fuhren nach Carona und stiegen unterhalb der Sta. Marta aus, es war überall Frühling und nirgends mehr Schnee [...]. Etwas mühsam stieg ich zum Kirchlein hinauf, dort oben ist beinah noch alles genau wie es einst war."

Hesses Lieblingsort war jedoch zweifellos die Waldkirche Madonna d'Ongero, un-gefähr eine Viertelstunde Fußweg von Santa Marta entfernt. Hermann Hesse widmete diesem Gotteshaus gleich zwei Betrachtungen, Madonna d'Ongero, entstanden 1923, und Madonnenfest im Tessin von 1924. Die Ankunft bei der Kirche beschrieb er in seiner ersten Betrachtung: »Nun geht es durch Wald, schon am Geräusch des Laubes beim Vorüberstreifen fühle ich, daß hier zwi-schen den Kastanien auch Buchen stehen, hierzulande selten und schon darum stets willkommen und begrüßt. Plötzlich mündet der Weg in eine breite, stolze Rampe, die zwischen zwei Reihen von Stationshäuschen zur Madonna hinauf-fährt. Feierlich leitet der begraste Anstieg zur Kirche empor, einer in hellem warmen Rotgelb dämmernden Vorhalle entgegen, und hinter Kirche und Bäumen blendet Himmelshelle und durchglänzte westliche Ferne ahnungsvoll herein, und aufatmend steh ich oben. Da steht die alte Marienkirche schlafend mitten im schweigenden Walde, einsam am endlosen waldbewachsenen Berghang, und vor der bedachten Vorhalle ist Raum geblieben für eine halbrunde Schanze, eine von niederer Mauer umfaßte Pfalz [...].«

Einmal im Jahr, am zweiten Sonntag im September in den Nachmittagsstunden, wird bei der Kirche ein grosses Fest gefeiert, wenn die goldene Madonna für eine Prozession die Kirche verlässt. Hermann Hesse und Ruth Wenger nahmen zwischen 1921 und 1924 jedes Jahr am Madonnenfest teil, meist in Gesellschaft von Emmy Ball­Hennings, Hugo Ball und der Familie Wenger.

 

[Foto: Gruppe in Carona, 1919, © Editionsarchive Volker Michels, Offenbach a.M.]

 

Die Prozession wird in der Betrachtung Madonnenfest im Tessin von Hermann Hesse ausführlich und sehr anschaulich geschildert. Jedes Mal habe er „irgend-ein Bild, einen Klang,  einen Duft mitgenommen und [...] den Augenblick des Festes [...] dankbar und ergriffen mitgefeiert." Und weiter heisst es: „So ver-bindet vieles mich mit der kleinen Kirche am Berge, und am meisten liebe ich ihre Verborgenheit und magische Stille, ihr Sichverstecken, ihr Bestreben nach Unsichtbarkeit, ihre scheue Abwehr gegen Lärm und Menge, lauter Züge, in denen ich sie ganz und gar zu verstehen glaube.»

***

Copyright © Regina Bucher,

Fondazione Hermann Hesse Montagnola
"Diese Texte stammen zum Teil aus dem Buch: Regina Bucher, Mit Hermann Hesse durchs Tessin, Insel Verlag, Berlin 2010.", falls nicht anders vermerkt.

Reprinted here with the kind permission of the author.

 

Faksimile Wiedergabe der Tessiner Zeitung

PDF Format siehe unter dem 22. Mai 2011

 

Quelle: Tessiner Zeitung, Locarno


 

6.Juni 2011

"Verloren sein ... ist dies das Ziel?"

Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings: Dadaisten, Dichter, Denker

 

[Emmy Ball-Hennings, © Schweizerisches Literaturarchiv Bern, Nachlass Hugo Ball/Emmy-Ball-Hennings; ohne Datum]]

Emmy Ball-Hennings

 

Hugo Ball (1886-1927) wuchs in der süddeutschen Stadt Pirmasens in einem katholischen Elternhaus auf. Nach einem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie, welches er nicht abschloss, wurde Ball Schauspielschüler am Deutschen Theater Berlin und arbeitete ab 1912 als Dramaturg bei den Münch-ner Kammerspielen. 1914 kehrte er nach Berlin zurück, wo er sich für expres-sionistische Kunst und die literarische Avantgarde engagierte und in mehreren Zeitschriften veröffentlichte. Ein Jahr später emigrierte er mit Emmy Hennings, die er in München kennengelernt hatte, nach Zürich. Emmy Hennings (1885-1948) hatte eine wechselvolle Geschichte hinter sich: In Flensburg geboren und aufgewachsen, verdingte sie sich zunächst als Dienstmädchen. Nach einer ge-scheiterten Ehe, aus der die Tochter Annemarie (1906-1987) hervorging, arbei-tete sie als Theater-Schauspielerin, Diseuse, Animiermädchen, Hausiererin und Prostituierte. Ab 1910 war Emmy Hennings für zahlreiche Künstler Muse, Gelieb-te und Modell; gleichzeitig begann sie, Morphium und Opium zu konsumieren.

1911 konvertierte sie zum katholischen Glauben und fing an, als Diseuse in der Münchner Künstlerkneipe „Simplicissimus" zu arbeiten. Zwei Jahre später wurde ihr erster Gedichtband Die letzte Freude veröffentlicht, und kurz darauf ver-brachte sie wegen kleinerer Vergehen zweimal mehrere Wochen im Gefängnis. Auch nach dem Umzug mit Hugo Ball nach Zürich änderte sich zunächst nichts an diesem Alltag aus Armut, Prostitution, Drogensucht und Tingeltangel. 1916 gründeten Emmy Hennings und Hugo Ball das „Cabaret Voltaire", welches sich zum Ausgangspunkt der dadaistischen Bewegung entwickelte. Ein Jahr später organisierte Ball zusammen mit Tristan Tzara die „Galerie Dada", in der Künstler wie Paul Klee, Wassily Kandinsky, Hans Arp und August Macke ausstellten.

 

Emmy Hennings und Hugo Ball traten im Cabaret Voltaire auf und bestritten auch Soireen in der Galerie Dada. 1918 und 1919 erschienen Hugo Balls Romane Flametti oder Vorn Dandvvsmus der Armen und Kritik der deutschen Intelli-genz. Emmy Hennings veröffentlichte Gefängnis(1919) und Das Brandmal(1920). Immer wieder unternahmen die beiden Künstler von Zürich aus Reisen ins Tes-sin. 1920 heirateten sie in Bern und zogen im August nach Agnuzzo, nachdem Hugo Ball sich endgültig und radikal dem Katholizismus zugewandt hatte. Im Tessin waren beide weiter schriftstellerisch tätig und publizierten verschiedene Werke, darunter Byzantinisches Christentum. Drei Heiligenleben (1923) und Die Flucht aus der Zeit (1927) von Hugo Ball und Der Gang zur Liebe (1926) und Hugo Balls Weg zu Gott (1931) von Emmy Ball-Hennings.

Hugo Ball starb 1927 an einer Krebserkrankung. Seine Witwe lebte bis zu ihrem Tod 1948 in verschiedenen Dörfern im Tessin, unter anderem auch in Agnuzzo.

***

Copyright © Regina Bucher, Fondazione Hermann Hesse Montagnola
"Diese Texte stammen zum Teil aus dem Buch: Regina Bucher, Mit Hermann Hesse durchs Tessin, Insel Verlag, Berlin 2010." Reprinted here with the kind permission of the author.

 

Faksimile Wiedergabe der Tessiner Zeitung siehe unter dem 22.Mai

PDF Format

Quelle: Tessiner Zeitung, Locarno


22. Mai 2011

[Faksimile der Sonderausgabe 2011 der Tessiner Zeitung, mit Genehmigung ]Redaktion. HHP 2011

 

Die Einführung aus der Sonderausgabe der TZ:

 

Hermann Hesse und

seine Künstlerfreunde im Tessin

Von 1919 bis zu seinem Tod 1962 lebte Hermann Hesse in Montagnola, heute ein Ortsteil von Collina d'Oro, kaum zehn Autominuten von Lugano entfernt. Die ersten zwölf Jahre wohnte er in einer Wohnung in der Casa Camuzzi und ab 1931 in der Casa Rossa oberhalb der Ortskerns. Das Tessin, erst nur als vorübergehender Aufenthaltsort geplant, wurde für Hermann Hesse zur Heimat, wo er seine millionenfach aufgelegten Werke schrieb und deren reizvolle Landschaf ihn zum Malen inspirierte. In Montagnola erreichte ihn 1946 die Nachricht von der Verleihung des Nobelpreises für Literatur und hier wurde er, kurz vor seinem Tod, feierlich mit der Ehrenbürgerschaft der Gemeinde geehrt.

 Außer Hesse ließen sich auch andere Künstler in der Gegend nieder oder hielten sich zumindest für einige Zeit in dem Dorf Montagnola auf. Dazu gehörten der Illustrator, Grafiker und Maler Gunter Böhmer, der auf Einladung von Hermann Hesse 1933 nach Montagnola kam und bis zu seinem Tod im Jahre 1986 hier wohnte, und die Teppichweberin Maria Geroe-Tobler. Auch Peter Weiss, der später ein weltbekannter Dramaturg und Experimentalfilmer wurde, kam 1937 und 1938 wegen Hermann Hesse ins Tessin und wohnte in der Casa Camuzzi und im nahen Dorf Carabietta. Erst 1944 stieß der aus Deutschland stammende Maler Hans Purrmann dazu, als er vor den National-sozialisten von Italien in die Schweiz flüchten musste.

Etwas weiter entfernt, in Agnuzzo unterhalb der Collina d'Oro, lebten ab 1920 zwei weitere Künstler-persönlichkeiten, die zum engsten Freundeskreis gehörten: Hugo Ball und seine Ehefrau Emmy Ball-Hennings. Das Paar zählte zu den Mitbegründern der dadaistischen Bewegung und hatte im berühm-ten Cafe Voltaire und in der Galerie Dada in Zürich eine wichtige Rolle gespielt. 

Ein weiterer Kreis von Freunden entstand schon während des ersten Tessiner Sommers in Carona, am Fuße des San Salvatore. Dort lernte Hesse Ruth Wenger und ihre Mutter, die Schriftstellerin Lisa Wenger kennen. Ruth wurde Jahre später Hesses zweite Frau, und durch sie machte er auch die Bekanntschaft der Schriftsteller Lisa Tetzner und Kurt Kläber, Gründer der Casa Pantrovà im glei-chen Dorf. 

Im Laufe der 43 Jahre, die Hesse im Tessin wohnte, war er nicht in gleichem Maße mit allen hier genannten Künstlern zusammen. In der ersten Zeit, bis Ende der 20er-Jahre, verbrachte er mit den Balls und den Freunden in Carona die intensivsten Momente. Nach Balls Tod und der Scheidung von Ruth Wenger waren es vor allem Gunter Böhmer, dessen spätere Frau Ursula, Hans Punmann, Maria Geroe-Tobler und die Witwe Emmy Ball-Hennings, die zum engsten Freundeskreis gehörten und häufig bei Hesse und seiner dritten Frau Ninon zu Gast waren.

 *** 

© Regina Bucher, Fondazione Hermann Hesse, Montagnola.

Die Texte stammen zum Teil aus dem Buch: Regina Bucher, Mit Hermann Hesse durchs Tessin, Insel Verlag, Berlin 2010, veröffentlicht in der Sonderausgabe der Tessiner Zeitung 2011 zu Hermann Hesse und seinen Künstlerfreunden.

 

PDF Faksimile Zugang zu den Textseiten der

Tessiner Zeitung, Locarno,

Sonderausgabe Frühjahr 2011

(mit freundlicher Genehmigung der Redaktion)

Bitte beachten:

Copyright: Aller Texte, sofern nicht anders angegeben:

© Regina Bucher, Fondazione Hermann Hesse Montagnola

 

Seite 2  

Einführung und Informationen: Hermann Hesse und seine Künstlerfreunde im Tessin

Seite 3  

Hans Purrmann:

Ein Meister der Farbe.

Gemälde, Schriften und Freund-schaften

Seite 9

"Sich auf vielen Stufen verstehend"

Der Illustrator Gunter Böhmer und Hermann Hesse

Seite 15

Die Dadaisten.  "Verloren sein ... ist dies das Ziel?"  Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings: Dadaisten, Dichter, Denker

Seite 17

"Der magische Bischof" und der "Märchenvogel".  Die Freundschaft von Hugo Ball  und Emmy Ball-Hennings mit Hermann Hesse

Seite 23

"Der Kareno-Tag". Hermann Hesse und Carona: "Der Nachmittag ging hin wie im Paradies."

Seite 25

Die zweite Ehefrau. "Ich bin der Hirsch und du das Reh." Hermann Hesse und Ruth Wenger.

Seite 27

Künstlertreffpunkt. Lisa Tetzner, Kurt Kläber, die Casa Pantrovà und Hermann Hesse.

Seite 31

Bücher. Literaturtipps zum Thema.

 

Quelle: Suhrkamp Archiv, Berlin


16. Mai 2011

Auf der Suche nach dem eigenen Sinn im Leben

Montagnola bringt eine ganz besondere Hesse-Lesung nach Calw
(mit Harry White am Saxophon)

 

Am Samstag 21. Mai 2011 bringt die Gemeinde Collina d’Oro zusammen mit dem Museum Hermann Hesse Montagnola im Rahmen der Städtepartnerschaft die jährliche Austauschveranstaltung nach Calw. „Eigensinn macht Spaß“ lautet der Titel der musikalisch umrahmten deutsch-italienischen Hesse-Lesung, die um 19.30 Uhr in der Aula am Schießberg stattfindet. Der Eintritt ist wie immer frei.

„Eine Tugend liebe ich besonders: den Eigensinn“, bekannte Hermann Hesse in einer Betrachtung über Lebensgestaltung. Nun ist Eigensinn in unserer Gesell-schaft nicht unbedingt ein Charakterzug, dem das Prädikat Tugend zugestanden wird, sondern eher das Gegenteil. Aber Hesse verstand es, diesen Begriff so zu füllen, dass er wertvoll, ja unverzichtbar für die Lebensgestaltung wird: Eigen-sinn war für ihn die Suche nach dem eigenen Sinn, nach dem, was das mensch-liche Individuum ausmacht.

In einem Brief von 1935 schrieb er dazu: „Es gibt für jeden keines andern Weg der Entfaltung und Erfüllung, als den der möglichst vollkommenen Darstellung des eigenen Wesens. `Sei Du selbst´ ist das ideale Gesetz, zumindest für den jungen Menschen, es gibt keinen andern Weg zur Wahrheit und zur Entwick-lung.“ Allerdings ist damit eine hohe Verantwortung verbunden, denn es muss das eigene Maß gebunden werden: „Da muss jeder für sich allein, nach seinen eigenen Kräften und Bedürfnissen entscheiden, wieweit er sich der Konvention, die Forderungen von Familie, Staat, Gemeinschaft in den Wind schlägt, muss er es tun mit dem Wissen darum, dass es auf seine eigene Gefahr geschieht.“

Das Programm wird von den Schauspielern und Sprechern Graziella Rossi (deutsch) und Antonio Ballerio (italienisch) gelesen, die bereits aus den ver-gangenen Jahren durch ihre ausdruckvollen Lesungen in Calw in bester Erin-nerung sind.

Im musikalischen Rahmenprogramm setzt die Veranstaltung ein neues Glanz-licht, da dafür der immer wieder einmal in Berlin gastierende amerikanische Ausnahmesaxophonist Harry White gewonnen werden konnte.

 

Quelle: Museo T. +41 (0) 91 993.37.70 / F. +41 (0) 91 993.37.72 / info@hessemontagnola.ch
Caffè letterario Boccadoro T. +41 (0) 91 993.37.50 / boccadoro@hessemontagnola.ch


18. April 2011

[Baeume, watercolor by Hermann Hesse, with permision of the Hesse Editionsarchiv Volker Michels, 2011]

Bäume, Tuschzeichnung v. Hermann Hesse

 

Osterlesung

"Bäume, das Urgesetz des Lebens"

im Museum Montagnola

Ostersonntag, den 24. April, 17.00 Uhr

 


Zum Internationalen Tag des Baumes am 25. April werden Prosatexte und Gedichte von Hermann Hesse gelesen, die sich mit Bäumen und ihrer symbolhaften Bedeutung befassen.

Es gibt in Hesses Werk viele Texte, in denen er den einzelnen Menschen mit einem Baum gleichsetzt. Noch in seinem letzten Gedicht Knarren eines geknickten Astes, das er kurz vor seinem Tod schrieb, verwendet Hesse das Bild des Baumes stellvertretend für den Menschen.

Vorstellungen, in denen ein Baum einen Menschen symbolisiert, sind in der Kulturgeschichte häufig. In Zentralasien, Japan, Korea und Australien gilt er z.B. als Ahne des Menschen. In Indien wurde eine Braut vor der Hochzeit oft symbolisch mit einem Baum vermählt. Hesse greift in seinen Dichtungen somit ein altes und mythisch besetztes Bild auf, wenn er Baum und Mensch in eins setzt. So schreibt er 1920 in einer Betrachtung:

„Bäume sind wie Einsame. Nicht wie Einsiedler, welche aus irgendeiner Schwäche sich davongestohlen haben, sondern wie grosse, vereinsamte Menschen, wie Beethoven und Nietzsche. In ihren Wipfeln rauscht die Welt, ihre Wurzeln ruhen im Unendlichen; allein sie verlieren sich nicht darin, sondern erstreben mit aller Kraft ihres Lebens nur das Eine: ihr eigenes in ihnen wohnendes Gesetz zu erfüllen, ihre eigene Gestalt auszubauen, sich selbst darzustellen. Nichts ist heiliger, nichts ist vorbildlicher als ein schöner starker Baum.“

Während der Lesung werden Fotografien von Gisa Joana Blecke projiziert. Die Kunsttherapeutin und Psychologin hat in den Tessiner Wäldern „Baumwesen“ aufgespürt und in beeindruckenden Bildern festgehalten.

 

Mit Rudolf Cornelius (deutsch) und Antonio Ballerio (italienisch).
Eintritt Fr. 7.50.-/ Fr. 6.-MUSEUM HERMANN HESSE MONTAGNOLA
Ostersonntag, den 24. April, 17.00 Uhr
„Bäume – das Urgesetz des Lebens“
Lesung in italienischer und deutscher Sprache

Quelle: Würsch, Montagnola


23. März 2011

 

[Image of Eva Hesse dated Sept 10, 2010, included in press release, no copyright stated, HHP 2011]

 

"Frühling"

Lesung mit Eva Hesse

in Montagnola

 

Eva Hesse, Tochter des Hesse-Sohnes Heiner, lebt und arbeitet als bildende Künstlerin in Italien. Zudem schreibt sie Gedichte, die sie selbst illustriert. In Montagnola liest sie Prosa und Gedichte ihres Grossvaters zum Thema „Frühling“ sowie eigene Texte.

Hermann Hesse hat dem Thema Frühling viele Prosatexte und Gedichte gewidmet und Tessiner Landschaften im Frühling in seinen farbenfrohen Aquarellen festgehalten.

In seinem Gedicht „Märzsonne“ aus dem Jahr 1948 heisst es:

Trunken von früher Glut

Taumelt ein gelber Falter.

Sitzend am Fenster ruht

Schläfrig gebückt ein Alter.

(...)

Frühling summt bienenleis

Seine Gesänge, die holden.

Himmel schwingt blau und weiss

Falter entflattert golden.

Musikalisch begleitet wird diese Veranstaltung von Francesca Dellea (Quer-flöte) aus Lo-carno. Nach der Matura studierte sie zuerst an der Musikhochschule Zürich und anschlies-send an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz, wo sie ihr Magistrat der Künste (2. Diplomprüfung mit Aus-zeichnung) bekam.

Sie besuchte verschiedene Meisterklassen und wurde u.a. mit dem “Yvonne Lang-Chardonnens” Preis ausgezeichnet. Francesca Dellea wurde als Kammermusikpartnerin zu verschiedenen renommierten internationalen Festivals in Europa und Japan eingeladen. Als freischaffende Flötistin wirkt sie mit dem Orchestra della Svizzera italiana, dem Orche-ster der Oper Zürich und dem Orchestra Filarmonica di Torino zusammen. Sie ist Mitglied des Schweizeri-schen Musikpädagogischen Verbands.

***

Samstag, den 26. März

Museum Hermann Hesse, 17.30 Uhr

In deutscher Sprache

Eintritt Fr. 7.50/ Fr. 6.-

 

Quelle: Marisa Würsch, segretaria-contabile

6926 Montagnola

T. +41 91 993.37.70

C. +41 79 464.44.82

F. +41 91 993.37.72

marisa@hessemontagnola.ch


12. Januar 2011

 

[Gunter Böhmer Selbstbildnis, 1978,Foto Walk; übernommen mit Genehmigung aus der Pforzheimer Zeitung, Januar 2011]

Gunter Bömer Selbstbildnis 1978

Foto Walk

 

„Gunter Böhmer portraitiert Hermann Hesse“

Ausstellung zum 100. Geburtstag des Malers und Illustrators

CALW. Begegnungen können einen Lebenslauf verändern, ihn entscheidend prägen. Und es sind nicht nur erotische Funken wie bei Heloïse und Abaelard oder Petrarca und Laura, die jahrzehntelang nachglühen, sondern oftmals ist es auch jenes geistig-seelische Fluidum, das Menschen auf eigenartige Weise wie Zwillingssterne umeinander kreiseln lässt. Einen für seine Lebensgestaltung zweifelsohne wirkungsvollen Schritt tat der junge, 1911 in Dresden geborene Maler Gunter Böhmer, als er Anfang der 30er-Jahre des 20 Jahrhunderts den von ihm verehrten Schriftsteller und Dichter Hermann Hesse in der Schweiz besuchte. Der von Hesse liebevoll als „Gartenbruder“ apostrophierte Böhmer zog 1933 in die Casa Camuzzi in Montagnola und war damit bis zu Hesses Tod im Jahr 1962 der unmittelbare Nachbar und Freund. Doch nicht nur die von Böhmer launig beschriebene gemeinsame Gartenarbeit verband die beiden Künstler-naturen. Hesses Verleger S. Fischer hatte bei Hesse Zeichnungen Böhmers gesehen und daraufhin dem jungen Künstler dessen ersten Illustrationsauftrag gege-ben. Vor allem die mit feinem Liniengeflecht auf-wartenden unzähligen Zeichnungen zu Hesses Werken verbinden Böhmers Namen unauslöschlich mit dem des Literatur-nobelpreisträgers. Leider sind manche der illustrierten Werke längst vergriffen, wie beispiels-weise die mit einer Reihe Zeichnungen angereicherte Ausgabe von „Unterm Rad“.


     Schon früh hatte Böhmer auch eine Beziehung zu Hesses Geburtsstadt Calw aufgebaut. Dem Dichter in der Schweiz hatte der junge Künstler bei einem Besuch im Jahr 1933 etliche Stadtansichten von Calw mit-gebracht. Für seine Verdienste um Calw war der Maler und Illustrator im Jahr 1981 mit der Hermann-Hesse-Medaille ausgezeichnet worden, und bereits etliche Jahre zuvor ehrte Baden-Württemberg den Künstler mit der Verleihung der Verdienstmedaille des Landes. Fast sein gesamtes Werk an Illustrationen zu Hesse und Hesses Werk sowie viele seiner Arbeiten an freier Grafik hat der Künstler in der Günter-Böhmer-Stiftung Calw der Stadt vermacht.

     Nun am 13. April wäre Böhmer 100 Jahre alt geworden; sein Todestag jährte sich am 8. Januar zum 25. Mal. Anlass genug für Calw, im Hermann-Hesse Museum am Marktplatz eine Ausstellung zu eröffnen, Titel: „Lebenslinien. Gunter Böhmer porträtiert Hermann Hesse.“ Über die Jahrzehnte hinweg hatte der Zeichner die markanten Gesichtszüge seines Dichterfreundes mit energischen Strichen eingefangen – grafische Studien, in denen die seelischen und körperlichen Verwandlungen Hesses seismographisch festgehalten werden. Es ist ungemein spannend, dieser Porträtkunst ein Augenmerk zu widmen, denn diese Zeichnun-gen geben nicht nur Auskunft über die Vielgesichtigkeit eines Dichters, den auch das fortschreitende Alter prägt, sondern die psychologisch aufschlussreiche Sehweise des Zeichners selbst, dessen emotionelle Verbundenheit zu Hesse ebenfalls widergespiegelt wird in den Blättern. Der poetische Geist und Anspruch Hesses findet in Böhmers Arbeiten die grafische Entsprechung.


      Die Werkschau im Calwer Hermann-Hesse-Museum wird bis zum 30. Juni zu sehen sein. Doch damit erschöpft sich Calws Reverenz an Böhmer keineswegs. Vom 14. Juni bis zu 17. Juli werden in der Kunden-halle der Sparkasse rund 100 Bilder ausgestellt werden, die ebenfalls aus der mehr als 20 000 Arbeiten um-fassenden Gunter-Böhmer Stiftung in Calw stammen.

Sebastian Giebenrath

 

Menu

Quelle: oss, Calw